Tennis : Das Scheitern des Virtuosen

Gut gespielt und doch verloren: Roger Federer kann die French Open nicht gewinnen – schon gar nicht gegen Rafael Nadal.

Petra Philippsen[Paris]

Bei der Siegerehrung hatte Roger Federer noch mit den Tränen gekämpft, als erneut Rafael Nadal statt seiner den silbernen „Coupe des Mousquetaires“ in die Höhe recken durfte. Doch nur eine Stunde später wich der Gefühlsmensch Federer wieder dem rationalen Analytiker, der sich auf Ursachenforschung begab, warum ihm sein erster Titel bei den French Open erneut verwehrt blieb.

„Ich habe einfach zu viele Chancen ungenutzt gelassen“, sagte der Weltranglistenerste, der allein im ersten Satz bei der 3:6, 6:4, 3:6 und 4:6-Niederlage gegen seinen spanischen Dauerrivalen zehn Breakmöglichkeiten nicht verwertete. Doch auch Federer wusste, dass sich der Grund für seine sechste Pleite auf Sand gegen Nadal nicht derart simpel fassen lässt. „Rafael ist einfach der härteste Spieler auf Sand. Er hat hervorragend gespielt, besonders, wenn es eng für ihn wurde. Es ist unglaublich schwer, die Chancen gegen ihn zu nutzen“, erklärte Federer. „Der schwache Start im dritten Satz hat mir das Genick gebrochen.“

Federer Foto: AFP
Auf Sand verrenkt: Roger Federer verlor das umkämpfte Finale in Paris.Foto: AFP


So wie Federer in der Lage ist, eine Niederlage, die ihn sichtlich geschmerzt hatte, in kürzester Zeit abzuhaken, so ist es eine seiner stärksten Eigenschaften, dass er auch auf dem Platz innerlich einen Schalter umlegen kann. Wenn das Match nicht nach seinem Plan läuft, ändert er wohlüberlegt seine Taktik und verfügt auch über die spielerischen Variationen, um eine Wende zu seinen Gunsten zu erzwingen. Was im Halbfinale gegen Nikolaj Dawidenko noch wirkte, gelang ihm gegen Nadal in Roland Garros nicht.

Das Hauptproblem für den Schweizer Virtuosen liegt vor allem in der Art, wie Nadal das Spiel von der Grundlinie bestimmt: Durch den extremen Top-Spin des Spaniers springen die Bälle vor Federer weit höher ab als bei jedem anderen seiner Gegner. Dadurch wird er in die Defensive gedrängt, aus der er sich nur schwer befreien kann. Denn zusätzlich zum Drall legt Nadal eine enorme Wucht in seine Schläge. „Er sollte nichts an seinem Spiel verändern, es ist so speziell und es macht ihn auf Sand unbezwingbar“, sagte Federer, der ihn dennoch im Vorfeld der French Open beim Masters in Hamburg zum ersten Mal auf dessen Lieblingsbelag besiegen konnte.

Der Triumph, mit dem Federer Nadals Rekord von 81 Siegen in Folge beendete, schien ein Befreiungsschlag für den Schweizer gewesen zu sein. Nach der Trennung von seinem Coach Tony Roche in der Woche zuvor wirkte Federer ein wenig verunsichert, viele Experten trauten ihm den großen Coup in Paris in dieser Situation nicht zu. Doch der Finalsieg in Hamburg vertrieb offenbar den Schrecken, den die French Open zuvor immer bei ihm ausgelöst hatten. Er habe keine Angst mehr vor diesem Turnier, erklärte er im Vorfeld, und sei entspannter als in den beiden Jahren zuvor, als er jeweils im Halbfinale und Finale an Nadal gescheitert war. Entspannter als gewöhnlich wirkte der Schweizer sicherlich im Turnierverlauf, doch nicht im Endspiel, das laut Federer mehr ein „physischer“ als ein „mentaler“ Kampf gewesen sei. Die Anspannung war Federer jedoch deutlich anzumerken. Und auch die Tatsache, dass er glaubte, nach dem Hamburg-Sieg einen Plan gefunden zu haben, wie man Nadal knacken könnte, half ihm nicht weiter. Der Spanier agierte zu aggressiv und diktierte die Ballwechsel von der Grundlinie. „Ich konnte nicht so spielen, wie ich es wollte. Das hat Rafael nicht zugelassen“, sagte Federer.

Für den 25-jährigen Federer wird es immer schwerer, sich die letzte fehlende Trophäe in seiner Sammlung zu sichern. Neben Nadal sind auch weitere junge Spieler auf dem Vormarsch: „Ich fühle mich in meinen besten Jahren. Ich bin zuversichtlich, dass ich hier gewinnen kann. Ob ich es schaffen werde, wird die Zeit zeigen.“ Nach der kraftzehrenden Final-Niederlage gegen Nadal möchte Federer nun aber erst einmal verschnaufen: Seine Teilnahme am Rasenturnier in Halle sagte der Schweizer wegen des Verletzungsrisikos gestern ab.