Bayern, die CSU und Deutschland : Eine kleine Geschichte des bayerischen Trotzes

Horst Seehofer leidet an der Berliner Politik - wie seine Vorgänger auch. Doch woher kommt die bayerische Kampfhaltung gegen den Rest der Republik?

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Nicht der erste weiß-blaue Rebell: CSU-Parteichef Horst Seehofer.
Nicht der erste weiß-blaue Rebell: CSU-Parteichef Horst Seehofer.Foto: Peter Kneffel/dpa

Der bayerische Ministerpräsident, seine Partei, das ganze Land im Südosten (hat man bisweilen den Eindruck) - sie leiden scher daran, was in Berlin entschieden wird. Nicht nur in der Flüchtlingspolitik. Es scheint ein Dauerzustand zu sein. Das Problem mit Bayern im Allgemeinen und der CSU samt Horst Seehofer und seinen Vorgängern im Besonderen ist nicht neu - es hat vor zwei Jahrhunderten begonnen und sich vor ziemlich genau 150 Jahren zugespitzt. Da gab es zwar die CSU noch nicht, schon richtig, aber die Christsozialen sind mehr als jede andere politische Kraft in Europa tief in der eigenen regionalen Geschichte verwurzelt.

In den Jahren vor 1815 verwandelte sich das Kurfürstentum Bayern, eine kleine Klitsche, in das große Königreich Bayern. Was hätte daraus nicht werden können. Eine Mittelmacht mitten in Europa. Ein Musterland für alle drum herum. Und nicht nur ein Musterländle wie nebenan. Der Graf Montgelas, gewissermaßen der erste großbayerische Ministerpräsident, baute einen soliden Beamtenapparat auf, der daranging, die hinzugewonnenen fränkischen, schwäbischen und pfälzischen Teile stramm zu integrieren – was aufgeklärter Zentralismus ist, das kann man bis heute in Bayern lernen. Wenn andere denn von Bayern lernen wollten … Aber das gehört schon zum Problem.

Traum von der Eigenständigkeit

Einige Jahrzehnte durften sie träumen in München, von der großen Eigenständigkeit im lockeren Bund mit dem restlichen Deutschland und Europa. Aber dann kamen 1866, die Niederlage an der Seite Österreichs gegen Preußen, und 1871, was als eine Art Zwangseinweisung ins neue Reich mit seiner preußischen Hegemonie begriffen wurde.

Man darf die Fernwirkung dieser beiden Daten nicht unterschätzen. Zumindest bei den Süddeutschen nicht. Seither pflegt man in München und im ganzen weiß-blauen Land die Haltung, dass Bayern irgendwie an der Erfüllung seiner mittelmächtigen Mission gehindert wird, von missgünstigen Kräften, damals schon und neuerdings ja auch wieder in Berlin, und zudem noch in Brüssel. Dass Fremdbestimmung herrscht, wo es Eigenständigkeit geben sollte.

Bayern als Opfer – das schwingt auch in der CSU-Rhetorik immer mit. Bei Carl Amery, dem bayerischen Schriftsteller, las sich das vor 20 Jahren so: „Bayern konnte, seit 1866, nur noch reagieren. Und das tut es bis heute. Während es, im täglichen Leben, nach wie vor ein relativ liberales Land ist, hat es keinen Weg mehr gefunden, von der unter- und unbewussten Wut wegzukommen – von der unfruchtbaren Fixierung auf sein Schicksal.“ Besonders fixiert sind seit jeher die bayerischen Ministerpräsidenten.

Die bayerische Strategie

Im Kaiserreich wurde eine bis heute in Variationen gepflegte Strategie entwickelt, mit dem Unausweichlichen umzugehen. Im Bund heißt es, sich mit den Mächtigen zu arrangieren und für das Land herauszuholen, was geht (die beste Partnerin der preußischen Reichsführung damals war die königlich-bayerische Regierung). In München hingegen wird gerne gemault und gegrummelt und das Eigenständige betont, was gern mit Abkehr übersetzt wird.

Trotz ist Teil der bayerischen Staatsräson und damit auch Wesensmerkmal der Politik der bayerischen Staatspartei (zuletzt dokumentiert bei Seehofers Moskau-Reise). Als Edmund Stoiber 2002 seine Kanzlerkandidatur in den Sand gesetzt hatte, klagte einer seiner Mitarbeiter, es sei halt einfach so, dass die Deutschen keinen Bayern an der Spitze wollten. Punkt. Ende der Erklärung. An Stoiber lag’s nicht.

Dass es nach 1918 in Bayern drunter und drüber ging, erst linke Räterepublik, dann Marsch auf die Feldherrnhalle und konservative „Ordnungszelle“ der Republik gegen die Politik im Reich, das passt zwar nicht ganz ins Bild vom schönen moderaten Bayern. Aber in die Opfer-Erzählung ließ es sich gut einbauen – denn wurden rote Ideologie und braune Uniformen nicht von außen eingeschleppt?

Heute steht Bayern eigentlich da, wo es einst hinwollte – eine Mittelmacht, eine recht moderne und wohlhabende Region mitten in Europa. Doch die Opferhaltung ist geblieben. Ergebnis der eigenen Stärke ist, dass Bayern im Finanzausgleich mittlerweile größtes Geberland ist. Aber trägt man diese Rolle mit Stolz? Nimmt man es großmütig als Auszeichnung? Nein, man klagt. Man ist das Opfer einer antibayerischen Allianz der Nehmerländer, der kompromisslerischen anderen Zahler, der Berliner Politik sowieso. Man muss weiter kämpfen. Gegen widrige Umstände. Es hört nie auf. Strauß wusste es. Stoiber wusste es. Seehofer weiß es auch.

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