CDU im Bundestagswahlkampf : Peter Tauber muss eine kleine Revolution gelingen

In der CSU halten sie ihn für einen Totalausfall, in der eigenen Partei heißt es: Strategie ist nicht so sein Ding. Generalsekretär Peter Tauber organisiert den Wahlkampf der CDU. Auch digital.

Oberster Wahlkämpfer. Seit Dezember 2013 ist Peter Tauber Generalsekretär der CDU.
Oberster Wahlkämpfer. Seit Dezember 2013 ist Peter Tauber Generalsekretär der CDU.Foto: Steffen Roth/Agentur Focus

Beim Bargeld und beim Kohleofen hört für Angela Merkel die digitale Zukunft auf. Die CDU-Vorsitzende hüstelt und schnieft und gehört eigentlich ins Bett; aber Peter Tauber hat der Chefin so oft von seinem Digitalevent im Konrad-Adenauer-Haus vorgeschwärmt, dass sie einfach vorbeischauen musste. Der Generalsekretär hat sich zwei Dutzend junge Leute aus der Start-up-Szene eingeladen, die ihm Ideen dafür liefern sollen, wie man der alten Tante CDU im Wahlkampf die Digitalisierung schmackhaft machen kann. In der Partei halten das viele für eine Schnapsidee, gefährlich und wählerverstörend. Aber Merkel glaubt, dass sie den Deutschen etwas Zukunftsweisendes bieten müsse, wenn sie um eine vierte Amtszeit bittet. Außerdem muss der Gerhard-Schröder-Slogan unterfüttert werden, mit dem sie die SPD neuerdings piesackt: „Innovation und Gerechtigkeit“.

Also haben sie vor einer Woche den Vorstandssaal im ersten Stock stylisch umdekoriert: Burger-Brater und Getränkebar, ein DJ lässt es dezent dudeln, Stühle und Hocker locker hingestreut, wo sonst die CDU-Spitze an einem Hufeisentisch tagt. Drei Minuten hat jeder Gast für Vorschläge. Eine rote Digitaluhr zählt die Sekunden bis null.

Merkel und Tauber bekommen allerlei zu hören an Wünschen und Visionen fürs digitale Neuland. Die Jungstars klagen über fehlende Gründer-Kultur, digital ahnungslose Lehrer und die deutsche Gründlichkeit. Philipp Schäfer vom Verband Digitale Gesundheit malt sarkastisch aus, wie weit die deutsche Autoindustrie wohl gekommen wäre, wenn man damals den ersten Diesel-Benz zum „Pferd 2.0“ erklärt und mit der Regulierung einen Ausschuss unter Mitwirkung des Verbands der Pferdezüchter und der Bundesvereinigung Futtermittel betraut hätte.

Nerd-Deutsch

Marcus Ewald vom Jungen Wirtschaftsrat stellt dagegen in schönstem Nerd-Deutsch („eine Blockchain des öffentlichen Rechts“) das Bild von einer Verwaltung, in der am Ende künstliche Intelligenz den Beamten ersetzt. Valerie Mocker von der britischen Innovationsstiftung Nesta zieht ihre Karte fürs Bezahlen per Funk-Chip raus und bittet um Abstimmung: „Wer von Ihnen wäre bereit, auf Bargeld zu verzichten?“

Gut die Hälfte steht auf. Merkel bleibt sitzen. Das hier ist genau der kritische Punkt. „Mit der CDU weg vom Bargeld“ – ein Super-Slogan für Wahlverlierer! Die Kanzlerin drückt es höflich-ironisch aus: Für solche Ideen gebe es „noch keine kritische Masse, mit der man eine Mehrheit im Bundestag bekommt“. Die Deutschen sind Fortschrittsskeptiker. Die CDU-Chefin weiß das seit ihrem ersten Wahlkampf, als Schröder ihre Gesundheitsprämie in „Kopfpauschale“ umdeutete und ihr fast den sicher geglaubten Sieg nahm.

Von Glauben an einen sicheren Sieg kann diesmal erst gar keine Rede sein. Immerhin muss Tauber im Moment nicht fürchten, dass ihm wegen Abenden wie diesem Parteifreunde hinter dem Rücken einen Vogel zeigen. Die Geste war speziell bei der bayerischen Schwesterpartei verbreitet. In der CSU-Spitze denken sie seit Monaten nur in Wahlkampf. Als die SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Martin Schulz die Umfragecharts stürmte, fragten sie aus München halblaut nach, ob die in Berlin schon kapituliert haben.

Als Tauber vor Karneval dann noch mit der Adenauer-Stiftung auf Bildungsreise nach Israel flog, ging das Vogel-Zeigen in eindeutige Wischsignale über. Auch in der CDU rumorte es; besonders, wenn sie in der „Tagesschau“ Bilder von Jubelstürmen um den kraftstrotzenden SPD- Hoffnungsträger sahen und zwei Minuten später ihre Kanzlerin, wie sie mit müder Miene in ungelenken Sätzen erklärte, dass die Messe CeBit in Hannover irgendwie wichtig sei, wegen digital.

Am Montag nach der Saarland-Wahl schlendert Peter Tauber durchs Foyer des Adenauer-Hauses. Oben im Vorstandszimmer haben sie gerade Annegret Kramp-Karrenbauer gefeiert, gleich beginnt die Pressekonferenz mit Merkel und der Ministerpräsidentin. Dieser Sieg, erklärt Tauber fröhlich, sei ein „Lehrstück für die gesamte Partei“.

Vordergründig galt das den guten Erfahrungen mit dem Haustürwahlkampf. Das kleine Saarland war ein ideales Testfeld. 50 000 Haushalte standen auf dem Klingelplan, 25 000 nahmen seine Helfer dazu, weil’s so gut lief. Die Wählerdatenanalyse habe funktioniert, sagt Tauber: „Sie haben fast nur bei den eigenen Leuten geklingelt.“ Haustürwahlkampf soll Anhänger aufwecken. Dass ein Jungunionist einen Stahlwerker in Dillingen zwischen Tür und Angel zum Christdemokratentum bekehrt, geschieht so selten, dass es den Versuch nicht lohnt.

Beispiellose Datenanalyse

Aber die starken Wahlergebnisse in ländlichen Regionen zeigen, wie die Klingeltour dazu beigetragen hat, dass zehntausende frühere Nichtwähler der CDU zum Sieg verhalfen. Im Schnitt plus zwei Prozent rechne man für die Methode, sagt Tauber, weitere zwei Prozent für guten Online-Feldzug. Beim Haustürwahlkampf ist beides kombiniert. Eine eigene Smartphone-App liefert den Freiwilligen des „Connect 17“-Teams Materialien. Wer erfolgreich klingelt und rückmeldet, kann seinen Status bis zur „Wahlkampf- Legende“ steigern und kriegt einen Anruf von Merkel, wenn er im Herbst unter den besten Zehn landet.

Das ist natürlich Spielerei. Aber erstens steckt hinter diesem Teil der Kampagnen eine beispiellose Datenanalyse – im Adenauerhaus wissen sie auf Stadtviertel und Dorf genau, wo Hochburgen liegen, neutrales Gebiet oder Feindesland. Zweitens setzt die Methode die Erkenntnis um, die Tauber seinen Wahlkämpfern auf den zentralen Kampagnekonferenzen mitgibt: „Ihr könnt euch nicht mehr auf das Plakat von Angela Merkel am Bahnhof verlassen, ihr müsst selber laufen.“

Und drittens hatte die CDU-Chefin sich den Netzpolitiker Tauber ja in zugegeben ruhigeren Zeiten genau für den Anschluss an die Generation Computerspiel geholt. „Solange Angela Merkel sagt ,So ungefähr hab’ ich mir das vorgestellt’, bin ich zufrieden“, sagt er. „Dann halt’ ich auch gewissen Druck aus.“

Tatsächlich war es in Merkels Sinn, dass das Adenauer-Haus nicht gleich mit voller Breitseite auf Schulz losging. Sie war sicher, dass die Kugeln an der SPD- Euphorie abgeprallt und bloß aufs eigene Deck zurückgepoltert wären. Wahlkämpfe können früh verloren gehen, wenn Kandidaten Fehler machen – die SPD kann davon lange Lieder singen. Aber normalerweise entscheiden sie sich erst am Schluss.

Jean-Remy von Matt sieht das genauso. Am Montag steht der Kreativchef der Agentur Jung von Matt in der zweiten Etage des Adenauer-Hauses und schaut zu, wie Tauber seine Wahlkampfzentrale präsentiert. Offene Räume mit viel Licht, 30 Computer-Arbeitsplätze, mittendrin die Muster-Haustür mit dem Bildschirm dahinter, an der man Haustürdialoge mit Sympathisanten üben kann. Von Matt ist für den schwierigeren Teil der Wählerschaft zuständig, die Unentschlossenen, die Merkel-Skeptiker. „Werbung ist ja ein Eroberungsinstrument“, sagt er.

Als Merkel sich persönlich für Jung von Matt entschied, gingen in der Branche etliche Augenbrauen hoch. Die Hamburger haben mal ein legendäres Sixt-Plakat entworfen, auf dem sie die junge CDU-Chefin mit wild gesträubtem Haar zur Cabrio-Werbung zweckentfremdeten. Aber im Politikgeschäft sind sie Neulinge. Allerdings, darauf legt von Matt sanft ironisch Wert, bisher mit 100 Prozent Erfolgsquote: Der Grüne Alexander van der Bellen gewann die Präsidentenwahl in Österreich. Dahinter mag der Werbemann bei Merkel nicht zurückbleiben: „Nach 44 Jahren Marktanteileschubsen an der Geschichte mitwirken ...“ Das zu verlieren wäre schon blöd.

Der Endspurt ist das Wichtigste

Aber seine Stunde schlägt erst später. Dann, wenn sich die immer größere Zahl der Wechselwähler entscheidet, drei Wochen, drei Tage, drei Stunden vorher. „Der Endspurt ist das Wichtigste“, sagt der Werber. Frühere CDU-Kampagnen, das haben sie selbstkritisch erkannt, hatten da immer ein Loch. Das soll nicht wieder passieren. Das Saarland war auch hier Lehre.

Und bald wird noch mal intern umgebaut im Adenauer-Haus, weil ein alter Bekannter zurückkommt. Joachim Koschnicke war seit 1999 in der CDU-Zentrale und von 2005 bis 2011 Merkels Strategiechef, bevor er zu den Meinungsforschern von Forsa und dann als Cheflobbyist zu Opel ging. Jetzt kehrt er zurück, „auf eigenen Wunsch“, wie Tauber schnell twitterte, als die Personalie vorzeitig bekannt wurde. Deren freundlichste Deutung in der CDU lautet, Merkel schicke dem General Hilfe dort, wo er sie am dringendsten brauchen könne. Hartes strategisches Gefecht ist nicht so sein Ding. Er schießt schon mal scharf übers Ziel hinaus.

Außerdem hat er ja gut zu tun mit dem Programm, das CDU und CSU Anfang Juli verabschieden, oder mit der Suche nach der Digitalagenda für „Deutschland 2025“. Einige Ideen aus der Runde fand Tauber gut – eine Elite-Uni nach dem Vorbild der ETH in Zürich, digitale Bildungsoffensive, Transfer militärischer Cyber- Forschung ins Zivile wie in Israel.

Nur wie die Chefin damit auf den Marktplätzen die Digitalrevolution als Verheißung präsentieren will statt als job- und datenfressende Bestie ... tja, schwierig. Sie könne schlecht den Wählern mitteilen, dass sie zu 95 Prozent leider so seien wie Pferdebesitzer nach Erfindung des Automobils, gesteht Merkel ein: „Die Deutschen wird man nicht überzeugen, wenn man von ihnen ,Alles oder Nichts’ verlangt.“

Außerdem findet sie selbst eine gewisse Reserve gegen den Fortschritt durchaus angebracht. Bargeld in der Tasche fühlt sich irgendwie sicherer an als die Plastikkarte, „so wie ich heute noch immer Kohlen habe und einen Ofen“. Die digitale Jugend schmunzelt. Da stehen sie drüber. Jedenfalls bis zum Stromausfall.

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