Technikberufe : Fehlende Chancen schrecken ab

Nicht nur das Bildungssystem ist schuld: Warum Frauen nicht gerne Ingenieurin werden.

Anja Kühne

Wer mehr Ingenieurinnen will, muss bessere Karrierechancen für Frauen in Technikberufen schaffen. Allein im Bildungssystem lässt sich das geringe Interesse junger Frauen an technisch-naturwissenschaftlichen Studiengängen nicht beheben. Das geht aus dem aktuellen „Brief Bildung“ des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung hervor. Darin analysieren Heike Solga, Leiterin der WZB-Abteilung „Ausbildung und Arbeitsmarkt“, und ihre Mitarbeiterin Lisa Pfahl die Motive von jungen Frauen, sich gegen das Studium eines technischen Studiengangs zu entscheiden.

Selbst junge Frauen mit sehr guten Leistungen in Naturwissenschaft und Technik zögern in Deutschland demnach, einen technischen Beruf zu ergreifen. Denn weil Frauen in den später infrage kommenden Berufen (Ingenieurin, Chemikerin, Physikerin, Architektin) wenig vertreten sind, unterstützen die Eltern ihre Töchter auch nicht, einen Beruf anzusteuern, in dem für Frauen offenbar keine guten Chancen bestehen.

Diese Wahrnehmung der Eltern ist durchaus realistisch, schreiben die Forscherinnen. Keineswegs hätten Frauen, die trotz aller Widerstände einen technischen Beruf ansteuern, dort besonders gute Chancen. Im Gegenteil. Sie seien „mit deutlich größeren Schwierigkeiten“ als Männer konfrontiert. So seien sie beim Berufseinstieg häufiger von Sucharbeitslosigkeit betroffen und könnten häufiger nur in befristete und zumeist schlechter bezahlte Jobs einsteigen. Zwar seien 22 Prozent der Absolventen der Ingenieurwissenschaften Frauen, aber nur elf Prozent der beschäftigten Ingenieure.

Die Arbeitslosenquote von Frauen in technischen Berufen liegt über der von Männern – und auch über der von Frauen in klassischen Frauenberufen (Lehrerin, Ärztin, Sozialpädagoginnen). So liegt die Arbeitslosenquote der Ingenieurinnen mit 18,9 Prozent zweieinhalbmal so hoch wie die der Ingenieure (7,2 Prozent). Nur 22 Prozent der Männer arbeiten im Berufsfeld Informatik und Ingenieurwissenschaft unterhalb ihres Qualifikationsniveaus, aber fast die Hälfte der Frauen (45 Prozent). Dabei studierten Frauen in den entsprechenen Studiengängen schneller und schlössen mit besseren Zensuren ab. In Ländern, in denen Frauen bessere Berufschancen haben, seien die Geschlechtsunterschiede in der Wahl naturwissenschaftlicher Fächer als Leistungsfach in der Schule deutlich geringer oder gar nicht mehr vorhanden.

Absichtserklärungen der Unternehmen in Deutschland reichten daher nicht aus, „um jungen Frauen und deren Eltern glaubhaft zu versichern, dass Frauen in technischen Berufen erwünscht sind und gleiche Karrierchancen wie Männer haben“, schreiben die Forscherinnen. Vielmehr müssten die Unternehmen „durch formalisierte Rekrutierungspolitik, verbindliche Gleichstellungsziele und ein aktives Audit“ Frauen eine höhere Arbeitsplatzsicherheit und bessere Aufstiegschancen eröffnen.

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