Großbritanniens Botschafter Sebastian Wood : Im Auftrag Ihrer Majestät

In China war er berühmt wie ein Rockstar, in Deutschland frönt er seiner Leidenschaft für Bach. Ein Treffen mit Sir Sebastian Wood, dem neuen britischen Botschafter in Berlin.

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Sir Sebastian Wood im Foyer der Britischen Botschaft.
Sir Sebastian Wood im Foyer der Britischen Botschaft.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Als die Mitarbeiter der Britischen Botschaft sich bei den Kollegen in Peking mal vorsichtig erkundigten, wie denn der "Neue" so sei, der als Botschafter aus China nach Berlin versetzt werden sollte, bekamen sie eine verblüffende Antwort: "Er ist ein Rockstar." Die Musik aus James-Bond-Filmen könne er auf der E-Gitarre spielen, und zwar so, dass jedenfalls die Chinesen hin und weg seien.

Das mit dem Rockstar ist Sir Sebastian Wood nicht an der Wiege gesungen worden, im Gegenteil. Sein Vater war ein glühender Fan von Johann Sebastian Bach. So kam er auch zu seinem Namen "Sebastian". Er selber ist ebenfalls ein Bach-Fan und freut sich schon auf anstehende Dienstreisen nach Leipzig. Nach fünf Jahren in China macht er keinen Hehl daraus, wie sehr er es genießt, nun in einem Kulturkreis zu wirken, in dem die Musik, die er so liebt, eine große Rolle spielt. In der Philharmonie hat er bereits das Deutsche Sinfonie Orchester gehört, Sir Simon Rattle kennt er von einer Begegnung in China. Beeindruckend findet er auch die Gottesdienste. Besonders bei denen zum Wiedervereinigungsjubiläum und bei der Feier zum zehnjährigen Jubiläum des Wiederaufbaus der Frauenkirche in Dresden ist er tief in die Musik eingetaucht. "Durch die Musik spürt man die Ewigkeit, das hat der Prediger gesagt, und das empfinde ich genau so." Die große Rolle, die Musik hierzulande auch in evangelischen Gottesdiensten spielt, findet er großartig.

Dabei ist sein musikalischer Horizont weit. Der 19-jährige Sohn William spielt Saxofon, erzählt er, und das so gut, dass er manchmal richtig neidisch wird. Das Spiel des Sohnes beflügelt ihn, denn am Klavier spielt er auch gern mal Jazz. Zusammen mit seinem Sohn ist er in Peking manchmal anonym in Jazzkneipen aufgetreten. Er hofft, dass er den Sohn mal zu einem Auftritt in der Botschaft überreden kann. Auf Youtube ist die Familie schon zu hören, aber nur in einem auf die Familie begrenzten zugänglichen Bereich. Für den 54-jährigen Botschafter und seine thailändische Frau Sirinat, mit der er auch noch drei Klavier spielende Töchter hat im Alter zwischen 20 und 23 Jahren, ist es der erste Einsatz in Deutschland. Eigentlich ist das erstaunlich. Denn "Deutsch" war sein Lieblingsfach in der Schule. Mit einem Intensivkurs in den vergangenen sechs Monaten hat er die Kenntnisse noch einmal aufgefrischt, sodass er es inzwischen scheinbar mühelos spricht. Die deutschen Philosophen liebt er nämlich auch, und nun kann er sie bald im Original lesen. Philosophie und Mathematik hat er einst in Oxford studiert. Ob es irgendetwas gibt, das ihn auch mal nerven könnte? Ärgern kann er sich beispielsweise über überflüssige Bürokratie. Allerdings freut er sich so sehr darauf, Berlin zu erkunden, zu Fuß oder mit dem Rad, sodass sich jeglicher Ärger schnell in Luft auflösen dürfte.

Diplomatisch prescht er in einem erstaunlichen Tempo vor. Die erste Pressekonferenz hat er gleich nach dem Antrittsbesuch beim Bundespräsidenten gegeben. Er will sich besonders dafür einsetzen, dass Großbritannien in einer reformierten EU bleibt. Industrie 4.0 interessiert ihn in dem Zusammenhang, die IT- und die Dienstleistungsbranche, Bürgernähe und die Stärkung der nationalen Parlamente, Arbeitnehmerfreizügigkeit, die aber nicht heißen soll, dass man sich in den Sozialsystemen ausruhen kann. Freizügigkeit kann nach seiner Überzeugung nur aufrechterhalten werden, wenn klare Signale gesendet werden, dass "Welfare Shopping", also die Einwanderung um der sozialen Leistungen willen, in der EU nicht möglich ist.

Er will, dass sein Land in der EU bleibt

Es ist ihm wichtig, darauf zu achten, "wo wir als zwei Regierungen neue Märkte schaffen und Unternehmen zusammenbringen können". Vor seiner Zeit in China hat er ein Jahr lang bei Rolls-Royce an einer Studie über den globalen Auftritt des Unternehmens gearbeitet und dabei vieles gelernt, was ihm in China dann nützlich war. Solche Ausflüge in die Wirtschaft sind in Großbritannien durchaus nicht unüblich im Diplomatischen Dienst.

Fakten über sein Land zu vermitteln, hält er in Zeiten, da die Minister ohnehin vieles direkt miteinander besprechen, für eine seiner Hauptaufgaben. "Viele wissen nicht, dass wir führend in den Ingenieurwissenschaften sind, in der Raumfahrt zum Beispiel der zweitgrößte Erzeuger nach den USA." Und was das Thema Dienstleistungen betrifft, so sei Großbritannien das wettbewerbsfähigste Land der Welt. "Wir hoffen, dass der Binnenmarkt weiterentwickelt wird." Bislang sei es ganz schwierig, innerhalb der EU Dienstleistungen zu exportieren, weil es unterschiedliche Standards gibt. Die gegenseitige Akzeptanz sei aber wichtig, um etwa Anwälten und Architekten die Arbeit zu erleichtern. Natürlich ist er auch ein entschiedener Befürworter des transatlantischen Freihandelsabkommens, schon weil die Schwellenländer immer größer werden. Zwar werden Europa-Entscheidungen in Brüssel getroffen. Aber Sebastian Wood ist es wichtig, die britische Position deutschen Politikern zu vermitteln und in seinem Land die deutsche Politik zu erklären. Zur Vorbereitung hat er etwa 30 bis 40 Besuche gemacht bei britischen Unternehmen, die in Deutschland investiert haben.

Bald nach der Ankunft in Berlin hat er dem Bundespräsidenten sein Akkreditierungsschreiben überreicht, hat mit den Ministern Steinmeier, de Maizière und Gabriel gesprochen, auch mit etlichen Staatssekretären und Abgeordneten. Obwohl er auch Mandarin spricht und unter anderem in Bangkok, Hongkong und Macao auf Posten war, findet er es aufgrund der größeren kulturellen Nähe hier doch einfacher, sich zu vernetzen.

Man wird ihn privat nicht nur im Konzertsaal treffen oder in Jazzkneipen. Zusammen mit Ehefrau Sirinat hat er bereits zwei thailändische Restaurants entdeckt, "wo das Essen besser ist als überall sonst außerhalb Thailands". Von sieben Abenden sind mindestens fünf belegt. Wenn er Zeit hat, sieht er die "heute-Show" im Fernsehen. "Die finde ich sehr lustig."

Täglich lernt er etwas dazu. Seine neueste Erkenntnis? "Der deutsche Humor wird sehr unterschätzt."

Der Text erschien in der "Agenda" vom 8. Dezember 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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