Der Tagesspiegel : Stadt ohne Schwellen

Jeder vierte Einwohner von Wittenberge ist über 65. Die Gemeinde hat sich darauf eingestellt. Alle Neubauten müssen barrierefrei sein

Marion Hartig

Wittenberge - Als die alte Dame den Laden betritt, weiß Petra schon, was kommt. „Schneiden und Dauerwelle, bitte“ wird die Seniorin sagen, so wie die meisten Kundinnen, die sich vor den großen Spiegel setzen. Dabei würde die Frisörin gerne endlich mal wieder mit Gel und Farbe arbeiten und einen modernen Schnitt machen. Aber junge Kunden mit außergewöhnlichen Wünschen sind rar in ihrem Salon. Und das dürfte auch in Zukunft nicht anders werden.

Petra lebt in Wittenberge, ungefähr eine Zugstunde nordwestlich von Berlin. Die 20 000-Einwohner-Stadt an der Elbe ist heute so etwas wie ein Zukunftsmodell: Hier wird vorgelebt, was laut Statistik in einigen Jahrzehnten im ganzen Land Brandenburg Realität sein wird: Mehr als jeder vierte Bürger ist 65 Jahre oder älter. Das Durchschnittsalter beträgt 49 Jahre – in Brandenburg sind es 44 Jahre. Der durchschnittliche Bundesbürger ist dagegen erst 42 Jahre alt, ebenso der Berliner.

Dass Wittenberge überaltert ist, liegt, wie überall in Deutschland, vor allem daran, dass immer weniger Kinder zur Welt kommen und die Menschen immer älter werden. Nur, dass es hier auch noch weniger Arbeit gibt als anderswo. So sehen noch mehr junge Menschen für sich keine Zukunft und ziehen weg. „Das hat nach der Wende angefangen“, sagt Bürgermeister Klaus Petry. Er sitzt im Rathaus, das wie eine Burg aussieht, in einem Büro mit schweren Möbeln aus Holz. Die großen Industrieanlagen wurden dicht gemacht, das Nähmaschinenwerk, das Zellwollewerk, die Speiseölmühle. Tausende von Arbeitslosen zogen mit ihren Familien gen Westen.

Die Leere, die sie hinterlassen haben, hat die Stadt mit EU-Geldern und Fördermitteln des Landes so gut wie wegsaniert. Und bei der Gelegenheit hat sich Wittenberge auch gleich als Seniorenstadt fit gemacht.

Man erkennt das zum Beispiel daran, dass die Menschen seltener mit gesenktem Kopf durch die Straßen laufen: Es gibt keine Stolperfallen, die Bordsteinkanten sind abgesenkt. Fahrradfahrer können, ungefährdet vom Straßenverkehr, fast überall auf Radwegen fahren. Wer den Bürgermeister im Rathaus in seinem Büro besuchen will, kommt ohne Anstrengung in den ersten Stock: mit dem Fahrstuhl. Wenn in Wittenberge neu gebaut wird, soll es barrierefrei sein – bequem zu benutzen auch für Menschen, die weniger mobil sind, sagt Bürgermeister Petry. Das gilt für private Gebäude ebenso wie für öffentliche.

Und das ist nicht alles, was die Stadt für ihre alternde Bevölkerung getan hat. In der Fußgängerzone, über einem Drogeriemarkt, ist betreutes Wohnen möglich. Ein paar hundert Meter weiter, direkt am Park, steht ein neues Altenpflegeheim. Daneben das Gesundheitszentrum. Etwas weiter ein modernes Gebäude aus Glas, das sanierte Schwimmbad.

Der Bürgermeister, ein Mann mit schütterem Haar, rutscht auf seinem Holzstuhl nach vorn. Wittenberge, ein Paradies für Senioren? So etwas hört der 62-Jährige dann doch nicht gern. „In seiner Stadt soll sich jeder wohlfühlen“, sagt er. Es nutze doch allen, wenn die Bürgersteige niedrig sind. Klaus Petry spricht nicht über demografische Probleme, sondern über „Chancen“. Viele Senioren bleiben heute lange körperlich und geistig fit. „Sie gestalten das Leben in der Stadt mit“, sagt der Bürgermeister. Sie engagieren sich im Seniorenbeirat, spielen Tischtennis, hören klassische Musik im Kulturhaus oder lernen französisch in der Volkshochschule. Die Stadt entwickle sich aus dem Bedarf ihrer Bürger.

Wie es in Wittenberge weitergeht, wenn die heute noch mobilen Alten bald nicht mehr so gesund und beweglich sind, das kommt in Petrys Zukunftskonzept jedoch nicht vor. Darüber wird man in der Stadt wohl erst nachdenken, wenn es so weit ist. „Noch haben wir eine ganz vernünftige Mischung von alt und jung“, sagt er.

Petry findet auch nicht, dass die jungen Menschen schlechter wegkommen, als die älteren. Das Geld, das die Stadt für sie ausgibt, gehe an erster Stelle in Bildung. Außerdem hat Wittenberge Jugendzentren, eine Musikschule, ein Kino und eine Skaterbahn. „Alle sind zufrieden, von Neid unter den Generationen, wie man das in den Zeitungen oft liest, keine Spur“, sagt Klaus Petry.

Das sieht nicht jeder in Wittenberge so. In der Einkaufsstraße, einige hundert Meter vom Rathaus entfernt, schiebt eine junge Mutter einen Kinderwagen vor sich her. „Es wird viel für die Alten getan, für die Jugendlichen aber wenig“, sagt sie. Die würden abends immer in der City rumhängen, weil es kaum einen anderen Platz gebe, wo sie sich treffen können. Sandra und Jakob sehen das ähnlich. Sie ist 16 Jahre, er 17. Sie lernen an der Musikschule Saxophon und Bratsche, ab und zu gehen sie ins Kino. Nach dem Abitur wollen sie vielleicht in Berlin studieren. Nur nicht in Wittenberge bleiben.

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