Der Tagesspiegel : Süchtig nach Schönheit

Wer Zweifel an seinem Aussehen hat, gehört nicht zwangsläufig unters Messer: Hässlichkeitswahn wird auf der Couch behandelt

Philipp Eins

Ob Segelohren oder eine schiefe Nase: Wer mit seinem Körper unzufrieden ist, kann Schönheitsoperationen nicht bei der Krankenkasse abrechnen – auch dann nicht, wenn der psychische Druck groß ist. Das entschied kürzlich das Sozialgericht Koblenz. Geklagt hatte eine Frau, die vor dreißig Jahren Implantate erhalten hatte, weil sie wegen ihrer kleinen Brust unter psychischen Problemen litt. Die Implantate mussten nun ausgetauscht werden. Ihre Krankenkasse wollte zwar die Operationskosten für die Entfernung übernehmen, lehnte jedoch ab, mehr als 2000 Euro für neue Implantate zu zahlen.

„Grundsätzlich können die Krankenkassen nur für kosmetische Behandlungen aufkommen, wenn sie auch medizinisch notwendig sind“, sagt Ann Hörath, Sprecherin vom GKV Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung. Das bedeutet: Grobe Entstellungen nach der Geburt oder nach einem Unfall werden behandelt – aber nur, wenn man auch körperlich beeinträchtigt ist. Psychischer Leidensdruck allein genügt der Krankenkasse nicht, um eine kosmetische Operation zu finanzieren. Auch übernimmt sie die Behandlung nur, wenn der ästhetische Makel auf den ersten Blick ersichtlich ist und sich nicht etwa auf dem Oberkörper unter einem T-Shirt verbirgt. „Solche Fälle unterliegen in jedem Fall einer individuellen Prüfung durch den medizinischen Dienst der Krankenversicherung“, sagt Hörath.

Wen schmale Lippen oder kleine Brüste stark belasten, der muss beim Schönheitschirurgen nicht unbedingt richtig aufgehoben sein. Denn der Zweifel am eigenen Körper kann psychische Ursachen haben – und im schlimmsten Fall bis zum Hässlichkeitswahn führen, der sogenannten Dysmorphophobie. Popstar Michael Jackson gilt unter Fachleuten als Betroffener dieser Krankheit. „Er hat über 30 kosmetische Operationen durchführen lassen“, äußerte der britische Arzt David Veale gegenüber dem Nachrichtenmagazin Focus. „Und seine Ex-Frau Lisa Marie Presley sagte, er würde auch im Bett sein Make-up nie entfernen.“

Dysmorphophobie ist seit etwa 120 Jahren bekannt, die Störung wurde erstmals von einem italienischen Arzt beschrieben. „Diese Krankheit hat nichts damit zu tun, dass sich der eine oder andere nicht gerade als makellos oder gar schön empfindet“, erklärt Volker Faust, Professor am Zentrum für Psychiatrie an der Universität Ulm. „Patienten mit einem Entstellungssyndrom machen sich durch ihren – meist vermeintlichen – Mangel nicht nur unglücklich, sie ruinieren ihr ganzes Leben. Denn sie geben keine Ruhe, bis der Makel behoben ist – bis hin zur Operation.“

Oftmals ist die Störung mit Zwängen verbunden. „Die Patienten beschäftigen sich ständig mit dem Thema, wollen ihren Körper kontrollieren“, sagt Klaus-J. Lindstedt, Vorsitzender des Berliner Instituts für Psychotherapie und Psychoanalyse (BIPP). Sie schauten beispielsweise andauernd in den Spiegel und glaubten, in einem falschen Körper gefangen zu sein. Eine chirurgische Korrektur sei jedoch keine Lösung, zumindest nicht auf Dauer. Helfen könnten nur Psychiater oder Psychologen. Die aber würden von den Erkrankten gemieden, da diese sich lediglich körperlich beeinträchtig fühlten.

Etwa zehn Prozent seiner Patienten seien von der Krankheit betroffen, vermutet Wolfgang Mühlbauer, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie und Professor an der medizinischen Fakultät der Technischen Universität München. Bei weiteren zwei Prozent handele es sich um extreme Härtefälle. „Oftmals erkenne ich schon an den Briefen der Patienten, ob eine Erkrankung vorliegt“, sagt der Chirurg. Die Betroffenen bitten nicht nur um einen Beratungstermin, sie beschreiben ihre vermeintlichen Makel über mehrere Seiten – obwohl auf den beigefügten Fotos eher unscheinbare Gesichter abgelichtet sind. Im persönlichen Gespräch verstärkt sich dieser Eindruck: Den Patienten mangelt es an jeglichem Selbstbewusstsein.

Seit Jahren hält Mühlbauer Vorträge über Dysmorphophobie. Plastische Chirurgen kennen die Diagnose – sie ist Bestandteil ihrer Facharztprüfung. „Gerade jungen Kollegen mangelt es jedoch an Erfahrung“, vermutet der Wissenschaftler. Für sie gibt es einen Fragenkatalog, der helfen soll, gefährdete Personen zu erkennen. Stellt sich heraus, dass jemand durch einen chirurgischen Eingriff einen totalen Wandel seines Lebens erwartet, sollte nicht einfach drauflosoperiert werden.

Unbedenklich sind kosmetische Operationen nach Ansicht des Psychotherapeuten Klaus-J. Lindstedt, wenn sie nicht auf mangelndem Selbstwertgefühl beruhen. Der Chirurg Wolfgang Mühlbauer vermutet sogar: Wer sich bei ihm unters Messer legt, will nicht einmal schöner werden. Die meisten Patienten möchten mit begradigter Nase oder verkleinerten Brüsten einfach weniger auffallen – und nicht etwa wie Filmstars im Rampenlicht stehen.

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