Der Tagesspiegel : Steineschmeißer vor Gericht: Nach zehn Minuten war alles vorbei

Karsten Plog

Im Sitzungsraum der Orthopäden des Hamburger Universitäts-Krankenhauses Eppendorf herrschte am Freitagmittag für kurze Zeit die Farbe Schwarz. Am ovalen schwarzen Tisch, zwischen Röntgenbildschirm, einer gläsernen Schrankwand mit wenigen Bänden medizinischer Fachliteratur und einer weißen Leinwand tagte die Jugendkammer des Cottbuser Landgerichts unter der Vorsitzenden Sigrun von Hasseln. Angeklagt sind in diesem Verfahren seit dem Frühjahr Andreas L. (19) und Kai-Uwe B. (24). Sie sollen in den vergangenen beiden Jahren am Autobahndreieck Spreewald (Oberspreewald-Lausitz) Steine, Farbeimer und sogar ein Fahrrad von Brücken aus auf die Fahrbahn geworfen haben. 39 Autofahrer sollen laut Anklage dadurch in Lebensgefahr gebracht worden sein. Am Freitag glich die Verhandlung eher einer gemütlichen Gesprächsrunde, wenn da nicht die aufmerksame Krankenschwester in Weiß und zwei Vollzugsbeamte in Grün gewesen wären. Doch das Treffen an ungewöhnlichem Ort, für Krankenhaus wie für das Gericht eine ganz neue Erfahrung, hat einen ernsten Grund: Die 47-jährige Vorsitzende leidet an schweren Rückenproblemen. Bereits zum Auftakt des Prozesses in Cottbus konnte sie den Gerichtssaal nur mit Hilfe von Krücken erreichen. Danach verstärkte sich das Leiden. In einem Bein traten Lähmungserscheinungen auf und Richterin von Hasseln musste an der Wirbelsäule operiert werden. Der Prozess drohte, nach 20 Verhandlungstagen zu platzen, die beiden Angeklagten hätten freigelassen werden müssen. Also beschloss die Richterin mit dem Segen ihrer Mediziner, den Prozess so weit wie möglich im Krankenhaus fortzusetzen, wenn auch nur unter medizinischer Aufsicht und innerhalb eines Zeitlimits. Am Freitag stand bereits der dritte Termin auf der Tagesordnung. Die Cottbuser waren mit einem Kleinbus angereist und hatten nur den Angeklagten Kai-Uwe B. mitgebracht. Der saß zusammen mit seinen Bewachern in einem Wartezimmer, während drinnen der Ärzteraum notdürftig in einen Gerichtssaal umgewandelt wurde. Danach ging alles fix. Einziger Tagesordnungspunkt war die "Inaugenscheinnahme" von drei Paar Arbeitshandschuhen, die die Vorsitzende aus einer Klarsichttüte fischte und den Anwesenden zeigte. Die Farben wurden gewissenhaft notiert: Anthrazit, Grau, Blau mit Türkis oder Grün. Danach die Frage an den Angeklagten, ob er die Handschuhe kenne. Nein, er kennt sie nicht. Ende der Beweisaufnahme. Den Vorschriften war Genüge getan.

Zum Glück für alle Beteiligten steht jetzt eine 30-tägige Pause an. Am 27. Dezember muss der Fall aber weiter behandelt werden. Ob der Termin bereits wieder in Cottbus stattfinden kann, steht sehr dahin. Wahrscheinlicher ist, das Sigrun von Hasseln zur Jahreswende in die Rehabilitations-Klinik nach Bad Bramstedt nördlich von Hamburg im Schleswig-Holsteinischen laden wird. Die Verabschiedung fiel ebenfalls knapp aus: "Gute Besserung und trotz alledem eine schöne Weihnacht" wünschen der Richterin die Kollegen. Sigrun von Hasseln entließ die Cottbuser Reisegruppe mit den Worten "Fahren Sie vorsichtig" aus dem Krankenhaus.

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