Studium : Mit Speed zum Diplom

Benjamin Matschke von der Technischen Universität Berlin studierte Mathe in Rekordzeit: Nach nur fünf Semestern hat sein Diplomstudium abgeschlossen. Er glaubt aber nicht, dass es mathematische Genies gibt.

Ann-Kathrin Nezik
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Holzklotzproblem. Der 25-jährige Benjamin Matschke schreibt jetzt an seiner Dissertation im Berliner Matheon.Foto: Thilo Rückeis

Aus Sicht der Bildungspolitiker ist Benjamin Matschke sicher ein Held. Wären alle Studenten so wie er, hätten sie den Kurz-Bachelor nicht einführen müssen, um endlich die überlangen Studienzeiten in den Griff zu bekommen. Matschke, er studierte noch auf Diplom, hat sein Mathematikstudium an der TU Berlin nach fünf Fachsemestern abgeschlossen. Die Regelstudienzeit beträgt neun Semester. Für seinen Studienabschluss in Rekordzeit wurde Matschke jetzt mit dem Erwin-Stephan-Preis ausgezeichnet, den die TU zweimal im Jahr an Absolventen verleiht, die ihr Studium besonders schnell und mit Bestnoten abgeschlossen haben.

Ein unauffälliges Büro im sechsten Stock des Mathematik-Gebäudes der TU: Computer, Schreibtische, an der linken Wand hängt eine große Tafel, vollgeschrieben mit Zahlen und Formeln. Sie ist neben Papier und Bleistift das wichtigste Arbeitsgerät des 25-Jährigen, der inzwischen an der TU promoviert.

Matschke hat von Anfang an extrem viel für sein Studium getan, sagt er. Durchschnittlich 40 Semesterwochenstunden hat er jedes Semester nur in Vorlesungen und Übungen verbracht – die meisten Studenten kommen etwa auf die Hälfte. Natürlich sei er am Wochenende auch mal auf Partys gegangen. Aber unter der Woche sei er selten zu etwas anderem als der Mathematik gekommen. Zeit zum Jobben brauchte er nicht, denn Matschke war Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und wohnte im Studentenwohnheim.

„Ich habe intensiv studiert“, sagt er. Intensiv – aber nicht mit stur auf das Examen gerichtetem Blick. Viele Kurse habe er belegt, weil sie ihn interessierten, nicht weil er sie für einen Schein gebrauchte, erzählt er: „Ich weiß nicht, ob das im Bachelor-Master-System möglich gewesen wäre.“

Motiviert habe ihn nicht die Aussicht auf das große Geld oder einen prestigereichen Job, sondern allein sein Interesse am Fach: „Ich wollte ein guter Mathematiker werden.“ Seit der fünften Schulklasse hat er an Mathewettbewerben wie der Matheolympiade teilgenommen. Im Jahr 2004 gewann er den Bundeswettbewerb Mathematik. Die Wettbewerbe hätten ihm immer mehr Freude bereitet als der Matheunterricht in der Schule, bei dem er kreative Aufgaben vermisst habe. Nicht zuletzt war seine Teilnahme an den Mathewettbewerben ein entscheidender Vorteil in seinem Studium: „Ich wusste schon zu Studienbeginn, was ein Beweis ist, und war im logischen Denken geschult.“

Trotzdem glaubt Matschke, dass jeder, der genug Arbeit in sein Studium steckt, dieses erfolgreich abschließen kann: „Es gibt keine mathematischen Genies.“ Es helfe zum Beispiel, bereits in den vorangehenden Semesterferien das Buch zu einer Vorlesung durchzuarbeiten. „Dann sind die Vorlesungen zu einem großen Teil nur noch Wiederholungen.“

Matschkes Fachgebiet ist die algebraische Topologie, die die Eigenschaften von geometrischen Körpern untersucht. In seiner Diplomarbeit zum Thema „Äquivariante Topologie und Anwendungen“ hat er sich unter anderem mit dem sogenannten „Square Peg Problem“ beschäftigt, dem Quadratischer-Holzklotz- Problem. Dabei geht es darum zu beweisen, dass es auf geschlossenen, zweidimensionalen Kurven vier Punkte gibt, die ein Quadrat aufspannen. Für bestimmte Arten von Kurven ist das bislang noch nicht gezeigt. Daran hat sich Matschke versucht. „Das ist ein hübsches Problem, für dessen Lösung man nach neuen Methoden suchen muss“, sagt er. Überhaupt spricht er viel von „hübschen“ oder „extrem interessanten Problemen“.

Für seine Promotion an der „Berlin Mathematical School“, der Mathe-Graduiertenschule der TU, FU und HU, forscht Matschke weiter auf dem Gebiet der Topologie. Seine Stelle als Doktorand ist für ihn ein Traumjob, denn sie lässt ihm viel Zeit zum Forschen. Auch dass er oft zu Konferenzen reisen und an verschiedenen Orten der Welt forschen kann, gefällt ihm. Während Studium und Promotion war er unter anderem in Toronto, Hanoi und Belgrad. Mit den 4000 Euro, die mit dem Absolventenpreis verbunden sind, plant er einen längeren Forschungsaufenthalt in Seattle. Wenn er es sich aussuchen könnte, würde er in der Zukunft am liebsten an einer Hochschule oder einem außeruniversitären Forschungsinstitut arbeiten. Er habe das Gefühl, mit seiner Forschungsarbeit etwas Bleibendes zu schaffen: „Wenn in ein paar Jahrhunderten immer noch mit einem Theorem gerechnet wird, das ich aufgestellt habe, wäre das toll.“

Studium in Rekordzeit, Auslandsaufenthalte, jetzt die Promotion – Matschkes bisheriges Leben ist im Fast-Forward-Modus verlaufen. Was macht er, wenn er einmal auf die Pause-Taste drücken will? Dann holt er seine Staffelei heraus und malt, meistens Landschaften in Öl. Was für den Mathematiker Matschke ganz normal ist – seine Forschungsergebnisse zu veröffentlichen – käme dem Hobbymaler nie in den Sinn: „Meine Bilder male ich nur für mich.“

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