Stasi-Offizier : Brandenburgs Auslands-Agent

Ein früherer Stasi-Offizier vertrat die märkische Politik und Wirtschaft in aller Welt – bis zu seiner Suspendierung vor wenigen Tagen.

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Potsdam Da hätte wohl jemand vor der eigenen Tür kehren sollen: Als Detlef Stronk, der langjährige Chef der Zukunftsagentur Brandenburg (ZAB) aus dem Amt schied, attestierte er der rot-roten Landesregierung angesichts der Stasi-Fälle einen schlechten Start. Jetzt aber hat die Wirtschaftsförderungsagentur, wie berichtet, ihre eigene Affäre.

Schon vor dem Ende der DDR kannte sich Hermann Häber auf internationalem Parkett bestens aus, war nicht nur beim Außenministerium der DDR angestellt, sondern zugleich auch als verdeckter, aber hauptamtlicher Agent der Staatssicherheit in Japan aktiv. Die Dossiers, die er als Diplomat schrieb, landeten sogar bei der Staats- und SED-Führung um Erich Honecker. Die Berichte, die er für die Auslandaufklärung des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS), der Hauptabteilung A (HVA), verfasste, sind dagegen nicht überliefert. In Brandenburg machte der frühere Offizier im besonderen Einsatz (OibE) wieder Karriere.

An herausgehobener Stelle war der heute 61 Jahre alte Häber jahrelang als Brandenburgs erster Ansprechpartner für Auslandskontakte in der Wirtschaftspolitik zuständig. Bei der Zukunftsagentur leitete er bis zum vorigen Donnerstag das Serviceteam Außenwirtschaft, organisierte Auslandsreisen auch für Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), zuletzt mitsamt Unternehmern nach Israel. Nun hat die Spitze der Wirtschaftsförderungsagentur „im Einvernehmen mit dem Betroffenen“ beschlossen, ihn bis zur Klärung der Vorwürfe zu beurlauben, wie ZAB-Sprecher Alexander Gallrein sagte. „Wir werden gemeinsam mit dem Wirtschaftsministerium prüfen, was an den Vorwürfen dran ist.“

Zu Häbers Aufgaben gehörte es bis zur Enttarnung , Zukunftsmärkte für brandenburgische Unternehmen zu prüfen und Investoren aus dem Ausland in die Mark zu locken. Für beide Seiten – exportorientierte Firmen aus der Mark und Unternehmer aus der ganzen Welt – war er in Brandenburg der Ansprechpartner schlechthin. Intern gilt er als ausgewiesener Fachmann mit besten Fremdsprachenkenntnissen: Japanisch, Englisch und Russisch.

Der sichere Umgang mit Gästen aus dem Ausland und stilsicheres Auftreten auf internationaler Ebene kommen nicht von ungefähr. Im DDR-Außenministerium war er erst der USA-Abteilung zugeordnet und dann zum stellvertretenden Botschafter in Japan aufgestiegen. Das geht aus der hundert Seiten umfassenden Stasi-Kaderakte Häbers hervor. In den Unterlagen finden sich Angaben zu Spitzelaufträgen und Gehaltsnachweise sowie Beurteilungen der Vorgesetzten. Auch der Bericht zu einem operativen Vorgang über einen Mitarbeiter der Botschaft in Uruguay ist enthalten. Wie umfangreich Häbers Agentenakte war, bleibt offen: Im Herbst 1989 und bis ins Jahr 1990 hinein konnte die HVA weitgehend ungestört ihre Akten vernichten.

Ebenso unklar ist auch, wie es jemand mit einer Vergangenheit wie Ex-Agent Häber auf den für Brandenburg so wichtigen Posten bei der Zukunftsagentur schaffen konnte. Eingestellt wurde er 1999 beim ZAB-Vorläufer, der landeseigenen Wirtschaftsförderung, unter dem damals zuständigen Minister Wolfgang Fürniß (CDU). Offenbar hatte seine Karriere im diplomatischen Dienst der DDR damals überzeugt. Seine Karriere als Major der Stasi sei damals nicht bekannt gewesen, hieß es bei der ZAB. Zudem war für Mitarbeiter von Landesgesellschaften keine Regelabfrage bei der Stasi-Unterlagenbehörde vorgesehen.

Dabei stößt, wer bei diversen Suchmaschinen im Internet nach Hermann Häber sucht, schnell auf die Seite „Stasi Offiziere im besonderen Einsatz OibE“. Dort ist auch Häber samt Stasi-interner Codenummer aufgeführt.

Intern ist sich die ZAB-Spitze über die Folgen der Personalie Häber durchaus bewusst. In der Außenwirkung für das Land Brandenburg sei die Agententätigkeit ihres Mitarbeiters verheerend, besonders angesichts der aktuellen Debatte über Brandenburgs ganz eigenen und schonenden Umgang mit Stasi-Spitzeln in Politik und Behörden, hieß es bei der Agentur. „Die Frage, ob es sinnvoll ist, so einen Mann auf diesem Posten zu haben, ist berechtigt“, hieß es aus dem Wirtschaftsministerium. „Sicherlich wäre ein Posten in zweiter und dritter Reihe hilfreicher gewesen.“ Juristisch sieht die Führung des Unternehmens, dessen Gesellschafter das Land Brandenburg, die Industrie- und Handelskammern, die Handwerkskammern sowie die Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg sind, vorerst keinen Weg, sich von dem Mitarbeiter zu trennen: Man habe wohl vergessen, den früheren SED-Kader Häber bei seiner Einstellung nach einer Stasi-Tätigkeit zu fragen.

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