Zur Rolle der Kulturkritik : Anwalt der Künste - und des Publikums

Sie ist die Königsdisziplin des Feuilletons. Sie liefert Stoff für Diskussionen, sie dient der Kunst und dem Publikum. Eine Verteidigung der Kritik.

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Die schärfsten Kritiker der Elche ...
Die schärfsten Kritiker der Elche ...Foto: Arno Burgi/dpa

Berlin ist eine Stadt für Tausendsassas. Am liebsten wäre man in dieser aus allen Veranstaltungsnähten platzenden Kulturmetropole überall gleichzeitig. Aber selbst wer jeden Abend ausgeht, verpasst unendlich viel. Du bist doch dabei gewesen, erzähl’ mal, wie war’s? Dafür ist das Feuilleton da.

Kritiker sind Augenzeugen. Kundschafter, die heimkehren vom Planeten Kultur. Wenn sie gut sind, fesseln sie die Leser mit ihren Berichten. Dann erübrigt sich die Frage, was das eigentlich soll: jeden Tag in der Zeitung Musik-, Theater-, Literatur-, Kunst-, Architektur-, Filmkritiken zu drucken. Wo bleibt der Essay zur Finanz-, zur Griechenland-, zur Flüchtlingskrise?, heißt es in der Redaktionskonferenz, bitte nicht so viele Rezensionen! Politisches Feuilleton ersetzt die Kritik nicht – eine Textsorte, die im Idealfall sowieso zum politischen Feuilleton wird. Und die schon deshalb nicht totzukriegen ist, weil Menschen gerne wissen wollen, wie’s war, immer und immer wieder. Wenn sie selber im Publikum saßen, möchten sie mit anderen über ihre Erlebnisse reden.

Sage mir, wie du’s findest, und ich sage dir, wer du bist. Es ist ein Urbedürfnis angesichts der Künste und die Königsdisziplin des Feuilletons: sich die Köpfe darüber heißzureden. Wer über einen Film spricht, über einen Roman, ein Bild, einen Song, spricht über sich selbst. Über die Liebe, den Schmerz, die Wahrheit, die Welt, all das, was nicht zu fassen ist, nicht in Slogans und Schlagzeilen passt, sich nicht mit Like-Buttons erledigen lässt.

Kritiker sind Moderatoren dieses mal vorsichtig tastenden, mal leidenschaftlich streitlustigen, allemal wunderbar uferlosen Gesprächs. Das Feuilleton hält es in Gang. Nicht die Beurteilung eines Werks sei das Wesentliche einer Kritik, schreibt der Publizist Georg Seeßlen, sondern „die Schaffung von Zugängen, Lesarten, Vorschlägen und Zusammenhängen“. Die Kritik nennt er einen durch Gespräch und Erzählung entstehenden Raum, „in dem man sich immer noch frei bewegen und debattieren kann“.

Die Kritik ist ein Kind der Aufklärung - und pendelt zwischen PR und Kunsttheorie

Natürlich ist die Kritik auch ein Warentest, zu den Künsten gehört schließlich ihre Vermarktung. So wie die Medien als vierte Gewalt die Politik in demokratischen Gesellschaften in Schach halten, so kontrolliert die Kritik, was die Kulturinstitutionen mit ihren Subventionen, sprich: mit den Steuergeldern anstellen. Verkommt da ein Opernhaus, ein Kunsttempel, ein staatlich gefördertes Off-Projekt zum Selbstbedienungsladen oder geht auf der Bühne die Post ab? Will heißen, hat das Dargebotene Witz und Wert, besitzt es Brisanz, Aktualität, Tiefe? Wie steht es um seine Beziehung zur Wirklichkeit, um die notwendige Distanz zum Tagesgeschehen?

Die Kritik ist ein Kind der Aufklärung, sie wurde mit den ersten Massenmedien aus der Taufe gehoben. Schon 1759 erfand Samuel Johnson für seine britische Satiremagazin-Serie „The Idler“ („Der Müßiggänger“) eine Kritikerfigur namens Dick Minim, der über alles und jeden Plattitüden zum Besten gibt.

Karikaturen von Stuttmann und Schwalme
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1 von 500Karikatur: Klaus Stuttmann
05.02.2017 19:46

Dick Minim ist eine Niete in der Schule, aber er hat ein Vermögen geerbt, ist also unabhängig. Er besitzt einen Stammtisch im Kaffeehaus und einen Stammplatz im Theater und tut sich schon bald damit hervor, dass er Shakespeare Fehler nachweist. 1779 taucht Dick Minim dann in Richard B. Sheridans Theaterburleske „Der Kritiker“ auf, darin heißt er Mr. Puff, also Herr Windbeutel, und versucht sich als Dramatiker, nachdem er mit großem Erfolg Jubelkritiken gegen Bezahlung verfasst hatte. Das Honorar kassierte er nicht vom Zeitungsverlag, sondern vom Theater.

Der erste Kritiker-Prototyp war zugleich seine erste Karikatur. Seitdem bewegt sich die Kritik zwischen PR und Kunsttheorie. Sie hob Beethoven auf den Sockel, etablierte den Kunstkanon, machte das Kino als Schmuddelkind der Musen salonfähig, registriert Schulen, Strömungen, neue Talente. Schumann, Baudelaire, Nietzsche, Fontane, Tucholsky, Döblin, Godard, sie alle schrieben Kritiken. Noch heute wechselt mancher die Seiten.

Ein hauptberuflicher Fan, manchmal Ankläger, aber immer Liebhaber

Schon Schiller dichtete: „Tadeln ist leicht, erschaffen so schwer“. Oft heißt es, der Kritiker leide von Natur aus unter einem Minderwertigkeitskomplex. Kreativ seien die anderen, während unsereins als Parasit des Kulturbetriebs nörgelnd auf der Zuschauerbank sitzt. Warum einem windbeuteligen Besserwisser Platz einräumen, zumal angesichts all der Premiereneinladungen, Gratis-Tickets, -Bücher und -CDs auch noch Korruptionsverdacht besteht? Dann lieber das Interview mit dem Star, der Veranstaltungstipp, der Partybericht. Hat wenigstens Gebrauchs- und Unterhaltungswert.

Also warum? Weil die Künste Komplizen brauchen und Vermittlung. Das setzt Werkkenntnis voraus, den Respekt vor der Arbeit des Künstlers und geht mit der Verpflichtung einher, als Augenzeuge so ehrlich und präzise wie möglich zu berichten, zu argumentieren statt zu agitieren. Daumen rauf, Daumen runter? Meinetwegen, aber der Leser muss begreifen können, warum.

„Nein, ein ordentlicher Beruf ist das wirklich nicht, eher eine Art von Leidenschaft“, hat der frühere Filmkritiker und heutige Filmemacher Hans Christoph Blumenberg einmal gesagt. Über Filme zu schreiben, heiße, „über eine Liebe zu schreiben, manchmal auch: eine unglückliche Liebe“. Kritiker sind keine etablierten Kunsthistoriker oder Theaterwissenschaftler, sondern Dilettanten, Amateure im besten Wortsinn: Liebhaber, die nicht müde werden, sich am Objekt ihrer Begierde zu erfreuen. Man kann monatelang kein gutes neues Buch lesen und trotzdem ein Literatur-Liebender sein. Erst wenn die Passion erlöscht, sollte man den Beruf wechseln.

Kathedralen der Kultur
Haben Häuser eine Seele? Wim Wenders wollte es wissen und hat namhafte Regiekollegen eingeladen, außergewöhnliche Gebäude mit ihrer Kamera zu erkunden: sechs Bauwerke, fünf davon Ikonen der Moderne. Wenders eröffnet den knapp dreistündigen Episodenfilm mit Scharouns Berliner Philharmonie.Alle Bilder anzeigen
1 von 6Foto: NFP*
26.05.2014 14:24Haben Häuser eine Seele? Wim Wenders wollte es wissen und hat namhafte Regiekollegen eingeladen, außergewöhnliche Gebäude mit...

Journalismus ist ja ohnehin die Kunst der Vermittlung. Wir Kritiker vermitteln zwischen dem Publikum und dem Werk, indem wir uns beim Betrachten, beim Zuhören, bei der Lektüre über die Schulter gucken, uns also gleichsam beim Liebesakt selber zuschauen, um herauszufinden, was da eigentlich bewegt, verängstigt, verführt oder abtörnt. Leicht ist das nicht, schon gar nicht die Übertragung von so flüchtigen oder schwer zu entziffernden Phänomenen wie Musik, Film, Poesie, abstrakter Malerei in prosaische Sprache. Wer das vermag, braucht sich nicht mit Minderwertigkeitskomplexen herumzuschlagen und auch die Konkurrenz mit den oft versierten Laienrezensionen im Netz nicht zu scheuen.

Als Übersetzer ist der Kritiker auch ein Anwalt des Publikums. Aber vor allem ist er Anwalt der Künste, ist hauptberuflicher Fan. Er verteidigt die gute Musik gegen das schlechte Konzert, die große Literatur gegen das misslungene Buch, den großartigen Schauspieler gegen die maue Regie oder umgekehrt. Manchmal geht es nicht anders und man wird zum Ankläger, schreibt einen Verriss. Beliebt macht man sich damit nicht. Eine unvermeidliche Nebenwirkung: Wer öffentlich urteilt, kommt nicht ohne Narzissmus aus, muss aber auch einstecken können.

Die leisen Dinge erkennen - und verteidigen

Es gilt, die leisen Dinge gegen die lauten zu verteidigen, den Müßiggang gegen die Tüchtigkeit, das Nachdenken gegen den Tatendrang, den subjektiven Rest in einer nicht restlos objektivierbaren Welt. Die Künste wie ihre Kritik richten das Augenmerk auf das, was sich der Zwecklogik entzieht, jenseits der Fragen nach dem großen Wenderoman, der politischen Gegenwartskunst oder dem neuesten Trend im Autorenfilm.

Warum erschüttert uns das Foto des toten Jungen am Strand? Was besagen die Folterbilder von Abu Ghraib? Wie kommt das Böse in die Welt? Wann wachsen Menschen über sich hinaus? Was ist das Wesen des Glücks? Warum ist Schönheit ein Trost? Erklär mir die Bilder, erklär mir die Welt. Siegfried Kracauers berühmtes Diktum, dass ein (Film-)Kritiker von Rang nur als Gesellschaftskritiker denkbar sei, lässt sich auch umdrehen.

Die Kunst kündet davon, was die Gesellschaft im Innersten zusammenhält, wie es um ihre Traumata, ihre Empathie, ihre Mentalitäten, ihre Sehnsucht bestellt ist. Sie schärft die Sinne, sie rettet die Sinnlichkeit. Die Kritik macht es kenntlich.

Dieser Text erscheint zum 70-jährigen Bestehen des Tagesspiegels. Lesen Sie weitere Beiträge zum Geburtstag auf unserer Themenseite.

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Verstehen Sie, warum die Wirtschaft lange vorne lag? Genau. So miesepetrig muss man erst mal gucken können.Weitere Bilder anzeigen
1 von 94Foto: Kitty Kleist-Heinrich
28.09.2015 10:07Verstehen Sie, warum die Wirtschaft lange vorne lag? Genau. So miesepetrig muss man erst mal gucken können.

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