Theaterfestival Avignon : Das Schwatzen der Männer

Beim 61. Theaterfestival in Avignon enttäuschen die französischen Autoren und Regisseure. Nur die Gastspiele aus Warschau und Antwerpen überzeugen.

Eberhard Spreng

Vielleicht müsste man erst einmal gründlich schweigen, wenn man will, dass Worte wieder Mitteilungskraft bekommen. Vielleicht müsste man die Orte aufsuchen, über die sich die Stille gelegt hat, um dem Theater die Kraft einer politischen Notwendigkeit wiederzugeben. Und vielleicht müsste man alle Orte meiden, in denen nachhaltig kommuniziert wird. Dieser Gedanke drängte sich bei zwei kleineren Arbeiten des Theaterfestivals in Avignon auf – auch weil das Festival dieses Jahr versuchte, die Literatur wieder in den Mittelpunkt der Theaterarbeit zu stellen und dabei eine fast unangenehme Geschwätzigkeit entwickelte.

Jean-Pierre Vincents Inszenierungen eines Briefwechsels von drei Aktivisten der ehemaligen kommunistischen Partei Italiens heißt „Das Schweigen der Kommunisten“ und erzählte gerade von dem Moment, in dem das Schweigen beendet wird: als Versuch, die individuelle Scham über ein historisches Scheitern zu brechen. Als Versuch, zu verstehen und wenigstens den verlorenen politischen Platz in der Geschichte zu benennen.

Derweil gab Dieudonné Niangouna aus Brazzaville in seinem Solo „Attitude Clando“ einer Figur Text und Stimme, die im der gegenwärtigen Weltlage nur als Bild ohne Namen vorkommt, als Flüchtling, illegaler Einwanderer, Mensch ohne Identität. Dieser „Klandestine“ steht eine Stunde fast reglos in der Mitte eines von glühender Holzkohle gebildeten Kreises und lässt eine verborgene Welt entstehen, jenseits der Personalausweise, E-mail- Adressen und Sozialversicherungsnummern. Mit jedem Wort und jedem Satz wird aus diesem Niemand immer mehr ein Jemand, dem man zuhört. Und der, gerade weil er von einem individuellen Schicksal spricht, zur Figur mit universeller Bedeutung wird. Das war überzeugendes Theater als Stiftung des Menschseins aus der Kraft des Wortes.

Ansonsten aber enttäuschten in Avignon gerade die französischen Autoren-Regisseure reihenweise, unter anderem auch der künstlerische Leiter des Festivals, Frédéric Fisbach, mit seiner Theatralisierung der Poesie von René Char aus dessen Résistance-Zeit. Chars „Blätter des Hypnos“ hätten eigentlich im Papstpalast den Festivalmittelpunkt bilden sollen, offenbarten aber dann doch nur entwaffnende Naivität. Wenn bei René Char von der Bevölkerung des provençalischen Serestes die Rede ist, die still, aber geschlossen auf die Soldaten zugeht, die sich gerade anschicken, einen der Ihren zu misshandeln, dann standen in Avignon gut einhundert Frauen und Männer aller Altersgruppen auf den Rängen auf und eroberten langsam die Bühne, um sie für den zweiten Teil der Aufführung in Besitz zu halten.

Fisbach hat mit diesen Amateuren drei Tage lang im Papstpalast gewohnt und die Festivalgäste auch tagsüber zu diversen Veranstaltungen eingeladen. Eine aus historischer Ausnahmeerfahrung gespeiste Literatur und das beispielgebende Engagement des Künstlers wollte dieses Festival in den Vordergrund gerückt wissen. Aber geht das mit Kurzschlussregie, mit mutwillig naiver, verspielt harmloser Umsetzung und der Entschlossenheit eines Regisseurs, den Kunstraum kurzerhand zum Politikraum umzuerklären?

Die Klassikerinszenierungen aus der zweiten Festivalhälfte konnten da nicht mehr viel retten. Eine der großen Shakespearefiguren hatte sich der flämische Dramatiker Peter Verhelsts für eine Nachdichtung vorgenommen. Aber sein Richard der Dritte wurde in Ludovic Lagardes Inszenierung zu einem smarten Entertainer in buntem Seidenanzug. Und zu einer Figur der neuen Rechten: ein rücklichtsloser Top-Politiker, der viel von Nicolas Sarkozy hatte, aber nichts mehr von der Faszination der Shakespeare-Figur. Mit einem veritablen Shakespeare ging das Festival im Papstpalast in die Schlussrunde. Unter der Regie von Jean-François Sivadier brachte der mit Nicolas Bouchaud jung besetzte König Lear und sein von Norah Krief virtuos gespielter Narr Shakespeares existenzielle Komik zum Leuchten. Als sich aber auf der von einem schräg ansteigenden Holzpodest gebildeten Bühne auch Lears Welt auflöst, als Shakespeares existentieller Schmerz zu verkörpern ist, fehlte der Aufführung noch das darstellerische Register und dem jungen Hauptdarsteller die Erfahrung des biologischen Zerfalls. Trotzdem: Hier wurde immerhin Theater gespielt in der Papstpalastliga.

Gewohnt wirkungssicher waren neben dieser Premiere die Gastspiele. Neben Ariane Mnouchkines „Les Éphémères“ beeindruckte vor allem Guy Cassiers Antwerpener Inszenierung von Tom Lanoyes Klaus-Mann-Adaption „Mephisto for ever“. Dass aber diese Aufführung in einer Stadt wie Antwerpen, wo der nationalistische „Vlaams Belang“ eine wichtige politische Rolle spielt, einen besonderen politischen Unterton hat, vermochte das Gastspiel in Avignon nicht vermitteln.

Ähnlich erging es dem Polen Krystof Warlikowski. Sein in den achtziger Jahren in den USA spielendes und von Homosexualität und Aids handelndes Stück „Angels in America“ hat im rechten, katholischen Polen eine andere Brisanz als in der laizistischen „Grande Nation“. Aber: Die beiden Gastspiele aus Warschau und Antwerpen führten den Franzosen ein Theater vor Augen, das mit exzellenten Schauspielern, großer Regie und den Mitteln des Theaters die Bühne zu einem wirklich politischen Ort macht.