Der Tagesspiegel : Standortschließung: Hennigsdorf droht das Aus

Klaus Kurpjuweit

Dem "Verkehrskompetenzzentrum" Berlin-Brandenburg droht ein harter Schlag: Nach Informationen des Tagesspiegels steht der Schienenstandort Hennigsdorf mit 2600 Beschäftigten nach der vorgesehenen Übernahme von Adtranz durch den kanadischen Bombardier-Konzern komplett auf der Kippe. "Einer wird dran glauben müssen - der Adtranz-Standort Hennigsdorf oder das Bombardier-Werk in Ammendorf in Sachsen-Anhalt", sagte ein Insider. Adtranz-Sprecher Hans-Christian Maaß bezeichnete diese Überlegungen als "völlig absurd".

Der Anfang August vereinbarte Verkauf von Adtranz an Bombardier für 1,5 Milliarden Mark wird derzeit von der EU in Brüssel im Hinblick auf den Wettbewerb geprüft. Dass unabhängig von dem Votum der Kartellwächter ein Zusammengehen zu einem Verlust von Arbeitsplätzen führt, war allen Beteiligten von Anfang an klar. Die zentrale Frage dabei ist, ob alle Standorte "bluten" müssen oder ob eine Produktionsstätte vollständig geschlossen wird.

Die Werke in Ammendorf und Hennigsdorf sind beide inzwischen auf Triebwagen spezialisiert, nachdem Adtranz den Lokomotivbau von der einstigen "Lokschmiede" Hennigsdorf nach Kassel verlagert hat. "Und bei Überkapazitäten ist es sinnvoll, einen Standort komplett aufzugeben", sagen Experten. So lasse sich am meisten sparen.

Dabei sei der Standort Hennigsdorf, wie verlautet, am gefährdetsten. Fast paradox dabei ist, dass die ostdeutschen Werke als die modernsten überhaupt gelten. Nach der Wende waren alle drei großen Standorte von Schienenfahrzeugherstellern - neben Ammendorf und Hennigsdorf gehört dazu noch das Bombardier-Werk in Görlitz - auch mit öffentlichen Mitteln modernisiert worden. Davon ließ sich Adtranz in der Vergangenheit aber auch nicht schrecken. Das neue Werk in Berlin-Pankow wurde schon kurz nach der Eröffnung dicht gemacht und überlebte nur durch den Einstieg des Schweizer Unternehmens Stadler.

Eine wichtige Rolle werden jetzt die Landesregierungen in Berlin und Brandenburg sowie in Sachsen-Anhalt spielen. Droht ein Unternehmen mit einer Standortschließung, die zum Verlust von mehreren tausend Arbeitsplätzen führt - wenn auch die Zulieferer mit eingerechnet werden - sind die Regierungen in der Regel zu finanziellen Zugeständnissen bereit. Auch Stadler hatte sich das Engagement in Pankow durch die vom Senat durchgedrückte Bestellung von 20 weiteren U-Bahn-Zügen für die BVG erkaufen lassen, die diese gar nicht haben wollte.

In der Vergangenheit hatten die Landesregierungen auch häufig den Kauf von neuen Fahrzeugen der Bahn beeinflusst, die dann meist aus einem "einheimischen" Betrieb stammten. Darauf will Bahnchef Hartmut Mehdorn aber keine Rücksicht mehr nehmen. Für ihn spielt nur noch der Preis eine Rolle. "Wir könnnen unsere Fahrzeuge auch im Ausland kaufen", sagt er. Auch die neuen Züge der S-Bahn für Berlin werden nur zur Hälfte in Hennigsdorf zusammmengebaut. Die anderen stammen bereits aus Ammendorf.

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