The White Stripes : Aller kruden Dinge sind drei

Mit dem fulminanten Album „Icky Thump" feiern die White Stripes ihr zehnjähriges Bandjubiläum.

Nadine Lange
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The White Stripes: Zehnjähriges BandjubiläumFoto: Autumn de Wilde

Sie mussten weg aus Detroit. Es ging einfach nicht mehr. Ständig gab es neuen Ärger: Prozesse, Paparazzi und Streitereien mit anderen Musikern. Also verließen die White Stripes ihre Heimatstadt, die sie nur noch als „super-negativ“ emfanden. Schlagzeugerin Meg White zog nach Los Angeles. Sänger, Gitarrist und Songwriter Jack White ging mit seiner Familie nach Nashville, Tennessee. Für ihn eine naheliegende Wahl, denn der US-amerikanische Süden gilt ihm als „heiliges Land“. Stammen daher doch die von ihm so verehrten und unermüdlich zitierten Blues- und Folklegenden wie Son House, Blind Willie Johnson oder Leadbelly.

In Nashville wohnen zudem die Mitglieder von Jack Whites Zweitband, The Raconteurs, die im letzten Jahr mit ihrem feinen Debüt „Broken Boy Soldiers“ einen Überraschungserfolg landeten und derzeit an einem Nachfolgealbum arbeiten. Wegen der Raconteurs gab es Spekulationen, dass sich die White Stripes bald trennen würden. Jack White hat das stets zurückgewiesen und liefert jetzt den Beweis: „Icky Thump“, das sechste Album der White Stripes – aufgenommen in drei Wochen in Nashville.

Es beginnt äußerst aggressiv mit der titelgebenden Vorab-Single. White spuckt seine Lyrics über einen Trunkenbold, der in Mexiko von einer Prostituierten ausgeraubt wird, dermaßen aufgekratzt ins Mikrofon, als wolle er die geballte Wut seines trotteligen Protagonisten herausschreien. Und weil seine Gitarre das noch besser kann als seine Stimme, überlässt er ihr den Refrain: Mit voll durchgedrücktem Verzerrer-Pedal schießt er eine Eisenspähne sprühende Hookline ab, die kurz darauf ein irre trillerndes Keyboard ansteckt. Bemerkenswert ist der Text: „White Americans, what? Nothing better to do?/ Why don’t you kick yourself out/ You’re an immigrant too“, schreit Jack White im zweiten Songteil. Explizit politische Aussagen gehören eigentlich nicht zum Repertoire der White Stripes. Doch hier kritisieren sie ganz deutlich die amerikanische Politik gegenüber illegalen Einwanderern. Unterstrichen wird dies auch durch die letzte Einstellung des in Mexico spielenden „Icky Thump“-Videos: Sie zeigt ein Bauschild mit der Aufschrift „The Great Wall of Mexico – Under Construction“. Danach ist es zwar schon wieder vorbei mit der Politik, doch der im ersten Stück eingeführte kreischig-krachige Sound prägt auch den Rest der Platte. Hatten auf dem Vorgänger „Get Behind Me Satan“ noch Klavier und Marimba das Klangbild beherrscht, spielen sie jetzt keine Rolle mehr. Vielleicht sind sie vom Umzuglaster gefallen. Vielleicht hatte Jack White auch einfach nur Sehnsucht nach seiner Airline-Gitarre, die er auf dem letzten Album nur sporadisch benutzt hatte. Auf „Icky Thump“ spielt er sie häufig wie eine Waffe, was den bluesinfizierten Garagenrock der White Stripes so brutal und hysterisch klingen lässt wie schon lange nicht mehr. Dicht am Heavy Metal operiert das Duo bei dem Sprechgesang-Höllenritt „Little Cream Soda“ und dem an Led Zeppelin erinnernden „I’m Slowly Turning Into You“.

Zwischendurch gibt es immer wieder Atempausen wie das wunderbare „300 MPH Torrential Outpour Blues“. Es ist eines der stärksten Stücke des Albums und entwickelt sich aus einem kleinen Akustikgitarren-Picking über fünfeinhalb Minuten zu einem stetig dringlicher werdenden Drama. Ähnlich intensiv ist „A Martyr For My Love for You“, in dem Jack zum wie immer genial-stumpfen Rumpelbeat von Meg mit sanftmütiger Stimme von einem Mann berichtet, der seine Gefühle zu einer 16-Jährigen niederringt. Repräsentiert wird sein Zwiespalt durch ein melancholisches Steel-Guitar-Motiv in den Strophen und eine orgelbegleitete Power- Chord-Explosion im Refrain. Bei all seiner Schwere ist es dennoch ein mitreißendes Stück, das die große Songwriter-Kraft von Jack White beweist.

Natürlich halten sich die White Stripes auch nach zehn Jahren noch immer an den strengen Regelcodex, den sie zu Beginn ihrer Karriere aufgestellt haben. Er kreist um die magische Zahl drei: Alle Songs basieren auf dem Prinzip „Rhythmus, Melodie, Story“, das mit Gitarre, Schlagzeug und Gesang umgesetzt wird (Bass ist verboten). Kleidung und Artwork sind immer in den Farben Rot, Weiß und Schwarz gehalten. Die manchmal etwas verkrampft wirkende Einhaltung dieser Prinzipien hat das Duo, das einst verheiratet war und sich jetzt als Geschwisterpaar ausgibt, weit gebracht: Das Album „Elephant“ katapultierte die White Stripes 2003 in den Rang von Megastars und Protagonisten des Retro-Rock-Revivals. Dank der zum Klassiker avancierten Single „Seven Nation Army“ verkaufte es sich mehr als dreieinhalb Millionen Mal. Die Kritik fand nur Lob für diesen Monolith von einem Album.

Schon damals betonte Jack White, dass die selbst auferlegten Gesetze auch dazu da sind, gebrochen zu werden. Deshalb kamen schon früher ab und an andere Instrumente hinzu. Und so gibt es nun Mariachi-Fanfaren in dem leicht nervigen Patti-Page-Cover „Conquest“ und einen Dudelsack in den keltisch-folkloristischen Stücken „Prickly Thorn, But Sweetly Worn“ und „St. Andrew“. Auf diese Idee hat die White Stripes wahrscheinlich Jacks Ehefrau Karen Elson gebracht, die aus dem Norden Großbritanniens stammt. Auch der Albumtitel geht auf das Topmodel zurück: „Icky Thump“ ist Yorkshire-Slang und bedeutet so viel wie „Was zum Teufel!“. So sorgen die White Stripes auch auf ihrem sechsten Album wieder für viel Abwechslung in ihrem wertkonservativen Sounduniversum und zeigen, dass ihr minimalistisches Konzept noch immer eine unglaublich Energie freisetzen kann.