Intrigen im Politikbetrieb : Misstraue deinen Freunden

Gerüchte, Intrigen und falsche Ratschläge? Was Abgeordnete, Ministeriale und Verbandsvertreter über Vertrauen als Wert im Regierungsviertel sagen.

Hans-Hermann Kotte
Fragile Beziehungen. Im politischen Berlin ist Vertrauen die wichtigste Währung, doch der Wechselkurs unterliegt starken Schwankungen.
Fragile Beziehungen. Im politischen Berlin ist Vertrauen die wichtigste Währung, doch der Wechselkurs unterliegt starken...Foto: AFP

"Willkommen in der Welt der falschen Freunde und der gezielten Desinformation!“ Witzig gemeint, aber reichlich abgenutzt waren die Sprüche, die er zu hören bekam, als er vor zehn Jahren seinen neuen Job im Berliner Regierungsviertel antrat. Ein anderer Begrüßungsgag für den Verbandsvertreter aus Westdeutschland lautete: „In dieser Stadt sind sogar Selbstgespräche gefährlich.“ Fehlte nur noch der Klassiker: „Brauchst du einen Freund, dann kauf dir einen Hund.“

Der Lobby-Mann, von dem hier die Rede ist, will anonym bleiben. Das liegt auch an seiner hohen Position. Die flotten Sprüche, die er gern zitiert, klingen wie schlechte Kopien der giftigen Bonmots aus „Das Treibhaus“. Der Desillusionierungsroman von Wolfgang Koeppen hatte schon 1953 das Interessengeflecht des Bonner Politikbetriebs als gefährliches tropisches Dickicht beschrieben. Korruptes Klima am Rhein.

Und wie sieht es heute an der Spree aus, wo alles größer, schneller, greller ist? Was meinen Lobbyisten, Politiker und Wissenschaftler zu solchen Sentenzen über falsche Freunde und fiese Finten? Ein bisschen was sei da schon dran, meint besagter Verbandsmann. „Von den Akteuren im politischen Geschäft verstehen sich zwar nur wenige auf die hohe Schule des Intrigierens, höchstens zehn Prozent. Doch es gibt sie, diese Leute, die sogar gemeine Gerüchte über sich selbst in die Welt setzen, um herauszufinden, wer mit wem redet.“ Und auch von diesem Trick weiß er zu berichten: „Um festzustellen, welchen Weg Informationen nehmen, werden verschiedene Versionen von Gesetzesentwürfen oder Studienergebnissen durchgestochen. Da stehen dann fürs Wiedererkennen bestimmte Signalwörter drin.“

Geschichten, die vor allem den Erzähler aufwerten

Seine Mitarbeiter, die ganz vorn an der Buffet-Front unterwegs sind, beschreiben ihm schillernde Typen: „Der Abgreifer versucht ständig herauszufinden, welche Kontakte man hat, der horcht das Gegenüber aus, welche Absprachen und Deals laufen. Der Blender gibt mit eigenen Kontakten an, prahlt mit Namen und der Weitergabe angeblicher Exklusivitäten.“ In demonstrative Coolness verfällt der Lobbyist, wenn er über Freundschaften spricht: „Ich würde von Interessengemeinschaften sprechen, vielleicht auch von Partnern oder Mitstreitern. Mit festen Zusagen oder Versprechungen muss man vorsichtig sein.“

Es sind Erzählungen, die eine Atmosphäre von Verruchtheit heraufbeschwören, die auch der Selbstaufwertung des Erzählers dient. Wer möchte nicht als Alchemist der Politik, als Master of the Universe rüberkommen? Was er selbst tut, beschreibt der Lobbyist eher nüchtern, von gezielter Desinformation will er gewiss nicht sprechen: „Wir machen strategische Kommunikation. In der Blase der verschiedenen Interessen werden Informationen gesucht, die über das Alltägliche hinausgehen, Kenntnisse über Zusammenhänge, die nicht in der Zeitung stehen.“

Auch einer seiner Kollegen möchte nicht, dass sein Name genannt wird. Er war einige Jahre für eine der fünf Branchen tätig, die besonders kritisch beobachtet werden: Atom, Auto, Pharma, Rüstung, Tabak. „Falsche Informationen? Das kommt irgendwann heraus – und dann ist man als Gesprächspartner erledigt. Man muss seine eigenen Punkte durchbringen, ohne das Gegenüber völlig an der Nase herumzuführen. Die Kunst ist es, die Dinge so aufzubereiten, dass man unbequeme Fakten an den Rand drücken kann.“ Fein formuliert. Gemeint sind Bluffs, verbale Drohkulissen, dosierte Wichtigtuerei, gepflegtes Understatement oder andere Kniffe aus der Werkzeugkiste des Interessenvertreters. Lobbyisten können auch den „Wählerwillen“ oder Stimmen aus Netzgemeinde instrumentalisieren, um Druck auf die Politik auszuüben. Aber die Mobilisierung der Öffentlichkeit ist aufwendig. Zumal bei Gefälligkeitsartikeln von Journalisten oder bestellten Blogs die Gefahr der Enttarnung droht.

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