Der Tagesspiegel : Straßennetz in Falkensee: Auf Sand gebaut

Dorothea Flechsig

Die meisten Falkenseer fahren robuste Autos. Tiefergelegte Boliden haben keine Chance im 260 km langen Straßennetz. Auswärtige aus der Metropole fallen sofort auf: Übervorsichtig fahren sie noch langsamer als im Schritttempo über die Buckelpisten. "Hach, schon wieder ein Berliner", spöttelt der Gartenstädter, der mit Tempo 30 überholt.

Selbst Baudezernent Peter Zimmermann ist privat jahrelang Jeep gefahren. Er weiß am besten, dass nur jede zweite Fahrbahn befestigt ist. Einige haben ihm übelgenommen, dass der "oberste Bauherr" immer laut und öffentlich verkündet hatte, die hohe Bodenfreiheit des Geländewagens sei doch wohl nur angemessen.

Bis zu 22 Meter breite Sandstraßen winden sich durch die Gartenstadt. Das macht Falkensee einzigartig, und schon ruft es die Traditionalisten auf den Plan, die fordern, auf Asphaltbänder zu verzichten. "Die jahrhundertealten Straßen könnten ein Markenzeichen für Falkensee werden.", sagt Dieter Masuhr, Gründer der Falkenseer Kulturgesellschaft und Stadtverordneter (Alternatives Bündnis).

Masuhr glaubt, dass die Bürger stolz auf ihre ungewöhnlichen Straßen sein könnten. Allerdings müsse die Stadt diese pflegen und entwässern. "Ein paar Querrinnen und Entwässerungsgräben, schon sind Schlammlöcher vermeidbar", sagt Masuhr. Auch Jürgen Franke, Mitbegründer einer Bürgerinitiative im Stadtteil Waldheim fordert eine Alternativlösung: "Kornblumen, Wiesenkräuter und blühende Büsche könnten den Rand unserer Wege schmücken." Landleben eben. Dazu müsste die Stadt ihre Satzungen ändern. "Oft fließen Tränen, wenn wir dafür sorgen, dass widerrechtlich gepflanzte Bäume oder Büsche vom Straßenrand verschwinden", sagt Cornelia Simon vom Ordnungsamt.

Zimmermann sieht keine Konflikte zwischen Straßen und Blumen: "Sondergenehmigungen sind sehr wohl möglich, manche haben sogar schon Rollrasen angewalzt und abgesperrt. Auch gegen Margeriten und Kornblumen ist nichts zu sagen, nur gegen Bäume und Sträucher. Die könnten den Lack zerkratzen." Wenn es um die Interessen der Autofahrer geht, muss eben die Romantik dran glauben. Sehr häufig gehen Beschwerden im Grünflächen-Ordnungs- und Tiefbauamt unterschiedlichster Art ein. Die Kommune hat eine Versicherung für den Fall abgeschlossen, dass mal wieder einer Räder und Felgen im Schlagloch versenkt hat und gegen die Stadt klagt. Auch gegen dreckige Kleidung und gebrochene Knochen ist man versichert. Regenzeiten sind schlechte Zeiten für die Versicherungsgesellschaft.

Pragmatisch sieht es Kripo-Chef Wilfried Beyer: "Wenn wir Täter verfolgen, können uns die auf den schlechten Straßen nicht entwischen. Wenn wir stecken bleiben, tun die es doch auch."

20 Kilometer Straßen sind in Falkensee seit der Wende neu gebaut worden. 150 Millionen Mark würde es kosten, wollte man alle Fahrbahnen auf einmal ausbauen. In einer Stadt mit 35 000 Einwohnern, die ein Straßennetz so groß wie die sachsen-anhaltinische Händel-Stadt Halle hat. Das liegt daran, dass die Stadt Falkensee - hervorgegangen aus den Dörfern Falkenhagen und Seegefeld - vor 500 bis 600 Jahren großflächig parzelliert wurde. Zimmermann nennt einen weiteren Aspekt: "Im Westen ist die Motorisierung mit der Urbanisierung gewachsen. Hier im Osten hat sich nach der Wende der Verkehr über Nacht vervierfacht."

0 Kommentare

Neuester Kommentar