Tarifkonflikt : Gibt die Bahn nach?

Der bislang längste Streik in der Geschichte der Bahn ist zu Ende, die Züge rollen wieder weitgehend planmäßig. Medienberichten zufolge hat die Bahn ein neues Angebot gemacht, um unbefristete Streiks abzuwenden.

Berlin/Frankfurt am Main    "Der Fern- und Regionalverkehr der Deutschen Bahn (DB) läuft nach Ende des Streiks wieder nach Fahrplan", teilte Bahnvorstand Karl-Friedrich Rausch mit. Einzelne Behinderungen habe es zu Betriebsbeginn im Regionalverkehr vor allem in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Nordrhein-Westfalen gegeben. Im Güterverkehr habe die DB bereits in der Nacht damit begonnen, "die Folgen von insgesamt über 100 Stunden Streik seit dem 8. November zu beseitigen", berichtete das Unternehmen weiter.

Sowohl Bahn als auch die Lokführergewerkschaft GDL zogen eine positive Bilanz über den jüngsten Streik. Laut GDL sind nahezu alle 9.600 angestellten GDL-Lokführer dem Streikaufruf der Gewerkschaft gefolgt und dabei noch von Zugbegleitern unterstützt worden, wie ein Gewerkschaftssprecher sagte. Insgesamt seien rund 10.300 Leute an dem Streik der vergangenen drei Tage beteiligt gewesen. "Unsere Leute stehen wie eine Eins." Nun erwartet die GDL nach eigener Mitteilung "vom Bahnvorstand bis Montag 24 Uhr endlich ein verhandlungsfähiges Angebot".

"Zuverlässiges Zugangebot nach Ersatzfahrplan"

Die Bahn betonte, über den gesamten Streikzeitraum habe ein "eingeschränktes, aber zuverlässiges Zugangebot nach Ersatzfahrplan" zur Verfügung gestanden. Im Fernverkehr seien rund zwei Drittel aller Züge unterwegs gewesen. "Bei den Regionalzügen und S-Bahnen war es im bundesweiten Durchschnitt rund die Hälfte." Am stärksten war Ostdeutschland betroffen, wo je nach Bundesland nur knapp ein Viertel bis etwa 30 Prozent der üblichen Regionalzüge gefahren seien. "In Westdeutschland war die Lage deutlich besser. Dort fuhren je nach Region 50 bis 80 Prozent der Regionalzüge", so die Bahn in ihrer Streikbilanz.

Vor dem Hintergrund eines von der GDL angedrohten unbefristeten Arbeitskampfs in der kommenden Woche wächst der Druck, in dem monatelangen Streit zu einer Einigung zu kommen. Magazinberichte, nach denen bereits Bewegung in den extrem festgefahrenen Tarifkonflikt kommt, wurden am Samstag nicht bestätigt.

Medienberichte über eine neues Angebot

Nach Informationen des Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" will die Bahn auf die GDL zugehen, um einen unbefristeten Streik zu verhindern. Die Bahn mache Verhandlungen nun nicht mehr von einer Kooperationsvereinbarung der GDL mit den anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA abhängig, berichtet der "Spiegel" ohne Nennung von Quellen. Ein Bahnsprecher sagte dazu in Berlin lediglich: "Wir möchten uns dazu nicht äußern." Dem Nachrichtenmagazin "Focus" zufolge rechnen Konzern-Insider damit, dass die Bahn "der GDL in Kürze doch noch einen neuen Kompromissvorschlag vorlegen wird". Auch die GDL wollte dies nicht kommentieren. "Wir müssen erst das konkrete Angebot kennen, bevor wir uns dazu äußern", sagte eine Sprecherin.

Nach den Worten des GDL-Vorsitzenden Manfred Schell wird die Gewerkschaft am Montag oder Dienstag darüber entscheiden, ob man in den unbefristeten Streik trete. Der Ruf der Mitglieder nach unbefristeten Streiks wird laut GDL-Mitteilung immer lauter. Wie es weitergehe, wisse er aber nicht genau, sagte Schell in Hofheim bei Frankfurt. Gesprächstermine rund um seinen Auftritt bei der ARD-Talkshow "Anne Will" an diesem Sonntag in Berlin gebe es nicht.

Tiefensee solle vermitteln

Schell und Bahn-Personalchefin Margret Suckale treffen dort am Sonntagabend aufeinander. Der Vize der Unionsfraktion im Bundestag, Hans-Peter Friedrich (CSU), kritisierte das im Deutschlandradio Kultur: "Eine merkwürdige Situation, dass man bereit ist, sich vor laufende Kameras zu setzen und eine Talkshow zu machen, aber dass man das ernsthafte Gespräch hinter geschlossenen Türen verweigert. Das ist einigermaßen absurd."

Bahn-Aufsichtsratsmitglied Georg Brunnhuber sagte: "Ich gehe davon aus, dass es am Wochenende vom Bahn-Vorstand ein neues Gesprächsangebot gibt." Der im Tarifstreit gemeinsam mit Kurt Biedenkopf (CDU) als Moderator eingesetzte CDU-Politiker Heiner Geißler hält den Konflikt nach wie vor für lösbar. Es sei vertretbar, wenn es zwei Tarifverträge in einem Konzern gebe, allerdings müssten die verschiedenen Gewerkschaften dabei eng kooperieren. Am besten solle parallel verhandelt werden. Auf die Moderatorenvereinbarung von Ende August, die Geißler und sein Biedenkopf mit Bahn und Bahn-Gewerkschaften GDL abgestimmt hatten, berufen sich beide Tarifparteien als Basis für Verhandlungen, ohne dass es bisher zu neuen Gesprächen gekommen ist. (mit dpa)