Streisand Konzert : Wie wir waren, was wir sind

Fast ein Familientreffen: Barbra Streisands erster Deutschland-Auftritt in Berlin wird zum Triumph.

Rüdiger Schaper
Streisand
Barbra Streisand: Eine der letzten großen Showstars. -Foto: dpa

BerlinGanz oben, auf den billigen Plätzen, wenn man das bei Ticketpreisen von 100 Euro aufwärts überhaupt sagen kann, weit hinten, im Waldbühnen-Olymp, setzen plötzlich La-Ola-Wellen ein. Das Orchester hat Platz genommen, es ist Viertel vor acht – und die Musiker lassen sich von der Woge der Erwartung mitreißen, springen auf, winken zurück mit ihren Instrumenten. Es wird nachher viel inszeniert gewesen sein, aber das nicht. Und man wird am Ende eine Show erlebt haben, die sich emotional selbst überrascht – und überwältigt hat.

Eine legere Feierlichkeit liegt an diesem Abend über dem Ort, der einst für die Nazi-Olympiade von 1936 errichtet wurde. Ein historischer Moment: Barbra Streisands erster (und einziger) Auftritt in Deutschland, in Berlin.

Die 65-Jährige wird mit stehenden Ovationen empfangen. Und so geht das weiter. Triumphal. Es reißt die Fans nach jedem Song aufs Neue von den Sitzen. „Please“, sagt sie, „you don’t have to stand. Please take a seat.“ Man fühlt sich wie in einer Zeitmaschine. Schwer zu entscheiden, ob sie vorwärts oder rückwärts läuft. Altes Europa trifft altes Amerika – das großzügige, tolerante, in solchen Augenblicken beglückende Amerika, das tief in der kollektiven Erinnerung wurzelt und lange Zeit als Leitkultur willkommen war. „The Way We Were.“ Dieser Song, einer ihrer größten Hits, sie singt ihn gleich zu Beginn, bekommt gleichsam auch noch die Färbung politischer Melancholie.

Barbra Streisand selbst spricht diese Dinge an, zu Beginn. Die Differenzen und das, was einmal das Verbindende war. Erinnert an Goethe, der ihr immer eine Inspiration gewesen sei, an Beethoven, Brahms, Marlene Dietrich, Brecht und Weill, Einstein, Lubitsch und Billy Wilder. Die große Kultur der Deutschen, der jüdischen Emigranten, die nach Amerika gingen. Dass Billy Wilder Österreicher war, was spielt das für eine Rolle.

Die alte Geschichte, nach der sie, die jüdische Entertainerin, nie deutschen Boden hat betreten wollen, kommentiert Barbra Streisand nicht. Die bekennende Demokratin spart sich auch Angriffe auf George W.; vergangenen Herbst bei einem Konzert in New York hat sie Bush offen attackiert. In der Waldbühne wird sie grundsätzlich, zitiert einen Text des amerikanischen Dramatikers William Saroyan vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Heute, sagt sie, sei die Situation in der Welt nicht unähnlich – „not unlike 1939“.

Warum soll man ihr das nicht abnehmen? Nur weil sie schwerreich ist und ziemlich zickig, was die Sicherheitsvorschriften bei ihren Konzerten angeht? Sie ist ein Showstar, einer der letzten, solche Karrieren sind heute eher unwahrscheinlich, und was ist ein Showstar letztlich anderes als ein Mensch mit offenen Flanken, ein Künstler, der für seine Selbstinszenierung geliebt wird? Dass besonders Schwule sie wie eine Heilige verehren, hat ja nicht nur etwas mit ihrer Melodramatik zu tun, mit Camp-Kultur, sondern mehr noch mit dem Mut und dem Selbstbewusstsein einer Künstlerin, die vor über vierzig Jahren ihre Karriere als hässliches Entlein begann, als „Funny Girl“.

Die Songs aus dem Musical (1964) und dem Film (1968), für den sie den Oscar bekam, erklingen im ersten Teil. Die Streisand kommt von der Bühne, vom Broadway, sie stellt in ihren Conférencen immer wieder ihre enge Bindung an das Theater heraus. Sie erzählt überhaupt eine ganze Menge, liefert in zweieinhalb Stunden eine orchestrierte Autobiografie, setzt sich auch einmal ans Klavier, mit Lesebrille, und spielt eine hübsche selbstkomponierte Jugendsünde, „Ma Premiere Chanson“. Holt dann leider vier MusicalBubis an die Rampe, die flache Jokes abliefern über Barbra Streisands Alter und zu allem Überfluss ein paar Nummern alleine schmettern dürfen, wie eine schlechte Boygroup-Kopie.

Ein Schock! Nach fünf Nummern verschwindet sie in der Garderobe, um eine „Boulette“ zu futtern. Zum Auftakt ihrer Europatournee in Zürich hat sie ausgiebig über Schokolade geplaudert, in Berlin drehen sich ihre Einlassungen um landestypische Spezialitäten wie Currywurst, Döner Kebab und – da ist wieder diese leichte geografische Unsicherheit – Apfelstrudel. „The only thing I like better than sightseeing is eating.“ Nun ja. Sie hat die Statur einer Operndiva, und sie macht sich nichts draus. Das Irritierende ist, wie souverän sie ihre Koketterien und Witzchen anbringt. Ihr Charme ist so intelligent wie entwaffnend. Zu der StreisandHomestory gehören auch leibhaftige Familienangehörige. Als „Riesenüberraschung“ kommt ihr Ehemann James Brolin, ein Schauspieler, auf die Bühne – mit einer Riesensüßigkeit zum Hochzeitstag. Und der weiße Terrier bekommt von Barbra einen Riesenschmatz. Schließlich beantwortet sie – wieder so eine charmante Vorwärtsverteidigung, sie gilt als überaus scheu – ein paar Fanbriefe, die am Eingang zur Waldbühne eingesammelt wurden.

Ein „Thorsten“ fragt nach einem Date mit ihr, und als sie den Namen ausspricht, stößt einer in den oberen Rängen einen Freudenschrei aus, springt auf die Sitzbank und rudert mit den Armen. Es ist einer dieser Momente, in denen die inszenierte Rührung umschlägt in schiere Freude, auf beiden Seiten. Die Fans reagieren spontan, durchbrechen das eingeübte Ritual der Kontaktaufnahme zwischen Publikum und Star, und die Streisand bekennt, sie habe so etwas zu Hause noch nicht erlebt. „You make me feel like home. No, this is better.“

Ein anderer will wissen, ob sie heute noch einmal eine Prostituierte im Film spielen würde („Kommt auf die Bezahlung an“), ein dritter wünscht sich für seine Eltern „You Don’t Bring Me Flowers“. Und sie singt es. Ihre Stimme hat vielleicht nicht mehr diese glasklare, manchmal enervierende Brillanz und Glockenhelligkeit. Sie ist weicher geworden, intimer. Aus dem Waldbühnen-Halbrund steigen Töne in den dunkelblauen, blassrosa Himmel, die all den Showfummel vergessen lassen. Das jazzige, fast geflüsterte „Down With Love“, Bernsteins „Some day“ aus der „West Side Story“ (sie nennt es ein „Gebet für den Frieden“) und vor allem „Papa, Can You Hear Me“ aus ihrem Film „Yentl“ – das sind die Höhepunkte. Lieder von Schmerz, Enttäuschung, Trauer. Früher geriet ihr jeder Song zur schmetternden Hymne. Jetzt hat sie die Kraft gefunden, leise zu sein. „What Are You Doing For The Rest Of Your Life?“ Das hört sich im reiferen Alter glaubwürdiger an, aber auch leidenschaftlicher.

Sie betrachte, vertraut sie dem Publikum an, das Glas stets als halbvoll. Warum nur klingen bei ihr Allerweltsweisheiten beinahe wie eine Offenbarung? Weshalb ist es für 20 000 Konzertbesucher, die eine Extra-Zugabe bekommen, so wichtig, wenn ein Megastar seinen Frieden mit sich selbst macht, aber nicht mit dieser Welt? Hochprofessionell läuft die Show ab, sowieso. Aber Barbra Streisand hat etwas anzubieten, was den Usancen in Politik und Showbusiness, falls da noch Unterschiede sind, widerspricht. Sie ist nicht zynisch.

„A Star Is Born“ hat sie gesungen, was sonst. In der Waldbühne wurde am Sonnabend auch der eine oder andere Fan geboren. Spät, aber nicht zu spät.