Tarifstreit : Bahn entsetzt über ganztägige Streiks - das große Chaos droht

22 Stunden soll am Freitag auf den Schienen nichts mehr gehen, hofft die Lokführergewerkschaft GDL. Die Bahn reagierte harsch auf die kurzfristige Streikankündigung. Einen Notfahrplan kann sie in den wenigen verbleibenden Stunden bis zur Arbeitsniederlegung nicht organisieren.

Lokführer
Lokführer streiken am Freitag ganztägig. -Foto: dpa

Frankfurt am Main/BerlinAm Freitag müssen sich Bahnkunden auf massive Verspätungen und Zugausfälle einstellen. Trotz des Spitzengesprächs bei der Bahn wollen die Lokführer bundesweit zwischen zwei Uhr und Mitternacht den Regional-, Nah- und S-Bahn-Verkehr lahmlegen. Das kündigte die Lokführergewerkschaft GDL an. Grund sei, dass die Bahn kein neues Verhandlungsangebot vorgelegt habe. Die Bahn zeigte sich empört über das Vorgehen. Von den Streikmaßnahmen könnte indirekt auch der Fernverkehr betroffen sein.

Die Gewerkschaft hatte die Streiks bereits auf ihrer Sitzung am Mittwoch beschlossen und die Lokführer aufgerufen, praktisch ganztägig die Arbeit niederzulegen. Dass der Streik angesichts des bevorstehenden Treffens mit Bahnvorstand Hartmut Mehdorn noch abgesagt wird, schloss Gewerkschaftschef Manfred Schell aus: Er und Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee betonten, dass es sich lediglich um ein Informationsgespräch handele. "Wir brauchen sachliche Verhandlungen. Deshalb ist es gut, dass das (Aufsichtsrats-)Präsidium sich von beiden Tarifpartnern detailliert über deren Positionen informieren lässt", sagte der Minister.

GDL hofft auf vollen Erfolg

"Wir gehen davon aus, dass die Arbeitskampfmaßnahmen Erfolg haben und dass so wenig wie möglich fährt", sagte Schell weiter. Dadurch könne es auch zu Behinderungen im Fernverkehr kommen. Wenn Züge Gleise blockieren und Anschlüsse nicht funktionieren, ist auch hier mit Einschränkungen zu rechnen.

Die Bahn kritisierte das Vorgehen der Gewerkschaft scharf. "Das ist ein unglaublicher Vorgang", monierte der für den Personenverkehr zuständige Vorstand, Karl-Friedrich Rausch. In den verbleibenden wenigen Stunden habe die Bahn "keine Chance, Ersatzfahrpläne einzurichten, um die Auswirkungen für die Kunden möglichst gering zu halten". "Damit ist alleine die GDL für das absehbare Chaos im Nahverkehr verantwortlich", erklärte Rausch. Die GDL machte hingegen Bahnchef Mehdorn für die Eskalation des Streits verantwortlich. "Das hat Mehdorn sich selbst zuzuschreiben", sagte ein Sprecher. Schließlich habe die Bahn genug Zeit gehabt, ein tragfähiges Angebot vorzulegen.

Einsatz von Bussen

Über die aktuelle Situation können sich Bahnreisende im Internet unter www.bahn.de/aktuell sowie über die kostenlose Service-Hotline 08000 99 66 33 informieren. Zudem will die Bahn das Personal zur Kundenbetreuung wie bereits während der Warnstreiks vor einer Woche deutlich aufstocken. Außerdem will die Bahn mit zusätzlichen Zügen im Fernverkehr und dem Einsatz von rund 100 Bussen im Nahverkehr reagieren. Einen Versuch, den ganztägigen Streik gerichtlich verbieten zulassen, will die Bahn nicht unternehmen. Erst wenn der Fern- und Güterverkehr durch Streikaktionen beeinträchtigt werden sollte, will die Bahn vor Gericht ziehen.

"Es gibt ganz massive Auseinandersetzungen, verbales Mobbing"

Das Spitzentreffen mit Bahnchef Mehdorn, Aufsichtsratschef Werner Müller und Gewerkschaftschef Schell soll dazu dienen, wieder Bewegung in die festgefahrenen Tarifverhandlungen zu bringen. Vor dem Spitzentreffen hatte der Chef der Gewerkschaft Transnet vor einer Spaltung der Belegschaft gewarnt. "Es gibt ganz massive Auseinandersetzungen, verbales Mobbing, unter den Beschäftigten", sagte Norbert Hansen im Fernsehsender N-TV. Den Streit heizten die an, "die jetzt für sich etwas Besonderes herausholen wollen und nicht einsehen, dass das zu Lasten der Übrigen gehen wird", sagte er mit Blick auf die Forderungen der Lokführer.

Die Lokführer fordern neben deutlich mehr Lohn vor allem einen eigenen Tarifvertrag. Die Gewerkschaften Transnet und GDBA hatten mit dem Konzern bereits vor Wochen ein Lohnplus von 4,5 Prozent ausgehandelt, was die GDL jedoch nicht übernehmen wollte. Die Bahn wiederum lehnt einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer ab. Meinungsumfragen zufolge findet eine Mehrheit der Bundesbürger die Streiks richtig. (mit AFP/dpa)