Der Tagesspiegel : Tankstellen in der Grenzregion droht das Ende

Seit der EU-Erweiterung fielen die Umsätze um 50 Prozent, weil der Sprit in Polen deutlich billiger ist

Claus-Dieter Steyer

Frankfurt (Oder) - Autofahrer auf dem Weg von Berlin ins östliche Brandenburg kommen beim Blick auf die Preistafeln der Tankstellen leicht ins Grübeln. Je weiter sie sich von der Großstadt entfernen, desto höher liegen die Zahlen für Benzin und Diesel. Kostete ein Liter Super bleifrei in Berlin gestern im Schnitt 1,25 Euro, so verlangte eine Tankstelle kurz vor Frankfurt (Oder) 1,27 Euro. In der Oderstadt selbst mussten 1,27 bis 1,28 Euro bezahlt werden. An der Autobahn schlug die Tankstelle sogar 1,32 Euro für den Liter an der Tafel an. Seltsam – denn nur wenige Kilometer östlich locken ganz andere Zahlen die Autofahrer. Für umgerechnet rund 90 Cent pro Liter Super bleifrei können sie die Tanks auf der polnischen Oderseite füllen.

Bei diesem Preisunterschied sucht kaum ein Einheimischer noch die Tankstelle an der Ecke auf. Er fährt in Frankfurt ohne lange Wartezeit einfach über die Grenze und tankt dort bei Shell, Jet oder polnischen Unternehmen.

Die Folgen dieses so genannten Tanktourismus ist für die rund 50 Stationen in der Grenzregion fatal. Ein Drittel von ihnen steht vor der Schließung, schätzt der Tankstellenverband. Bereits im Juni machte eine Total-Tankstelle in Liebenwalde dicht. „Ende August müssen wir auch die Tankstelle in Oderberg schließen“, sagt Total-Pressesprecher Burkhard Reuss. Die Umsätze reichten einfach nicht mehr aus. „Insgesamt geht der Verkauf an Kraftstoffen in Deutschland zurück, im Grenzgebiet kommt dazu noch die Billigkonkurrenz in Polen.“

Den Verdacht, die Konzerne würden mit ihrer Preispolitik im Osten noch den Rückzug beschleunigen, weist Marco Föhr vom Tankstellenverband Berlin- Brandenburg zurück. „Berlin profitiert eindeutig vom harten Wettbewerb durch eine Vielzahl von freien Tankstellen“, sagt Föhr. „Sie unterbieten die Preise der großen Unternehmen, die dann stets nachziehen müssen.“ In Ostbrandenburg gibt es eine derartige Konkurrenz nicht. Die Preise werden in den weit entfernten Konzernzentralen festgelegt und sind deshalb höher als in Berlin.

Den Beginn der Tankstellenkrise in den deutschen Grenzgebieten beziffert Föhr mit dem 1. Mai 2004. „Seit dem EU-Beitritt Polen und Tschechiens gingen die Umsätze an den Stationen um 50 bis 60 Prozent zurück“, sagt der Fachmann. „Damals fielen die Zollkontrollen und damit die Wartezeiten an der Grenze weg.“ Und wer nicht tankt, kauft auch keine Zigaretten, Süßwaren oder Getränke. Im Shop- Geschäft fiel der Umsatz daher im Schnitt um 40 Prozent. Alle Pächter haben ihr Personal deshalb reduziert. Eine mittelgroße Tankstelle bietet gewöhnlich Arbeit für acht Personen. An der Grenze kommen die Stationen heute mit drei bis fünf Angestellten aus, weil sie nachts oft schon geschlossen bleiben.

Als möglichen Ausweg sieht der Tankstellenverband ein Stiftungsmodell: Der Bund solle auf einen Teil der Einnahmen aus der Mineralölsteuer verzichten und damit den Benzinverkauf in den Grenzregionen subventionieren. Alle diejenigen, die bis zu 15 Kilometer von der Grenze entfernt wohnen, bekämen eine Chipkarte, die sie zum Bezug des billigeren Benzins berechtige. „Das Bundeswirtschaftsministerium hat Zustimmung signalisiert“, erklärt Marco Föhr vom Tankstellenverband. „Nur die Grünen lehnen unseren Vorschlag ab.“ So rollen die Fahrzeugkolonnen weiter in Richtung Osten und an den einheimischen Stationen vorbei.

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