Streit um Hymne : Braune Flecken auf dem "Roten Adler“

Die heimliche Hymne Brandenburgs hat eine dunkle Vergangenheit. Ihr Dichter Gustav Büchsenschütz nannte sie selbst ein "Nazi-Lied". Die Linke will nicht mehr mitsingen.

Thorsten Metzner
Gustav Büchsenschütz und Stolpe
Gratulation vom Ministerpräsidenten: Als Gustav Büchsenschütz (l.) 1992 seinen 90. Geburtstag feierte, überbrachte auch Manfred...Foto: ZB

PotsdamJeder kennt es. Es gibt kaum ein Volksfest im Land Brandenburg, wo nicht das Lied "Steige hoch, du Roter Adler“ angestimmt wird. Doch jetzt ist Streit ausgebrochen, ob die heimliche Landeshymne – deren Titel eigentlich "Märkische Heide“ lautet – bei offiziellen Anlässen noch länger gespielt werden soll. Nachdem ein neues Dokument die Nähe des 1996 verstorbenen Komponisten Gustav Büchsenschütz zum NS-Regime belegt, ist die Linke gegen die weitere Intonation bei Veranstaltungen von Land oder Kommunen. "Das ist hoch problematisch“, sagte Christian Görke, der parlamentarische Geschäftsführer, gestern. "Ich bin dagegen, dieses Lied zur Brandenburg-Hymne hochzustilisieren. Es wäre an der Zeit, über eine wirkliche Brandenburg-Hymne nachzudenken.“

Dagegen warnen Alt-Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) und Innenminister Jörg Schönbohm (CDU), beide intime Kenner der Landesgeschichte, vor einer Verunglimpfung der "Märkischen Heide“ als "Nazi-Lied“. Sie sprechen von einer "Phantomdebatte“. Es sei zwar richtig, dass der Komponist Gustav Büchsenschütz in der NS-Zeit eine "gewisse Nähe“ zum System gehabt habe, sagte Stolpe. "Aber das ändert nichts daran, dass das Lied, das lange vorher komponiert wurde, das Volkslied der Brandenburger geworden ist.“ Stolpe hatte nach 1990 die Renaissance der "Märkischen Heide“ nach Kräften unterstützt. "Es ist wirklich eine gern gesungene Landeshymne. Eine Verbindung zum Nationalsozialismus ist abwegig“, sagte auch Schönbohm.

Büchsenschütz hatte das Hohelied auf die Mark und ihre Landschaft 1923 als begeistertes Mitglied der "Wandervogel“-Bewegung komponiert, einer nach dem Ersten Weltkrieg entstandenen antiautoritären Jugendbewegung, die auf Romantik, Naturverbundenheit und Individualität setzte. Später allerdings wurde die "Märkische Heide“ von den Nationalsozialisten massiv protegiert, was dem Komponisten auch gefiel. Im Potsdamer Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte ist gegenwärtig ein Artikel zu sehen, den Büchsenschütz 1934 in den "Brandenburger Heften“ des regionalen NSDAP-Gauleiters veröffentlichte. Darin sprach er selbst von einem "Nazi-Lied“, einem "Lied der nationalsozialistischen Erhebung“. Büchsenschütz hat diesen Teil seiner Vita später bedauert.

Für Stolpe gibt es keinen Anlass, den Stab über den Komponisten und das Brandenburg-Lied zu brechen. "Was ist eigentlich nicht von den Nazis missbraucht worden?“, fragt der frühere Ministerpräsident. Er verwies auf das große Engagement von Büchsenschütz für das Land nach 1990. "Für mich bleibt er einer der Gründungsväter für Brandenburg.“

Auch die Landesregierung sieht keinen Grund, die "Märkische Heide“, die keine offizielle Landeshymne ist, für das Protokoll zu streichen. Das Thema sei bereits Anfang der 90er Jahre diskutiert und entschieden worden, sagte ein Sprecher.

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