Kantine im Paul-Löbe-Haus : Selbstbedienung im Lampenladen

Man kommt nicht leicht in die Kantine des Paul-Löbe-Hauses. Aber es lohnt sich. Teil 1 der neuen Serie über Essen im Regierungsviertel.

Michael Pöppl
Mit Spreeblick. Die Kantine im Paul-Löbe-Haus bietet interessante Ein- und Ausblicke – und eine engagierte Imbissküche. Foto: Caro/Ponizak
Mit Spreeblick. Die Kantine im Paul-Löbe-Haus bietet interessante Ein- und Ausblicke – und eine engagierte Imbissküche.Foto: Caro/Ponizak

Es ist nicht ganz leicht, in die Kantine des Paul-Löbe-Hauses reinzukommen, man „fährt“, wie der Insider sagt, „hier eine harte Tür“. Der Grund dafür ist schnell erklärt, hier wird vor allem gearbeitet, nicht repräsentiert. Der sachliche Bau von Architekt Stephan Braunfels ist vor allem den Bundestagsabgeordneten und ihren Mitarbeitern vorbehalten. Doch das Gebäude selbst, in direkter Nachbarschaft von Kanzleramt, Reichstagsgebäude und Bundestagskindergarten, ist auf jeden Fall einen Besuch wert, nicht nur für Architekturfreaks. Um also die Tür zu den Futtertrögen der Macht zu passieren, braucht man eine Einladung zu einer der parlamentarischen Veranstaltungen, die im Haus am Platz der Republik regelmäßig stattfinden, oder vom Abgeordneten eines Wahlkreises, der einen vielleicht ja sogar zum Essen einlädt. Oder man bekommt, wie in diesem Fall, einen Gesprächstermin mit einem der Bundestagsmitarbeiter, nennen wir ihn Torsten B., der bereits unten am Eingang wartet.

Das weitere Prozedere: Den Personalausweis beim Pförtner abgeben, man erhält gegen Unterschrift einen Besucherausweis, der sichtbar getragen werden soll. Dann den Mantel ausziehen, metallische Gegenstände in eine Plastikwanne legen und durch den Metalldetektor schreiten. Die Taschenkontrolle ist beinahe so streng wie im Technoclub Berghain, doch die meist älteren Herren hier sind dabei sehr viel freundlicher. Zur Kantine geht es dann durchs wirklich hohe Haus. 23 Meter beträgt die Höhe des Lichthofs, wie Herr B. im Gehen erzählt, 550 Büros für 275 Abgeordnete und ihre Mitarbeiter liegen links und rechts davon im Gebäude. Am anderen Ende, mit Blick auf die Spree, liegt dann die Kantine. Zwischen 12 und 13 Uhr ist Hauptessenszeit, wie schnell klar wird. Die gut zehn Meter lange Schlange bewegt sich zügig, die Gäste sind erstaunlich jung. Man trägt legere Kleidung, wenige Anzugträger sind zu sehen, die parlamentarische Woche ist gerade vorbei.

Zwei Suppen oder Eintöpfe seien immer im Angebot, wie der Begleiter erzählt, dazu drei bis vier Hauptgerichte. Heute kann man laut Speisekarte wählen zwischen Holzfällersteak mit Bratkartoffeln und Salat, gekochten Eiern in Senfsauce oder gebratenem Schellfischfilet auf Rahmwirsing und Kartoffeln. Es geht schneller als erwartet: Vier Mitarbeiter wirbeln hinterm Ausgabetresen, sie tragen weiße Schürzen und Mützen der Firma Dussmann, die mehrere Kantinen des Bundestags betreibt. Für ganz Eilige bieten edelstahlglänzende Selbstbedienungsinseln frische Salate, Antipasti und ein tägliches Nudelgericht an. Joghurt, Pudding und bunte Cremes im Glas stehen als Desserts bereit. Immer auch im Angebot der Kantine ist die obligatorische Currywurst. Das bestellte Rumpsteak von der Sonderkarte wird tatsächlich erst nach der Bestellung frisch auf den Grill geworfen.

Perfekt gegrillt. Das Rumpsteak mit Pommes. Foto: Pöppl
Perfekt gegrillt. Das Rumpsteak mit Pommes.Foto: Pöppl

Genug Zeit, um sich umzusehen. Unter den bunten Lampen an der Decke, einem Kunstprojekt, herrscht sachliche Ikea-Atmosphäre. „Lampenladen“ wird das Selbstbedienungsrestaurant wegen der Beleuchtung intern genannt, Anspielung auf den alten Palast der Republik der DDR. Was noch auffällt: Es ist ziemlich laut in der Kantine, das muntere Geplapper der Besucher verschmilzt mit dem Klappern des Geschirrs zu einem dumpfen Grundrauschen. Auch das läge an den Lampen, erzählt Torsten B. später beim Essen. Seitdem die bunten Beleuchtungskörper vor einer Weile gründlich gereinigt worden wären, habe die Lautstärke deutlich zugenommen.

Nun geht es ans Wesentliche, ans Essen: Die vegetarische Kartoffelsuppe mit Lauch und Möhren schmeckt frisch nach dem verwendeten Gemüse, ist aber schwach gewürzt, Pfeffer und Salz helfen. Das Rumpsteak erweist sich als perfekt gegrillt, leicht rosig, die Kräuterbutter und die Pommes von klassischer Imbissqualität, der Salat als erstaunlich knackig. Der Rahmwirsing, von dem Herr B. großzügig kosten lässt, ist kantinentypisch leicht verkocht, etwas zu viel Rahm, dafür ist der Schellfisch gerade richtig.

Das Grundrauschen wird etwas leiser, die Kantine ist gut gefüllt, aber man redet nicht mit vollem Mund. Durch die Glasfassade öffnet sich der Blick auf die Spree. Das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus am gegenüberliegenden Ufer spiegelt sich in der Sonne. „Im Frühling fahren hier auch wieder die Ausflugsboote vorbei“, sagt Herr B. Das klingt durchaus idyllisch.

KANTINE IM PAUL-LÖBE-HAUS

Platz der Republik 1,

11011 Berlin (Tiergarten)

Für Externe nur zugänglich in Begleitung

Öffnungszeiten:
Mo–Do: 11.30–16 Uhr

Fr: 11.30–14 Uhr

In Sitzungswochen:

Di–Do: 11.30–17 Uhr

Unser Fazit:

GESCHMACK: 3 von 5 Stermen
Engagierte Imbissküche mit frischen Ideen und großer Auswahl. Nicht immer mutig gewürzt.

ATMOSPHÄRE: 4 von 5 Sternen
Wie im schwedischen Möbelkaufhaus mit bunten Elementen und toller Aussicht, aber recht laut.

POLITIKERDICHTE: 2 von 5 Sternen
Außerhalb der Sitzungswochen zumeist gering.

PREIS-LEISTUNGS-VERHÄLTNIS: 5 von 5 Sternen
Ausgezeichnet, auch bei günstigeren Gerichten.

Alle getesteten Kantinen finden Sie unter: www.tagesspiegel.de/Agenda

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