Stormchaser : Jäger des Sturms

Bei extremen Wetterlagen hält Heiko Wichmann nichts im Haus. Der Oranienburger ist Tornado-Forscher. Seine Beobachtungen helfen Meteorologen, Bedrohungen möglichst früh zu erkennen.

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Sobald sich ein Unwetter zusammenbraut, ist Heiko Wichmann mit Fotoapparat und Videokamera zur Stelle.
Sobald sich ein Unwetter zusammenbraut, ist Heiko Wichmann mit Fotoapparat und Videokamera zur Stelle.Foto: Matthias Matern

Oranienburg - Sonnenschein findet Heiko Wichmann langweilig. Am liebsten hat er es, wenn es blitzt, stürmt und hagelt. An diesem Tag ist das Wetter für den 37-jährigen Oranienburger eher langweilig: Nur wenige Wölkchen ziehen vorbei, Wichmanns Messgerät zeigt eine Windgeschwindigkeit von nur sechs Kilometer pro Stunde an. „Spannend wird es ab 64 Kilometer pro Stunde. Das entspricht Windstärke acht.“ Heiko Wichmann ist einer von rund 80 aktiven Stormchasern in Deutschland. Wie ihre US-amerikanischen Kollegen, die oft in reißerischen Reportagen für das Privatfernsehen schweren Stürmen hinterherjagen, springt auch Wichmann in sein Auto, wenn sich am Himmel ein Unwetter zusammenbraut.

Mit bloßer Sensationsgier hat Wichmanns Hobby nichts gemein. „Ich habe bereits als Kind von meinen beiden Großvätern gelernt, dass man vor Gewittern Respekt haben muss“, sagt der Sturmjäger. Für beide sei die Einschätzung des Wetters Bestandteil der täglichen Arbeit gewesen. „Ein Opa war Schäfer, der anderer Binnenschiffer“, sagt Wichmann. Von beiden habe er sehr viel über die verschiedenen Wolkenbilder, die Einflüsse von Tief- und Hochdruckgebieten und die richtigen Verhaltensweisen bei schweren Stürmen gelernt. „Obwohl es gefährlich ist, weil die intensiven Lichtblitze zu Augenschäden führen können, habe ich mich bei Gewittern immer zum Fenster geschlichen und die Blitze beobachtet“, erinnert sich der Hobbymeteorologe.

Auf der Jagd nach schweren Stürmen ist Wichmann, seit er vor knapp 20 Jahren den Führerschein machte. „Anfangs wollte ich einfach nur dabei sein“, berichtet der hauptberufliche Elektromonteur. Sein einschneidendendstes Erlebnis sei der Berliner Orkan von 2002 gewesen, der ähnlich wütete wie das Unwetter der vergangenen Woche über dem Münsterland. Mit bis zu 150 Kilometer in der Stunde sei der Sturm damals über die Stadt gezogen und habe dabei schwere Schäden hinterlassen – und Wichmann dabei seine Grenzen aufgezeigt. „Eigentlich wollte ich das Gewitter verfolgen, musste mich dann aber hinter einem Haus verstecken, weil mir große Äste und ein Gartenpavillon entgegengeflogen kamen“, erinnert er sich.

Bereits mehrere tausend Euro hat Wichmann eigenen Angaben zufolge in seine Ausrüstung investiert. Immer im Auto dabei hat er eine Videokamera, eine digitale Fotoausrüstung mit Stativ und sein Laptop mit mobilem Internetzugang. Bei der Verfolgung der Stürme hilft ihm ein hochauflösendes Niederschlagsradar. Seine Beobachtungen gehen in die Wetterforschung ein. Seit rund drei Jahren ist Wichmann Mitglied bei Skywarn, einem Verein mit mehreren Ablegern in anderen europäischen Ländern. Derzeit zählt Skywarn in Deutschland etwa 200 Mitglieder, darunter auch einige Stormchaser. Per Tastencode übermitteln sie über ein Handy ihre Beobachtungen an das Unwettermeldezentrum von Skywarn, wo die Meldung elektronisch verarbeitet und innerhalb von Sekunden an den Deutschen Wetterdienst sowie mehrere private Wetterdienste übermittelt wird. Anhand der Schadensberichte aus den betroffenen Gebieten kann der Deutsche Wetterdienst bestimmen, ob es sich bei einem Unwetter, wie etwa dem an der brandenburgisch-sächsischen Grenze Ende Mai 2010, um einen Tornado gehandelt hat. Rund 20 Millionen Euro Schaden richtete der Sturm auf brandenburgischer Seite im Städtchen Mühlberg an, auf sächsischer Seite starb gar ein junges Mädchen. Auch Wichmann war vor Ort.

Derzeit analysiert der Tornado-Jäger einen Sturm, der am 11. Juni nahe Malchow in Mecklenburg-Vorpommern wütete. Auf einem Blatt Papier hat Wichmann die Schäden in einer groben Skizze festgehalten. „Ich konnte Kiefern dokumentieren, die teils entrindet wurden, und Eichen, deren Äste fast vollständig abgerissen wurden, so dass nur noch der Torso übrig blieb.“ Glücklicherweise seien vor allem unbewohnte Gebiete betroffen gewesen. „Aber es waren die schwersten Vegetationsschäden, die ich bisher gesehen habe.“

Etwa 80 Prozent seiner Freizeit verbringt Heiko Wichmann mit extremen Wetterlagen. 2009 jagte er in den USA nach Stürmen. „Hagelkörner mit einem Durchmesser von bis zu acht Zentimeter. Wahnsinn.“ Wichmann hat einen Sohn, ist derzeit aber ledig. Für einen Partner sei sein Hobby schwer zu ertragen. Der Sturmjäger spricht von akuter Suchtgefahr. Damit sich die Freunde nicht vernachlässigt fühlen, sagt Wichmann, lasse er inzwischen „auch mal ein Gewitter sausen. Kribbeln tut es trotzdem immer“.

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