Tankred Dorst : "Eine Spritze und weg"

Die Alten in Tankred Dorsts neuem Drama haben keine Angst vor dem Tod. Was sie verzweifeln lässt und aggressiv macht, ist die Erkenntnis, dass sie nichts mehr zu erwarten haben. "Ich bin nur vorübergehend hier" ist ein schonungsloser Blick auf das Alter.

Christina Sticht[dpa]

HannoverDer Körper verwelkt, die Schönheit dahin, der Geist vernebelt, die meisten Chancen verpasst. Der Büchner-Preisträger, selbst mittlerweile fast 82 Jahre alt, wirft in seinem tragikomischen Stück "Ich bin nur vorübergehend hier" einen schonungslosen Blick auf das Alter. Die Uraufführung im Foyer des Schauspielhauses Hannover wurde am Sonntag mit viel Applaus gefeiert.

"Botschaften aus dem Niemandsland" haben Tankred Dorst und seine Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Ursula Ehler das Stück untertitelt. Eine Gruppe von Greisen trifft sich in einer merkwürdigen Wartehalle des Todes. Von Weisheit und Würde des Alters ist hier nichts zu spüren. Die 16 Senioren lassen keine Gelegenheit aus, sich gegenseitig zu piesacken. Die Hölle, das sind die anderen. Eine Mischung aus "Geschlossene Gesellschaft" und "Warten auf Godot".

In allen Gesichtern hat das Leben Spuren hinterlassen

Die Truppe wartet auf ein geheimnisvolles rotes Kind (die zehnjährige Emilia Zimmermann), das immer wieder wie aus dem Nichts auftaucht, die Treppe hinauf- oder hinabrennt und wieder verschwindet. "Das Kind wird Ärger machen", warnt einer. Es steht für Jugend, für Vitalität, für alles, was die Alten nicht haben.

Der eitle Herr Sonnemann (herrlich selbstgefällig: Ernst-Erich Buder) interessiert sich nur noch für sich und sein Diktiergerät. Er bereitet einen höhnischen Abschiedsgruß an die vor, die nach seinem Erbe lechzen. Richter Dahms (Friedrich W. Rasch) faselt von Gerechtigkeit, der verschlagene Arzt Büttner (Klaus-Peter Haase) von Euthanasie ("Eine Spritze und weg - das ist human."). Die tätowierte Alma (Gabriele Mittler-Gerstenberger) möchte endlich den Tod an ihre Brust drücken - für sie ein junger Mann mit Motorradbrille und einem Mund so groß wie ein Müllschlucker.

Beeindruckende Schauspieler im Alter von 64 bis 83 Jahren agieren neben Laiendarstellern, die überwiegend die kleineren Rollen übernommen haben. In allen Gesichtern hat das Leben Spuren hinterlassen, doch eigentlich spielt ihr Alter keine Rolle. Viel spannender sind die unterschiedlichen, teils vom Krieg traumatisierten Charaktere mit ihren Unzulänglichkeiten und Obsessionen.

"Die Alten sehen nur anders aus als die Jungen."

Den anrührenden, poetischen Monologen hätte eine intimere Bühnenatmosphäre gutgetan. Aber die junge Regisseurin Julia Hölscher hat sich dafür entschieden, die inneren und äußeren Konflikte durch Bewegung zu akzentuieren. Dafür eignet sich das Foyer mit den Treppen und Galerien in weißem Beton bestens. Die Akteure nutzen zwei Etagen, Fenster, Bar, Aufzug, Klappsitze und schräge Flächen als Spielorte, mittendrin sitzen die Zuschauer im gleißenden Licht. Sie können nicht im Dunkeln abtauchen, sondern werden zu Mitwissern und Komplizen.

Erwarten einen am Lebensende tatsächlich überwiegend Resignation, Groll und Zankerei, wie es das Stück nahelegt? Tankred Dorst sagte in einem Interview für das Spielzeitheft des Schauspiels Hannover etwas Tröstliches: "Die Alten sehen nur anders aus als die Jungen." Menschen seien nicht nur jung oder alt, sondern auch ängstlich, mutig, klug, dumm, sentimental, grausam und so weiter. Natürlich mache das Alter nicht den ganzen Menschen aus, betonte der 81 Jahre alte Dichter. Allerdings: "Bestimmte Eigenschaften werden deutlicher. Extremer, lästiger."

Am 7. November feiert "Ich bin nur vorübergehend hier" in der Regie von Alexander Brill Premiere im Schauspiel Frankfurt/Main.