Stefan W. Hell über Freiheit : "Freiheit ist die Voraussetzung für Wissenschaft"

Die beste Forschung macht man nicht mit Denkverboten, sondern mit der Freiheit, seiner Intuition zu folgen.

Stefan W. Hell
Stefan Walter Hell leitet das Max-PlanckInstitut für biophysikalische Chemie in Göttingen. 2014 erhielt er den Chemie-Nobelpreis.
Stefan Walter Hell leitet das Max-PlanckInstitut für biophysikalische Chemie in Göttingen. 2014 erhielt er den Chemie-Nobelpreis.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ich stamme aus dem rumänischen Teil des Banats. Meine Familie gehörte der dort lebenden deutschen Minderheit an. Dadurch waren wir doppelt in der Zwickmühle. Es gab die allgemeine Unfreiheit durch das Ceausescu-Regime, die auch die Rumänen betraf. Nationale Minderheiten hatten es aber noch schwerer. Die Berufsaussichten waren nicht die gleichen, und es war schwieriger, ins Ausland zu reisen – auch in das „befreundete“ sozialistische. So wurde meinem Vater ohne Grund ein Besuch der DDR verwehrt. Auch das zwanzig Kilometer entfernte Ungarn kannten wir nur aus dem Fernsehen. Juristisch waren wir rumänische Staatsbürger, aber im Personalausweis gab es eine Rubrik „Nationalität“. Da stand „deutsch“. Und das Gleiche stand auch im Klassenbuch unter der Spalte „Muttersprache“.

Das kommunistische Rumänien der siebziger Jahre gestand seinen Minderheiten muttersprachlichen Unterricht zu. Andererseits hatte es nationalistische Züge. Das rumänische Volk stamme von den Römern und dem antiken Volk der Daker ab, es sei besonders tapfer und überlegen. Das wurde im Unterricht und natürlich auch im Fernsehen allen eingetrichtert. Rumänische Kinder mögen das geglaubt haben. Ob die meisten Erwachsenen es glaubten, weiß ich nicht so recht. Sie sahen ja, dass es dem Land zunehmend schlechter ging. Aber was man öffentlich sagte, war der Zensur und Selbstzensur unterworfen. Man redete in der Schule anders als zu Hause. Für mich als Heranwachsenden galt aber immer eine Maxime, die ich nicht aufs Spiel setzen durfte: der gesunde Menschenverstand.

Bildung war wichtig

Zwar war der Unterricht in den Fächern wie Geschichte oder Literatur ideologisch verzerrt, aber mit gesundem Menschenverstand konnte man das Beste daraus machen. Wir hatten zum Teil hervorragende Lehrer und einen stringent aufgebauten Unterricht. Vielleicht ist es auch kein Zufall, dass am Lenau-Lyzeum gleich zwei spätere Nobelpreisträger die Schulbank drückten. Auch Herta Müller, die spätere Literaturnobelpreisträgerin, war zeitweise hier. Ich habe mich auf Naturwissenschaften und Mathematik fokussiert, weil mir die Fächer Spaß machten und weil sie ideologiefrei waren. Physik macht nicht an Grenzen halt.

Für meine Eltern war Bildung sehr wichtig. Auch, weil sie wussten, dass sich politische Systeme wandeln und vieles in einem Menschenleben passieren kann. Präsent war auch die Erfahrung der Generation meiner Großeltern, enteignet und in die Sowjetunion verschleppt worden zu sein. Man konnte alles verlieren, aber nicht das, was man gelernt hatte.

Die Grenze zu Ungarn schien unüberwindbar

Als wir im April 1978 endlich auswandern durften, war das eine große Befreiung für mich. Wir nahmen den Zug nach Wien über Budapest. An der Grenze zu Ungarn, die ja geografisch nah, aber für immer unüberwindbar schien, wurden wir das letzte Mal kontrolliert. Wir wurden abgetastet wie am Flughafen. Bis damals hatte ich so etwas nur in Spielfilmen gesehen. Als der Grenzer mit mir fertig war, sagte er zu mir „Traiasca libertatea!“, zu Deutsch „Es lebe die Freiheit!“ Seine Stimme war so laut und wehmütig, dass ich zusammenzuckte. Wie konnte er sich das leisten? Zum ersten Mal tat mir ein rumänischer Uniformierter leid. Er musste bleiben, und ich war frei.

Freiheit ist die Voraussetzung für Glück. Und für hervorragende Wissenschaft. Denn die beste Forschung macht man meistens dann, wenn man die Freiheit hat, seiner Intuition zu folgen. Und seiner Leidenschaft. Natürlich sind dieser Freiheit auch Grenzen gesetzt, nicht zuletzt ethische. Doch für bahnbrechende Entdeckungen braucht man die Freiheit, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind, und eben nicht so, wie andere glauben, dass sie wären oder zu sein hätten.

Chronik eines Zeitungslebens
1945. Am 27. September 1945 erscheint die erste Ausgabe des Tagesspiegels mit vier Seiten, drei Mal pro Woche. Damit ist Der Tagesspiegel die erste Zeitung in den Westzonen, die von Deutschen gegründet wird und von Anfang an frei von Militärzensur ist.Weitere Bilder anzeigen
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In Max-Planck-Instituten steht nicht die Erwartungshaltung an eine Forschungsrichtung im Mittelpunkt, sondern die Forscherpersönlichkeit. Das macht diese Institute zu Magneten für Wissenschaftler aus aller Welt. Das ist gut, denn Durchbrüche werden von Menschen gemacht und nicht von Institutionen. Durchbrüche sind selten planbar. Sie kommen oft dort, wo sie keiner erwartet. Doch bloß woanders zu suchen, reicht nicht aus. Man braucht auch den gesunden Menschenverstand, der einem sagt, was stimmen könnte und was nicht. Denn die Natur ist unbarmherzig. Träume und Ideologien lässt sie an der Wirklichkeit zerplatzen.

Anfang der neunziger Jahre hatte ich den Traum, die Auflösungsgrenze der Lichtmikroskopie zu durchbrechen. Und so wurde ich mitunter auch als Traumtänzer bezeichnet. Gottlob konnte ich ganz nüchtern herausfinden, dass die Natur auf meiner Seite stand. Ich bin heute sehr glücklich, dass ich dann am Max-Planck-Institut für Biophysikalische Chemie in Göttingen die Freiheit bekam, aus dem Traum Wirklichkeit werden zu lassen. Und wie es nun heißt: zum Nutzen aller.

Dieser Text erscheint zum 70-jährigen Bestehen des Tagesspiegels. Lesen Sie weitere Beiträge zum Geburtstag auf unserer Themenseite.

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