Der Beleidigte? : Die Debatte zum neuen Buch von Thilo Sarrazin


DIE FAKTEN:

·Mit “Der neue Tugendterror” hat Thilo Sarrazin ein zweites Buch veröffentlicht. Sein erstes Buch “Deutschland schafft sich ab” löste 2010 einen Skandal aus.

·Thilo Sarrazin klagt in seinem Buch über eine lähmende Diktatur der Politischen Korrektheit, die vor allem durch linksgeprägte Medien gepflegt werde und den echten Diskurs verhindere.

·Demnach drohe demjenigen, der unbequeme, politisch inkorrekte Wahrheiten ausspreche, die “mediale Vernichtung”.

·“Der neue Tugendterror” erscheint bereits in Vorabdrucken in der BILD Zeitung.


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Spiegel Online: “Wenn so Meinungsterror in Deutschland aussieht, wären viele Leute auch gerne mal betroffen”, meint Jan Fleischhauer auf Spiegel Online. Der Glaube Sarrazins an ein vermeintliches Meinungskartell in Deutschland sei reine Ironie. Das abstecken und neu verhandeln von Diskursgrenzen sei in einer Gesellschaft völlig normal. Eine Gefährdung der Meinungsfreiheit sei in Deutschland daher nicht gegeben. Fleischhauer vermutet hinter Sarrazins Buch eher den Wunsch nach Anerkennung höherer Gesellschaftskreise, in denen er sich als Finanzexperte einst bewegte.

Junge Freiheit: Pankraz von der Jungen Freiheit kritisiert die Reaktionen der meisten Medien zum neuen Buch von Thilo Sarrazin heftig. Sie würden sich, wie etwa der Spiegel, über ihn lustig machen. “Es ist aber leider überhaupt nicht zum Lachen.” Denn in Deutschland herrsche seit längerem tatsächlich ein Geist des Konformismus und der öffentlichen Sprachregelung, welcher der Meinungsfreiheit und der sie konstituierenden Diskurskultur äußerst abträglich sei. Es müssten sich jetzt immer mehr warnende Stimmen erheben,die die heranrollende Meinungsdiktatur kritisieren würden.

Frankfurter Rundschau: “Thilo Sarrazin hat Recht”, meint Harry Nutt in der Frankfurter Rundschau. Die Denkfiguren der politischen Korrektheit machten öffentliche Diskussionen anstrengend und ließen intellektuelle Neugier kaum zu. Damit treffe er den Nerv eines realen Problems, das sei allerdings auch das Dilemma dieses zwanghaft rechthaberischen Buches. Das es dennoch aufmerksam wahrgenommen werde spreche nicht für die unbegrenzte Macht der “Meinungsoligarchie”, aber auch nicht gegen sie. Sarrazin gehe es mit der Beschreibung dieser offenbar nur darum, mit den Kritikern seines ersten Werkes abzurechnen. Man könne nicht anders, als darin eine schwere narzisstische Kränkung zu erkennen. Die scharfe öffentliche Zurückweisung seiner Thesen habe ihn offenbar nicht losgelassen.

Zeit Online: David Hugenick von ZEIT Online erkennt in dem Buch einmal mehr den elitären Charakter Sarrazins wieder, denn er beschreibt die gedankliche Gleichschaltung als Ursache für falsche Rücksicht auf Gesellschaftsschichten mit weniger ökonomischem Wert. Gleichzeitig inszeniere Sarrazin sich als missverstandenes, geächtetes Opfer der Mediengesellschaft was laut Hugenick umso absurder wirke "je deutlicher man sich macht, wie stark Sarrazin in sie hineinwirken konnte, wenn es um Integration und Migration ging."

FAZ.net: Jürgen Kaube von FAZ.net sieht den größten Makel in Sarrazins Buch in der Zahlenhörigkeit. Der Glaube, alle Prozesse der politischen Willensbildung auf wissenschaftlicher Basis zu lösen führe dazu, komplexe Themen wie Steuersätze, Frauenquoten und Bildungspolitik selber eindimensional abzuhandeln. Sarrazin erläge seiner "undurchschauten Begrifflichkeit", weil er willkürlich gesellschaftlichen Gruppen und Völkern mal Gleichheits-, mal Unterscheidungsmerkmale zuspreche und sich dabei in seiner eigenen Kritik am Gleichheitsdiktat verheddere.

WAZ: “Als Opfer der dunklen Gutmenschen-Verschwörung zur Meinungsunterdrückung sieht er vor allem - sich selbst”, meint Walter Bau für die WAZ. Der Inhalt seines ersten Buches sei verdreht, verfälscht und absichtlich missverstanden worden, schreibe Sarrazin. Ganz so, als ob er seine Ideen nicht in zahllosen Talkshows hätte ausbreiten dürfen: als hätte es damals die öffentliche Debatte nie gegeben. Das neue Buch habe das gleiche Schema wie das alte. Sarrazin kritisiere die Abschaffung von seiner Meinung nach völlig wertneutralen Begriffen wie “Neger”. Weiter könne man kaum daneben liegen, findet die WAZ.

Tagesspiegel: "Thilo Sarrazin bietet die Ware Untergangsprophezeiung an. [...] Konkrete Probleme interessieren den Volkswirt nicht”“, schreibt Barbara John für den Tagesspiegel. In der Rolle des falschen Propheten aufzutreten, sei deshalb total unverbindlich. Öffentlichen Einfluss habe er trotzdem und das entbinde ihn nicht davon, Rechenschaft ablegen oder Verantwortung übernehmen zu müssen. Sarrazins Rezept sei einfach, er lasse systematisch alles weg, was seine Ausgangsannahme infrage stelle.

Taz.de: Eine simple Wiederverwertung alter Themen sieht Daniel Bax auf taz.de. Über das Kernthema des uniformen Gleichheitsideals fände er wieder einen Zugang zu ultrakonservativen Ansichten über Einwanderung, Homo-Ehe und Familienpolitik. Durch das wahllose Zusammenwerfen von Einzelbeispielen, Zitaten und Zahlen werde der Text wieder unfreiwillig komisch. Sarrazins Ausführungen über den Wert sozialer Normen seien widersprüchlich und derart rückständig. Sarrazin sei ein Mensch, "der angesichts eines raschen Sprach- und Kulturwandels, gern die Uhr anhalten möchte". Eine ernsthafte Auseinandersetzung über sinnvolle gesellschaftliche Tabus suche man in dem Buch vergebens.

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