Streit ums Stadion : Potsdam provoziert erneut die Unesco

In Potsdam droht erneut ein Konflikt mit der Unesco um die als Welterbe geschützten Schlossparks. Es geht um die gerade von Land und Stadt beschlossene Generalsanierung des maroden Karl-Liebknecht-Stadions, in das acht Millionen Euro aus dem Konjunkturpaket fließen sollen.

Thorsten Metzner

Potsdam - Das Stadion liegt unmittelbar am Park Babelsberg, und damit direkt an einer der Potsdamer Welterbestätten. Nach Tagesspiegel-Informationen ist das deutsche Nationalkomitee des internationalen Denkmalrates Icomos, der für die UN-Kulturorganisation offiziell als Frühwarn-Gutachter bei Gefahren für Welterbestätten fungiert, wegen der Ausbaupläne bereits „alarmiert“ – und wird in Kürze auch offiziell intervenieren. Der Icomos-Rat war es auch, der bei der Dresdner Waldschlösschenbrücke oder der Rheinquerung nahe der Lorelei das Pariser Welterbezentrum einschaltete.

Icomos, Landeskonservator Detlef Karg und die Preußische Schlösserstiftung befürchten durch die Millioneninvestitionen eine weitere Beeinträchtigung der Potsdamer Kulturlandschaft, die vor 19 Jahren den Welterbestatus nicht zuletzt wegen der vielfältigen Sichtbeziehungen aus und zwischen den Parks Sanssouci, Neuer Garten und Babelsberg erhalten hatte. „Man sollte in Potsdam eigentlich gewarnt sein“, sagt Karg. Er erinnert ausdrücklich an den Konflikt mit der Unesco um das „Potsdam-Center“, der in den 90er Jahren beinahe zur Aberkennung des Welterbetitels geführt hätte.

Zwar wird das Stadion von den Fans der beiden Fußballvereine Babelsberg 03 (Präsident: Finanzminister Rainer Speer (SPD)) und Turbine Potsdam geliebt, betonen Regierung wie Rathaus die Notwendigkeit der Sanierung. Doch das zu DDR-Zeiten 1976 ohne Rücksicht auf das Gartendenkmal errichtete, bislang lediglich Bestandsschutz genießende Stadion ist für viele schon lange ein Ärgernis. Anwohner zogen wegen der Lärmbelästigungen bereits vor Gericht.

Das Stadion wurde „als Provisorium geduldet“, sagt nun Stiftungskonservatorin Gabriele Wolter. Und dass alles, was mit dem „Karli“ zu tun hat, den Welterbestatus berührt, ist Land und Stadt bestens bekannt. Selbst Icomos war wegen des Stadions schon mehrfach aktiv – etwa als dort vor einigen Jahren eine Flutlichtanlage errichtet wurde. Wegen des nahen Welterbeparks bekam diese – deutschlandweit einmalig – abknickbare Masten, die auch nur befristet erlaubt wurden. Als 2006 daraus eine unbefristete Genehmigung werden sollte, intervenierten die Welterbewächter sofort.

In einem Schreiben an Oberbürgermeister Jann Jakobs (SPD) warnte Icomos-Experte Giulio Marano am 8. Juli 2006, „dass die Flutlichtmasten auch in abgeknickten Zustand eine stark verfremdende und störende Wirkung haben und eine erhebliche Beeinträchtigung der visuellen Integrität des Gartendenkmals darstellen.“ Prompt vermerkte Stadtplanungschef Andreas Goetzmann handschriftlich: „Da kriegen wir ein dickes Problem.“ Jakobs versicherte Icomos am 11. August 2006, „dass sichergestellt wird, dass eine rechtmäßige Entscheidung zu diesem diffizilen Thema getroffen wird“.

Doch der Stadion-Konflikt brach bald wieder aus. Das war Anfang 2007, Potsdam war damals als Standort für die Frauenfußball-WM 2011 in der engeren Wahl, vorausgesetzt, dass das „Karli“ zu einer modernen Fußball-Arena ausgebaut würde. Aus der WM in Potsdam wurde am Ende zwar nichts. Doch schon bei den damaligen Vorbereitungen kam es im März 2007 zu einem geheimen Spitzentreffen mit hochrangigen Icomos-Experten, Landeskonservator Karg, Sanssouci-Generaldirektor Hartmut Dorgerloh, Stadtvätern und Finanzminister Rainer Speer, dem Fußball-Präsidenten.

Nach internen Rathaus-Protokollen, die dem Tagesspiegel vorliegen, war auch Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) eingeschaltet. Allen war klar, dass am „Karli“ nichts hinter dem Rücken der Welterbehüter passieren darf. Auch deshalb wurden Alternativstandorte im Süden der Stadt geprüft. „Die Unesco muss beteiligt werden“, heißt es etwa in einem Rathaus-Vermerk. Oder: „Der Umbau des Karli ist problematisch, da das Welterbe betroffen ist.“

Umso irritierter reagieren Icomos, Landeskonservator und Schlösserstiftung jetzt, dass Land und Stadt im Alleingang die Sanierung des Karl-Liebknecht-Stadions besiegelt haben, womit der Standort auf Dauer zementiert würde – als permanenter Störfall für das Potsdamer Welterbe.

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