Der Tagesspiegel : Stalin rein, Stalin raus – die Partei filmte mit

Die neue Dauerausstellung „Babelsberg – Gesichter einer Filmstadt“ im Marstall

Hans-Jörg Rother

Potsdam. Der Anfang gehört heiteren Erinnerungen. In einer weiß glänzenden Vitrine sieht man ein Umschlagtuch der Stummfilmdiva Asta Nielsen, einen Ballettschuh von Lilian Harvey, dem Ufa-Star der 30er Jahre. In der Nähe eine Schulbank, die von Aufnahmen für die „Feuerzangenbowle“ von 1944 übrig blieb. Doch dann färben sich die Vitrinen rot. In einem langen Gang zwischen den hinter Glas gesteckten Ausstellungsstücken zur Linken und einer Chronik der Zeitereignisse zur Rechten geht der Besucher an 45 Jahren Defa-Geschichte entlang – in der wenig Vergnügen vorkam.

Man wollte bei der Defa ja, Kurt Maetzig sagt es noch einmal zur Eröffnung am Donnerstagabend, auf die Gesellschaft einwirken und die Impulse der Zeit aufnehmen. So muss dem Mitbegründer der DDR-Filmproduktionsgesellschaft diese Ausstellung gut gefallen. Lächelnd bleibt er vor den Souvenirs seines zweiteiligen Thälmann-Films stehen und zieht die Schubfächer auf, in denen zusätzliche Informationen stecken. Stalin rein, Stalin raus, könnte man das Vorgehen der Parteiführung bei diesem Mammutprojekt nennen. 1954 schien ihr im Drehbuch „die Rolle der Sowjetunion“ zu wenig gewürdigt. 1962 – reichlich spät – wies sie an, „die Bedeutung Stalins durch Schnitt weitgehend zurückzunehmen“. Da finden sich Protokolle von der erst lobenden Abnahme von Maetzigs kritischem Gegenwartsfilm „Das Kaninchen bin ich“ aus dem Jahr 1965, dann Protokolle der vernichtenden Polemik im Gefolge des berüchtigten 11. ZK-Plenums nur kurze Zeit später. Schließlich die gewundene Selbstkritik des Regisseurs, Beleg der gescheiterten Hoffnung, einen Staat mit Hilfe der Kunst bilden und vermenschlichen zu wollen.

Aus der schrägen Mansarde des Potsdamer Marstalls ist die Dauerausstellung, in völlig neuem Gewand, in die große Reithalle herabgezogen, die bislang den Sonderausstellungen vorbehalten war. Vor fünf Jahren prägte hier die erste deutsche Riefenstahl- Ausstellung schon das architektonische Leitbild auch der jetzigen Präsentation: kühle Sachlichkeit, Durchblick, ein Maximum an Informationen. Auf zwei großen Wandmonitoren blinkt die Zeitgeschichte, auf kleineren in den Vitrinen werden Filmausschnitte geboten. Durchgänge markieren die historischen Zäsuren in der Geschichte der Filmstadt seit den Anfängen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Der Defa-Spielfilm bildet naturgemäß den Sammlungsschwerpunkt des 1983 eröffneten Potsdamer Filmmuseums. Die schmale Gewichtung der bedeutenden Ufa-Geschichte in der neuen Schau über „Babelsberg – Gesichter einer Filmstadt“ überrascht trotzdem. Bärbel Dalichow, die Direktorin des Hauses, begründet das so: Man wolle und könne dem Berliner Filmmuseum keine Konkurrenz machen, und außerdem habe die Ufa ja nur ein Dutzend Jahre, bis 1933, wichtige Kunst hervorgebracht. Im Jahr 2012 feiert die Filmstadt Babelsberg ihr 100. Jubiläum - Gelegenheit für ein neues Konzept?

Eine Million Euro hat die Präsentation gekostet. Wie viel Arbeit in ihr steckt, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Man muss schon Zeit zum Schauen, Hören und Lesen mitbringen, die Schubfächer öffnen und auf Knöpfe drücken, um den Informationsreichtum auszuschöpfen. An zwei Arbeitstischen kann der Besucher die Namen von Stars oder Filmtitel eingeben und erhält profunde Auskunft, auch aus der Ufa-Periode. Man ist zum Studieren und Wiederkommen eingeladen. Vor allem lohnt es sich, die Rückseite der Vitrinenschränke gründlich zu betrachten, denn da werden keine staatserhaltenden, sondern künstlerisch bemerkenswerte Werke in Erinnerung gebracht. Egon Günthers „Lotte in Weimar“, Heiner Carows „Die Geschichte von Paul und Paula“, Ralf Kirstens gekürzter Barlach-Film „Der verlorene Engel“ oder Wolfgang Staudtes unsterbliche Märchenverfilmung „Die Geschichte vom kleinen Muck“ haben das Ansehen der Defa gerettet. Und die Perücke, die Gojko Mitic in fast allen Defa-Indianerfilmen trug, ist ebenso erfreulich wie manche Ufa-Funde.

Dennoch: Es fällt auf, dass die Gegenströmungen zu Ideologie und filmischer Konvention nur wenig zur Geltung kommen. Besonders schmerzt, dass der Defa-Dokumentarfilm völlig fehlt. Auch da gab es viel Propaganda, aber auch herausragende Arbeiten. Doch das wäre wohl schon ein neues Kapitel.

Filmmuseum, Marstall am Lustgarten, 14467 Potsdam, täglich 10-18 Uhr, Eintritt 3 Euro

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