Der Tagesspiegel : Sturm überm Strand

Mit Gemälden von Kirchner und Nolde starten die Frühjahrsauktionen der Villa Grisebach

Michaela Nolte

Sonne, Strand und Meer: Scheinbar passend zur Jahreszeit hat die Villa Grisebach diesmal gleich drei millionenschwere Werke zum Thema im Angebot. Als Primus inter Pares kommt Ernst Ludwig Kirchners Ölgemälde „Landschaft am Ufer (Fehmarn)“ für geschätzte 1,8 Millionen Euro zum Aufruf. In reduziertem, gedämpftem Kolorit, prägnanter Formgebung und einer futuristisch anmutenden Dynamik vereint Kirchner hier laut eigenem Bekunden „die letzte Einheit von Mensch und Natur“. Die Frauengestalt, die der stürmischen Brandung entflieht und zugleich der Natur zu entwachsen scheint, nimmt jedenfalls die asketischen Gestalten der 1913 begonnenen Berliner Straßenszenen vorweg.

Zwei weitere Hauptwerke stammen von Emil Nolde und gehen mit einem Schätzpreis von jeweils einer Million Euro in die Abendauktion: „Kleine Sonnenblumen“, ein eindringliches Menschen- und Blumenbildnis sowie „Abendhimmel und Meer“, ein furioser Farbrausch, in dem Sonne, See und Wolken zu einem düster glutvollen Ganzen verschmelzen.

Mit weiteren und ungewöhnlich vielen marktfrischen Werken gibt sich die Offerte der Klassischen Moderne einmal mehr exquisit. Neben Karl Schmidt-Rottluffs leuchtender Charakterdarstellung „Pommersche Bauern“ (250 000 Euro) ragen noch Paul Klees aquarelliertes Kleinod „Küstenlandschaft mit zwei Aussichtsfelsen (mit dem schwarzen Stern)“ (100 000 Euro) sowie Hans Arps Holzrelief „Ohne Titel (Fisch und Pflanzengestalt“ für 180 000 Euro heraus.

Marktfrisch auch die Zeitgenossen, wo das jüngste Werk „Beziehung 2“ vor gerade einmal fünf Jahren das Atelier von Eberhard Havekost verlassen hat (100 000 Euro). Immerhin 30 000 Euro werden für eine Papierarbeit des Schotten Peter Doig erwartet, der momentan den Auktionsrekord als teuerster lebender europäischer Künstler hält.

Insgesamt kommen während der dreitägigen Auktionen über 1250 Kunstwerke zum Aufruf. Neben den hundert „ausgewählten Werken“ der umfangreiche Katalog mit „Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts“, rund 300 Fotografie-Lose und im „Third Floor“ die Schätzpreise bis 3000 Euro. Ein eigener Katalog ist Karl Hofer gewidmet, dessen 20 Zeichnungen und Gemälde zwischen 3000 und 140 000 Euro taxiert sind. Bei einer Gesamtschätzung von über 14,5 Millionen Euro gibt sich die Villa Grisebach auch nach ihrem Jubiläumsjahr weiterhin strahlend. Michaela Nolte

Villa Grisebach, Fasanenstraße 25; Vorbesichtigung bis 6. Juni: So–Di 10–18.30 Uhr, Mi 10–17 Uhr. Versteigerungen: Fotografie, Do, 7. Juni, 15 Uhr; Ausgewählte Werke, Fr, 8. Juni, 17 Uhr; Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts, So, 9. Juni, 10 Uhr; Third Floor, So, 9. Juni, 15 Uhr.