Der Tagesspiegel : Templin und München

Holger Wild

München, im Dezember: Zwei junge Schläger, reichlich betrunken, verprügeln einen älteren Mann. Wie von Sinnen treten sie immer wieder gegen seinen Kopf. Das Opfer überlebt, wenn auch nur knapp.

Templin, im Juli. Zwei junge Schläger, reichlich betrunken, verprügeln einen älteren Mann. Die Polizei spricht von einem Gewaltexzess. Immer wieder treten sie ihrem Opfer gegen den Kopf. Dieser Mann überlebt nicht.

Zwei sehr vergleichbare Taten, sollte man meinen. Aber zwei offenkundig vollkommen verschiedene Fälle. Der versuchte Mord in München ließ einen Sturm des Entsetzens und der Empörung durchs Land fegen; er entschied sogar eine Landtagswahl mit. Der vollendete Mord in Templin – wird offenbar als lokale Angelegenheit betrachtet.

Wer die Diskrepanz erklären will, findet schnell eine erste Antwort – der aber unangenehme Fragen folgen.

Die schnelle Antwort lautet natürlich: Roland Koch. Der wollte seine Landtagswahl gewinnen und ergriff die Gelegenheit, sich als knallharter Sheriff im Kampf gegen das Verbrechen zu profilieren – während der Templiner Fall für die CSU in Bayern erkennbar keinen Gewinn verspricht. Doch Koch hat damals die Debatte um jugendliche Gewalttäter ja keineswegs in Gang gesetzt. Der Zug rollte längst, als der hessische Wahlkämpfer aufsprang und sich ins Führerhaus setzte.

Der zweite Unterschied zwischen München und Templin: das Video. Das Grauen im U-Bahnhof lief quasi live über alle Kanäle; von dem Grauen in der Templiner Werkstatt künden bisher nur dürre Polizeimitteilungen. Dass das Publikum auf die Bilder emotionaler reagiert, ist ja verständlich. Aber die Politiker? Die Medien? Denken wir an Potsdam, Ostern 2006. Da wurde Ermyas M., ein Dunkelhäutiger, zusammengeschlagen, auch davon gab es keine Bilder – aber Entsetzen und Empörung waren auch in diesem Fall gewaltig.

Könnte es also sein, dass der entscheidende Unterschied in der Wahrnehmung der Verbrechen von München und Templin darin liegt, dass hier zwei junge Ausländer einen pensionierten deutschen Studienrat angriffen – und da zwei junge Brandenburger Rechtsradikale einen arbeitslosen Säufer umbrachten?

Dies sind die unangenehmen Fragen: Ist Ausländerkriminalität schlimmer als Inländerkriminalität?

Oder gelten uns rechte Totschläger in Brandenburg schon nur noch als Teil einer Normalität, wie sie eben leider ist?

Oder zählt in diesem Land das Leben eines Studienrats etwa mehr als das eines Stützeempfängers?

Es gibt Fragen, da möchte man die Antwort lieber nicht hören.

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