Der Tagesspiegel : Steht ein Tiger auf der Schnellstraße…

Weil ein Tierpfleger den Käfig offen ließ, konnte die Raubkatze Dava ausreißen und zwei Stunden durch Babelsberg spazieren

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Von Claus-Dieter Steyer

Potsdam. „Der Tiger ist los!“ Dieser Satz versetzte gestern ganz Babelsberg in helle Aufregung. Zumal Radiosender ihre normalen Programme für eine Warnung der Polizei unterbrachen. Demnach sollten sich alle Einwohner in Sicherheit bringen und die Türen zu den Gebäuden schließen. Mehrere Streifenwagen sperrten den Babelsberger Park ab. Die Suche nach dem Tier begann.

Gegen 9.30 Uhr hatte ein Autofahrer der Polizei eine „merkwürdige Beobachtung“ gemeldet. Er sei auf der Nuthe-Schnellstraße gerade an einer Raubkatze vorbeigefahren. Die habe so dicht am Straßenrand gestanden, dass er fast mit ihr kollidiert wäre.

Wenig später bestätigte der Zirkus Probst die Flucht eines Tieres. Er baute gerade seine Zelte für sein Potsdamer Gastspiel direkt an der Straße auf. Da sich aber sämtliche Dompteure, Tierpfleger und sonstige Fachleute schon längst auf der Suche nach dem Ausreißer befanden, gab es unächst keine konkreten Angaben. Lange hielt sich das Gerücht von einem entlaufenen Löwen. „Vielleicht hatte die Polizei unser Plakat in Erinnerung, auf dem wir mit einem Löwen und einem Tiger werben“, sagte Christina Clasen, eine von 80 Beschäftigten des größten ostdeutschen Zirkus. Doch schnell bestand für die Besatzungen der Polizeiwagen Klarheit. „Es handelt sich eindeutig um einen Tiger“, gab Hauptkommissar Otto Schwindt per Funk in die Leitstelle durch. „Er läuft durch den Babelsberger Park. Die Streifen sind unverkennbar“, meldete Schwindt. Außerdem fehle die Mähne. Spaziergänger – darunter eine 15-köpfige Kindergartengruppe – verließen aufgeregt die Spazierwege.

Etwa zwei Stunden nach dem Ausbruch wurde der Tiger, genauer die Tigerdame Dawa, am Parkzaun entdeckt. „Das Tier lag friedlich da und beobachtete seine Umgebung sehr interessiert“, sagte Hauptkomissar Schwindt, dem dann aber „recht mulmig“ wurde. Tierpfleger warfen Dawa sofort Fleisch zu, um sie an Ort und Stelle zu halten. Genüsslich kaute sie bestes Rindfleisch. Zirkuschef Rüdiger Probst nutzte einen günstigen Moment aus, um die Ausreißerin aus sechs Meter Entfernung mit einer Pfeilspritze zu treffen. Das Betäubungsmittel wirkte sofort, so dass das 120 Kilogramm schwere Tier in einen tiefen Schlaf fiel.

Zurück im Zirkus begann die Suche nach den Ursachen der Flucht. „Es war eindeutig mein Fehler“, bekannte Tierpfleger Uwe Gerbedt. „Ein Fernsehteam hatte sich zum Dreh der Fütterung angekündigt, da bin ich wohl etwas in Hektik geraten. Bei der Säuberung des Raubkatzenwagens ließ ich den Schieber offen und im Handumdrehen verschwand Dawa ins Freie.“ Er ärgere sich fürchterlich über sein Missgeschick.

Wie sich herausstellte, wurde Dawa vor fünf Jahren im Zirkus geboren und wie die meisten anderen Jungtiere mit der Flasche aufgezogen. „Deshalb ist sie nicht so aggressiv wie ihre Artgenossen in freier Wildbahn“, sagte der Tierpfleger. „Sie hätte bestimmt keine Menschen angefallen.“ Doch Dawa sei ein sehr neugieriges Tier. Sie wolle in der Manege, in der sie mit weiteren sechs Tigern auftrete, immer im Mittelpunkt stehen. Mindestens zwei Auftritte werde sie nun aber verschlafen, so lange sei sie betäubt.

Zirkuschef Probst dankte den Polizisten für ihren umsichtigen Einsatz. „Sie hätten ja auch sofort zur Pistole greifen und unsere Dawa erschießen können“, sagte er. Vor 18 Jahren seien bei einem Gastspiel in Nauen drei Löwen geflüchtet. „Sie spazierten durch eine Kleingartenanlage“, erinnerte sich Rüdiger Probst. „Damals wollte ein Uniformierter gleich zur Maschinenpistole greifen und die Tiere einfach abknallen. Im letzten Moment konnte ich eingreifen.“ Die Ausreißer wurden schließlich eingefangen, so dass die Flucht genau wie gestern in Potsdam schließlich glimpflich endete.

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