Theatermeile Reeperbahn : Zurück zum kleinen deutschen Broadway

Theater, Musicals, Shows, Kabarett und Comedy sorgen dafür, dass sich in das Partyvolk auf der Reeperbahn auch immer mehr Theatergänger mischen.

Dorit Koch[dpa]
Reeperbahn Foto: dpa
Das St. Pauli Theater auf der Reeperbahn. -Foto: dpa

HamburgDas St. Pauli Theater ist vom Abriss bedroht oder soll zum Supermarkt umgebaut werden. Der Hausmeister und sein bester Kumpel verschanzen sich auf der Bühne, stöbern in den alten Requisiten, spielen Sketche und Lieder und halten mit ihrer Fantasie das Theater am Leben. "Die große Freiheit" heißt die musikalische Revue, die vom 15. September an ein solches Schreckensszenario in Hamburgs ältestem Privattheater aufzeigt. Stefan Gwildis und Rolf Claussen erfinden dann ihre eigene Theaterwelt - und sind zugleich ein Zeichen für die Vielfalt der Reeperbahn als Kulturmeile. Hatten sie doch als Musikduo "Aprillfrisch" einst im benachbarten Schmidt Theater begeistert.

In das Partyvolk auf der Reeperbahn mischen sich denn auch immer mehr Theatergänger. Jetzt will der Bühnen-Kiez noch enger zusammenrücken. Das St. Pauli Theater, das Schmidt Theater und Schmidts Tivoli, das Operettenhaus, die Fliegenden Bauten, der Quatsch Comedy Club und das Imperial Theater werden künftig als die "Reeperbahntheater" werben. Details zu dem Konzept wollen die Häuser demnächst erläutern. Der Stadtteil komme immer mehr weg von seinem "Schmuddelimage", betont Ulrich Waller, Intendant des St. Pauli Theaters. "Wir befinden uns ein bisschen zurück auf den Weg in die 20er Jahre, in denen St. Pauli kulturell seine Blütezeit erlebte." Die "Lokomotiven" dieser Entwicklung seien die Theater. "Durch sie kommen jedes Jahr 1,2 Millionen Besucher auf den Kiez, die etwas anderes suchen als Sex und Alkohol."

Udo-Jürgens-Musical ab Dezember

Amüsement versprechen längst nicht mehr nur Sex, Erotik und "leichte Mädchen". 1986 etwa startete im Operettenhaus mit "Cats" ein sensationeller Musicalerfolg. Bis 2001 tanzten die Katzen zu Andrew Lloyd Webbers Musik in dem renommierten Haus, das sich damit als beliebte Musicalspielstätte etablierte. Auch das seit 2002 laufende "Mamma Mia!" erwies sich als Publikumserfolg, doch am 8. September fällt zum letzten Mal der Vorhang für das Stück zu ABBA-Melodien. Die Vorbereitungen für den Nachfolger laufen längst auf Hochtouren: Im Dezember erlebt das Udo-Jürgens-Musical "Ich war noch niemals in New York" seine Uraufführung.

Nur zwei Jahre nach dem "Cats"-Start öffnete mit dem Schmidt Theater ein Haus, das es mit seiner Mischung aus Komödie und Volkstheater, aus Trash und Obszönem in plüschigem Ambiente bis ins Fernsehen schaffte. Mit der TV-Übertragung der "Schmidt Show" wurde es deutschlandweit bekannt und entwickelte sich zur Talentschmiede. Künstler wie Tim Fischer, Helge Schneider, Rosenstolz oder Georgette Dee standen hier schon im Rampenlicht. Im drei Jahre später eröffneten Nachbarhaus, dem Schmidts Tivoli, wurden Musicals wie "Swinging St. Pauli" oder die "Heiße Ecke" zu Dauerbrennern. Travestie-Cabaret ist seit mehr als 30 Jahren im "Pulverfass" angesagt.

Theater in ehemaligem Pornokino

Bisweilen sehr ungewöhnlich sind nicht nur die Programme der Kiez-Bühnen, sondern auch ihre Spielstätten. Das Blaue Zelt der Fliegenden Bauten ist ein Viermast-Chapiteau, in dem zum Auftakt der neuen Saison vom 2. September an heiße Sambarhythmen ("Born to Samba Ritmo do Brasil") erklingen. In einem ehemaligen Pornokino entstand das Imperial Theater - ein Musiktheater, in dem gleich im Eröffnungsjahr 1994 die deutsche Erstaufführung von "Grease" über die Bühne ging. Auch die Künstler des Quatsch Comedy Clubs hatten hier früher ihre Heimat. Seitdem Thomas Hermanns mit seiner Institution Anfang 2006 an den Ursprungsort Hamburg zurückkehrt ist, treten die Comedians nun im traditionsreichen "Café Keese" auf.

Auf anspruchsvolle Inszenierungen von Regisseuren wie Altmeister Peter Zadek und auf Theaterstars wie Ulrich Tukur, Eva Mattes oder Christian Redl setzt das St. Pauli Theater. "Früher war das St. Pauli Theater - damals Ernst Drucker Theater - nur ein Haus unter vielen auf diesem kleinen deutschen Broadway", erinnert Intendant Waller und betont: "Es kann gar nicht Theater genug geben auf der Meile. Neue interessante Projekte sind in Planung - der Kiez hat Platz für alle."