Stiftungen : Was lange währt

Die Klassik Stiftung Weimar kann endlich auf eine gesicherte Perspektive hoffen. Es gibt also doch eine zweite Chance.

Bernhard Schulz

BerlinFast auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass die „Strukturkommission Zukunft Weimarer Klassik und Kunstsammlungen“ ein 93-seitiges Gutachten vorlegte, das wie ein Wirbelwind durch die Klassik Stiftung Weimar fegte. Es gebe „keine zweite Chance“, so damals der Kommissionsvorsitzende Klaus-Dieter Lehmann, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Allein, das große Papierrascheln legte sich wieder, und hätte nicht Michael Knoche, der Direktor der vor drei Jahren durch Brand schwer getroffenen Anna-Amalia-Bibliothek, unlängst mit Rücktritt gedroht – wer weiß, ob die nunmehr zum Greifen nahen Verbesserungen möglich geworden wären.

Am vergangenen Mittwoch hat der Stiftungsrat der Weimarer Klassik eine ganze Reihe von Beschlüssen gefasst, die die Situation entspannen (Tagesspiegel v. 15. Juni). Da sind zum einen die 25 bislang unbesetzten Stellen, die nunmehr ausgeschrieben werden dürfen. Sodann wird das dringend benötigte und trotz der warnenden Katastrophe von Anna Amalia immer wieder vertagte Zentraldepot endlich in Aussicht genommen: Im kommenden Jahr soll Baubeginn sein. Schließlich werden beträchtliche Summen für Restaurierungen an den Sammlungsbeständen dauerhaft in den Investitionshaushalt eingestellt, statt nur fallweise bewilligt. Das 2005 von der Strukturkommission angemahnte Forschungskonzept wurde ebenfalls verabschiedet.

All diese Maßnahmen ergeben jedoch nur dann ein sinnvolles Ganzes, wenn sie in ein zukunftsfähiges Liegenschaftskonzept eingebettet und von der überfälligen Erhöhung des Haushalts getragen werden. Die Klassik-Stiftung logiert bislang zu Gast bei der thüringischen Schlösserstiftung als der Trägerin des Residenzschlosses, dem Hauptsitz der Museumssammlungen. Die Klassiker möchten es zur Gänze übernehmen, um ihr integratives Konzept von 400 Jahren Weimarer Kulturgeschichte angemessen präsentieren zu können. Ohnehin muss das Schloss in absehbarer Zeit generalsaniert werden, was mit 25 Millionen Euro veranschlagt wird. In der Beletage, bislang von überquellenden Sammlungsdepots wie auch Verwaltungsräumen mitbelegt, könnte rings um den Schlosshof ein musealer Rundgang entstehen, der die heutzutage fehlenden Kenntnisse zur Weimarer Geistes- und Kulturgeschichte vermittelt. Dazu müsste das Schloss mit den entsprechenden Besucherservice-Einrichtungen im Parterre ausgestattet werden, was weitere 10 Millionen Euro erfordert.

Wer zahlt? Die Stiftungskonstruktion ist kompliziert. Der Freistaat Thüringen bestreitet 44,1 Prozent, der Bund 42,8 Prozent, die Stadt 13,1 Prozent des Stiftungshaushaltes. In absoluten Zahlen bedeutet das 6,9 Millionen Euro vom Land, 6,7 Millionen vom Bund, zwei Millionen vom Stadtkämmerer. Derzeit wird das strukturelle Defizit der Stiftung auf drei bis vier Millionen Euro beziffert, die nach dem genannten Schlüssel anteilig aufzubringen wären. Thüringen jedoch leidet unter erheblicher Finanznot und kann seine Kostgänger nicht mehr ausreichend ernähren.Gleichwohl muss sich das Land zu einer Erhöhung aufraffen, sonst wäre allein schon die am Mittwoch beschlossene „Entsperrung“ von 25 Stellen Augenwischerei: Die nämlich können ohnehin erst zum kommenden Jahr besetzt werden, sofern die derzeit fehlenden Mittel im Stiftungshaushalt verankert sein sollten. Das ist nun zu erwarten.

Die Übertragung des Schlosses von der einen in die andere Stiftung würde den Bund, der an der thüringischen Schlösserstiftung nicht beteiligt ist, in die anteilige Pflicht nehmen. Doch der Bund spielt nur mit, wenn sein Engagement aufkommensneutral bleibt. Die Klassik-Stiftung hat daher einen Immobilientausch im Sinn, der im Gegenzug für das teure Residenzschloss Liegenschaften aufbietet, die für den Zusammenhang der Weimarer Klassik minder bedeutend sind.

Der Bund, mithin der Kulturstaatsminister, hält sich bislang bedeckt. Das Berliner Amt erwartet die Vorgabe Thüringens. Erst eine vom Land vorbereitete Lösung würde vom Bund akzeptiert, der allerdings – so die Weimarer Hoffnung – mit respektablen Projektmitteln jenseits des regulären Stiftungshaushaltes über die Hürde hinweghelfen will.

So sind die Beschlüsse des Klassik-Stiftungsrates vom Mittwoch als Signal zu verstehen, dass eine Einigung zum Monatswechsel bevorsteht. Zwei Jahre nach dem Mahnruf der Strukturkommission ist es auch höchste Zeit. Schließlich muss die Zukunft der Klassik Stiftung Weimar langfristig gesichert sein, wenn am 24. Oktober Bundespräsident Köhler das restaurierte Gebäude der „Herzogin Anna Amalia Bibliothek“ einweihen wird. Die Blamage, eine schöne Fassade vor dahinrottender Stiftungssubstanz zu feiern, wird keiner der Verantwortlichen riskieren.