Stichwahl zwischen OB-Kandidaten : Geringe Wahlbeteiligung in Potsdam

Jann Jakobs gegen Hans-Jürgen Scharfenberg: In Potsdam ist heute nicht nur der Tag der Deutschen Einheit, sondern auch Tag der Entscheidung. Gut 127500 Potsdamer sollen ihr neues Stadtoberhaupt wählen. Bis zum späten Nachmittag ist die Beteiligung gering.

Jana Haase
Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, OB-Spitzenkandidat der SPD, und seine Frau Christine geben gemeinsam am Sonntag ihre Stimme ab.
Potsdams Oberbürgermeister Jann Jakobs, OB-Spitzenkandidat der SPD, und seine Frau Christine geben gemeinsam am Sonntag ihre...Foto: dpa

Die Sonne scheint in Potsdam. Gut oder schlecht für die Wahlbeteiligung? Und welcher der beiden Kandidaten profitiert von einer guten oder einer schlechten Wahlbeteiligung?

Das 20-jährige Einheitsjubiläum gerät in der Brandenburgischen Landeshauptstadt in den Hintergrund, trotz Gedenkgottesdienst am Samstagabend in der Kirche St. Nikolai, trotz kleiner Feierstunde des CDU-Kreisverbandes auf der Glienicker Brücke. Denn gut 127500 Potsdamer müssen sich heute entscheiden, für ein neues oder für das alte Stadtoberhaupt: Zwischen rot und rot steht die Wahl. Amtsinhaber Jann Jakobs (SPD) tritt in der Stichwahl gegen Hans-Jürgen Scharfenberg (Die Linke) an.

Es ist nicht nur die Wiederauflage eines Duells, das bereits bei der letzten OB-Wahl vor acht Jahren ausgefochten wurde. Damals gewann Jakobs haarscharf mit 122 Stimmen Vorsprung – dabei hatte der SPD-Mann im ersten Wahlgang noch einen komfortablen Vorsprung vor seinem Herausforderer gehabt. Der ist bei der Wahl 2010 vor zwei Wochen schon auf gut acht Prozent geschrumpft.

Es geht hier auch um ein Stück deutsch-deutscher Vergangenheit - und dem Umgang damit heute. Wenn Scharfenberg das Rennen macht, wäre er der erste Oberbürgermeister mit Stasi-Vergangenheit. Jahrelang lieferte er als inoffizieller Mitarbeiter Berichte über seine Kollegen an den DDR-Geheimdienst, sein „größter Fehler“, wie er heute sagt. Und verzeihlich, jedenfalls in den Augen seiner Anhänger. Absolut indiskutabel, finden andere, die seit Wochen zu regelmäßigen Anti-Scharfenberg-Demonstrationen in Potsdam auf die Straße gehen. „Kein IM als OB“ stand auf den Transparenten zum Beispiel.

Sonntagvormittag in Zentrum Ost, einem Plattenbauviertel nahe des Potsdamer Hauptbahnhofs. Die Aufregung um Scharfenberg wollen die Passanten hier nicht teilen. "Man muss einem Menschen gestehen, dass er nach 20 Jahren nicht immer noch von der Vergangenheit einholt wird", sagt ein Rentner, der gerade von der Wahl kommt. Sein Kreuz hat er trotzdem Jakobs gegeben: "Er hat in den vergangenen Jahren manches hingekriegt, aber man ist ja nie voll zufrieden", sagt er und geht weiter. Der zentrale Platz an der Kaufhalle scheint ungewöhnlich belebt für einen Sonntag. "Wir haben bei der Wahl Schlange gestanden", erzählt eine 70-jährige pensionierte Köchin, die mit ihrem Mann und ihrer Nachbarin auf einer Bank in der Sonne sitzt. Auch sie hat Jakobs gewählt. "Er macht seine Sache gut", begründet sie. Ihre Nachbarin, 84 Jahre alt, ist anderer Meinung: "Ich hab Scharfenberg gewählt. Der hat sich für unsere Kaufhalle hier eingesetzt." Gerade in den Plattenbaugebieten ist der Linke stark, bei der Wahl vor zwei Wochen hat er in einigen Stimmbezirken sogar die absolute Mehrheit geholt. Die Wählerschaft der Linken gilt als treu, deshalb könnte eine geringe Wahlbeteiligung in Scharfenbergs Hände spielen.

Kurz nach zwölf vor einer Bio-Bäckerei in der Innenstadt. Eine Mutter schiebt ihren Kinderwagen über die Brandenburger Straße in Richtung Wahllokal. Ihr Kreuz gibt sie Jakobs, sagt die 41-jährige Krankenschwester: "Weil ich Hans-Jürgen Scharfenberg nicht wählen würde.“ Kinder seien das brennendste Thema in der Stadt: "Es fehlen Kitaplätze." Aus der Bäckerei kommt ein junger Mann mit kurzen Rastazöpfen am Hinterkopf. Ob er heute wählen geht, weiß er noch nicht. "Wen soll man denn da wählen", fragt sich der 28-Jährige. Vor acht Jahren, als Jakobs die Stichwahl gewann, ist der Werbegrafiker aus Chemnitz nach Potsdam gezogen. Aber mit der Stadtführung ist er unzufrieden. Er wünscht sich vor allem mehr Unterstützung für Jugendliche und für alternative Jugendkultur. "Das war denen doch egal", sagt er. Die Stasi-Vergangenheit von Scharfenberg? "Ach, der ist doch auch nur einer von vielen." Er klingt resigniert.

Kurz nach 16 Uhr steht fest: Gutes Wetter ist schlecht für die Wahlbeteiligung. Nicht einmal jeder dritte Wahlberechtigte war bis dahin in der Kabine. 27,4 Prozent Wahlbeteiligung meldet das Wahlbüro, das sind noch weniger als bei der Wahl vor zwei Wochen.

Für Heidelore Rutz wäre Scharfenberg als Oberbürgermeister eine Katastrophe. „Ich glaube, dann müssten wir wegziehen“, sagt die Potsdamerin, die in den 1980er Jahren unter anderem im Stasi-Gefängnis in der Potsdamer Lindenstraße einsaß und die heute Abend wieder auf der Theaterbühne stehen wird, bei der 29. Aufführung des Dokumentationsstückes „Staats-Sicherheiten“, wo sie gemeinsam mit 14 anderen Stasi-Opfern von ihrem Schicksal erzählt. Spätestens wenn der Vorhang im Hans Otto Theater am Tiefen See fällt, wird auch das Ergebnis der OB-Wahl feststehen.

2 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben