Theater : Turm und Drang

„Pornographie“: Uraufführung bei den neuen „Theaterformen“ in Hannover. In Simon Stephens Stück bauen Großstadtbewohner am Monument menschlicher Selbstüberhebung.

Christine Wahl

Schwer schuften die Zeitgenossen in ihren Business-Röckchen, Edelkrawatten und Schuluniformen am Turmbau zu Babel: Ein Teenager, der ohne Aussicht auf Gegenliebe seine Lehrerin begehrt, eine junge Mutter, die aus Wut über Chef und Firma ein geheimes Dossier an die Konkurrenz gefaxt hat, ein junger Mann, der mit seinem Bruder schläft, oder eine 83-jährige Journalistin, die bei wildfremden Menschen klingelt, um ein Brathähnchen zu erbitten.

Wir befinden uns in Hannover, beim Festival Theaterformen – und im Sommer des Jahres 2005, genauer: zwischen dem 2. und dem 7. Juli in London. Im Hyde Park rocken Pink Floyd und Madonna; auf den Straßen führt die Nachricht, dass London als Gastgeber für die Olympiade 2012 ausgewählt wurde, zu spontanen Hup-Orgien. Wenige Stunden später, am 7. Juli 2005, sterben 52 Menschen bei einer Anschlagsserie auf die Londoner U-Bahn.

Simon Stephens fasst in seinem Stück „Pornographie“ die britischen Metropolenbewohner ins Auge. Wobei Pornographie hier nicht im engen Sinne sexuell, sondern im allerweitesten als westliche Kulturtechnik verstanden werden will. In Sebastian Nüblings Uraufführung machen sich die Londoner an die alttestamentarische Arbeit: Brueghels Gemälde vom Turmbau zu Babel ist – als Puzzle mit riesigen, dunkel klaffenden Leerstellen – überdimensional an die hintere Bühnenwand gepinnt. Und zwar in der farblich düstereren, so genannten kleinen oder auch Rotterdamer Version. Teile der rechten Fassade verschwinden dort auf eine Art hinter einer dunklen Wolke, die an die Rauchschwaden vom 11. September um die Twin Towers erinnert.

Wie Trümmer hat Bühnenbildnerin Muriel Gerstner die fehlenden Puzzleteile über die Bühne verstreut. Die Darsteller vom Schauspiel Hannover und dem Hamburger Schauspielhaus hocken abendfüllend vor dem Turmfragment; säubern, ordnen und katalogisieren die Bruchstücke, setzen sie vorsichtig ein und rasten gelegentlich auch komplett aus in ihrem westeuropäischen Megacity-Alltag. Dann wird ein ganzer Puzzlegeröll-Eimer über einem rechtschaffenen Mitbürger entleert oder reißt ein angry young man mit schwerem Testosteron-Überschuss mühselig befestigte Bauteile wieder vom Brueghel-Tower.

Es passt zu Stephens’ Stück, dass das Setting an die zivilisatorischen Ursprünge gemahnt; dass es die ganz große Assoziationsmaschinerie auffährt von der Ruinenstadt in Irak über den himmelstürmenden Turmbau als alttestamentarische Metapher für menschliche Hybris (auf allen Seiten) bis hin schließlich zur strafenden Sprachverwirrung, die sich bis heute als Kommunikationsproblem im großen Stil erhalten hat. Denn der Brite Stephens, der mit seinem Kriegsheimkehrerstück „Motortown“ letztes Jahr aus der Kritikerumfrage von „Theater heute“ als ausländischer Dramatiker des Jahres hervorging, will sehr viel in seinem eigens für Nübling und das Hamburger Schauspielhaus verfassten Auftragswerk.

Vor allem: keine Erklärungsschnellschüsse. In seinen während der Anschlagswoche spielenden Alltagsgeschichten bleibt die Katastrophe selbst eine Art blinder Fleck, offenbart sich eher am Rande in ihren irrationalen Wirkungen. Inmitten der Firmensaboteure, misanthropischen Alt-Journalistinnen und leidenschaftlich vögelnden Brüder findet sich auch ein junger Familienvater, der am Morgen des 7. Juli 2005 mit einer großen Reisetasche in den Londoner Berufsverkehr aufbricht. Stephens integriert eine Tätergeschichte. Es handelte sich bei den Londoner Anschlägen um so genannte home-grown, also in England aufgewachsene Attentäter. Generell schwebt über sämtlichen Szenen das Damoklesschwert des Tabubruchs. Jede Figur übertritt zum Zwecke der dramatischen Steigerung ein Gesetz. Doch so komplexitätsbewusst die Geschichten eben zurechtgezirkelt sind: Man hat ihre Konstruktion schnell begriffen; und gemessen am hoch fliegenden babylonischen Überbau wirken sie gelegentlich doch ziemlich bodenständig. So werden die knapp zweieinhalb Turmbau-Stunden trotz der tollen Schauspieler doch recht lang.

Sebastian Nübling ist mit dieser Theaterformen-Koproduktion neben Frank Castorf, der das Festival kommende Woche mit einem Gastspiel seiner brasilianischen Produktion „Schwarzer Engel“ beendet, wohl der hierzulande bekannteste Festivalgast. Unter der Leitung von Stefan Schmidtke – zuletzt bei den Wiener Festwochen tätig – wurden die Theaterformen jetzt reanimiert und finden künftig jährlich alternierend in Hannover und Braunschweig statt.

Der neue Festivalchef Schmidtke bekennt sich unumwunden zur „Konventionalität“. Soll heißen: Er versteht die Theaterformen wörtlich als ästhetische Vielfalt, vom Zirkus bis zum Dokumentartheater. 14 Produktionen aus aller Herren Länder hat er eingeladen; darunter viele Ur- und europäische Erstaufführungen. Der Erfolg scheint dem 39-Jährigen Recht zu geben: Fast zwei Drittel der Karten waren schon am ersten Tag verkauft.