Karneval : Politik unter der Narrenkappe

Am 11.11. beginnt für viele Politiker der Karneval. Den Reiz versteht nicht jeder. Auf den Spuren eines Phänomens.

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Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist karnevalistische Überzeugungstäterin.
Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist karnevalistische Überzeugungstäterin.Foto: picture-alliance/dpa

Es muss ja nicht gleich am 11.11. sein. Manchmal geschieht es erst ein paar Wochen später. Aber sicher ist: Es geschieht. Da ergreift gewisse Menschen eine Unruhe, vielleicht sogar eine Sehnsucht. Und wenn das neue Jahr ins Land geht, dann wächst diese Sehnsucht und wächst und wird so groß, dass man nicht mehr Nein sagen kann. Es fängt an zu kribbeln, und das ist dann so etwas wie ein innerer Marschbefehl. Jetzt muss der Koffer gepackt werden oder die Reisetasche, es geht los nach Köln. Es ist Karneval.

Gerade in Berlin scheint dieses jährliche Reisefieber weit verbreitet zu sein, im politischen Berlin. Mögen unbestätigten Gerüchten zufolge unter Deutschlands Stämmen die Schwaben im Stadtleben eine besondere Rolle spielen, auf der politischen Bühne der Stadt sind es die Rheinländer. Schließlich hat der Hauptstadtwechsel von Bonn nach Berlin eine gewaltige Wanderungsbewegung von West nach Ost ausgelöst. Von Politikern, deren Mitarbeitern, von Journalisten. Alle die tragen dieses noch gänzlich unerforschte Virus in sich, das das ganze Jahr über schläft, am 11.11. jedoch erwacht und danach zu besagtem Reisefieber führt.

Selige Kölner Karnevalsanarchie, zumindest von Weiberfasnacht am Donnerstag bis zum Dienstagabend, wenn zum tränengebadeten Ende des närrischen Hochamts der Nubbel verbrannt wird. Eintauchen in eine Welt, in der auf einmal alles andere nebensächlich erscheint, sich verlieren an den Augenblick.

Einer der unermüdlichsten Berliner Karnevalisten ist der Christdemokrat Wolfgang Bosbach, schließlich stammt er aus Bergisch Gladbach, was bei Köln um die Ecke liegt. Weshalb ihm das närrische Blut seit jungen Jahren wie selbstverständlich durch die Adern fließt. War 1977/78 Karnevalsprinz in seiner Heimatstadt, 22 Jahre Präsident der Großen Gladbacher Karnevalsgesellschaft, ist heute deren Ehrenpräsident und überdies Ehrenoffizier der Roten Funken aus Köln.

Der Grünen-Politiker Volker Beck in Schwarz-Rot.
Der Grünen-Politiker Volker Beck in Schwarz-Rot.Foto: picture-alliance/dpa

Nur ein einziges Mal ist es gewesen, und das verzeiht sich Bosbach bis heute nicht, da ist er abtrünnig geworden und hat die Feiertage skifahrend im österreichischen Schnee verplempert, "einer der größten Fehler meines Lebens. Mir sind die Tränen gekommen: Die feiern einfach ohne mich." Es ist dann auch nie wieder vorgekommen.

So ist Bosbachs karnevalesker Terminkalender Jahr für Jahr prall gefüllt. Zehn bis zwölf Sitzungen besucht er in Bergisch Gladbach und Köln pro Saison, prunkvolle und weniger prunkvolle; und natürlich sitzt er beim Rosenmontagszug auf einem der Wagen. Vielleicht hat er dann sein Lieblingskostüm an, eine Sergeant-Pepper-Uniform, oder etwas anderes aus den unergründlichen Tiefen seines Verkleidungsfundus. Der Kostümschrank zu Hause ist ebenso groß wie der gesamte zivile Kleiderschrank der Familie Bosbach.

Katja Dörner, die stellvertretende Vorsitzende der Bundestagsfraktion der Grünen, hat jedes Jahr zwei verschiedene Maskeraden parat, ein Indoor- und ein Outdoor-Kostüm. Letzteres ist wärmer, "die Menge des Stoffs macht den Unterschied". Für die Feierlichkeiten im Saal ist sie vergangenes Jahr zum Beispiel als Elfe gegangen und an der frischen Luft als Hexe. Die Frischluft ist ihr lieber, "mein Herz schlägt für die Altstadt", aber natürlich besucht sie als Abgeordnete auch verschiedene Vereinssitzungen, schließlich kann man sogar in Köln, sogar in der fünften Jahreszeit die Politik nicht ganz aus den Augen lassen. "Wer nicht gern zum Karneval geht", sagt Bosbach, "wer bei uns nicht trittfest ist, wer da fremdelt, der hat es schwer, politisch erfolgreich zu sein." Die Menschen spürten nämlich genau, wenn ein Politiker da nur hingehe, weil er glaube, es zu müssen.

Jeder Jeck ist anders. Der Sozialdemokrat Rolf Mützenich, gebürtiger Kölner, feiert lieber als Lappenclown in den Kneipen und auf der Straße, zu öffentlichen Prunksitzungen würde er nie gehen. Höchstens zu Pfarrsitzungen, die von kleinen Vereinen organisiert werden, "damit der Pfarrer einmal im Jahr was zu lachen hat". Schon in der Grundschule hat das angefangen mit den tollen Tagen, mit einer Musikkapelle ist er durchs Viertel gezogen und hat Posaune gespielt. Damals.

Volker Beck, der Grüne, wiederum sucht die karnevalistische Mitte zwischen Traditionalisten und Freisinnigen, geht schon mal zu einer Sitzung mit Alaaf und Funkenmariechen, aber, um Himmels willen, "ein Vereinsmeier bin ich nicht", lieber ist ihm der alternative Karneval, der die klassischen Rituale auf die Schippe nimmt. Das eben sei das Einzigartige an Köln, sagt er, dass jedes Milieu seinen eignen Karneval feiert.

Wo Politiker sind, da sind die Journalisten nicht weit. Hartmut Palmer etwa, der 23 Jahre für den "Spiegel" aus Bonn und Berlin berichtete, hat einst bei seinem Einstellungsgespräch mit Rudolf Augstein ausgehandelt, dass er an den hohen Festtagen nicht im Redaktionsbüro erscheint, sondern hinaus darf auf die Kölner Straßen. Da spielt sich für ihn der wahre Karneval ab, nicht in den Sälen. "Prunksitzungen meide ich, die sind schrecklich, eine todernste Angelegenheit." Seit Jahren tritt er mit einer Berliner Musikgruppe in der Kölner Südstadt auf, als Sänger und Percussionist, man kennt sie dort als "Die Berliner". Aber natürlich ist es kein berlinisches Liedgut, was dort zum Vortrag kommt, sondern Bläck Fööss, Höhner und was das Kölner Liederbuch sonst noch hergibt. Kaum eine andere Stadt der Welt hat so viele Lieder.

Beim Musikmachen trifft er dann auch Günter Bannas von der "FAZ". Der wirft sich allerdings nicht in Köln-übliche Vollverkleidung, zieht sich höchstens ein gestreiftes T-Shirt über oder ein Glitzerjackett, "ich bin noch halbwegs erkennbar". Aber von Donnerstag bis Montag am Ort des närrischen Geschehens zu sein, ist ihm Pflicht und Bedürfnis. Ein einziges Mal ist ihm die Politik dazwischengekommen. 2012 war das, als Bundespräsident Christian Wulff neben anderen Ungeschicklichkeiten die weitere beging, ausgerechnet am Tag nach Weiberfasnacht zurückzutreten. Da war es dann zu Ende mit der Kölner Narretei, und Bannas musste zurück in jene von Berlin.

Politik als Feindin des Karnevals. Auch Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) ist vom Karnevalsvirus infiziert, sogar beim heiteren Krawattenabschneiden konnte man sie schon besichtigen. Aber nun, kurz vor dem 11.11., hat sie keine Zeit, sich über diese Leidenschaft auszulassen. Bleibt zu hoffen, dass ihr Anfang Februar, wenn die Narren Ernst machen, die Politik keine weiteren Striche durch die Karnevalsrechnung macht. Sonst bliebe ihr nur jener Ausweg, den so mancher Unabkömmliche in Berlin nehmen muss. Er führt in die Landesvertretung NRW oder in die Ständige Vertretung an der Spree. Hier wird, alaaf!, den Dagebliebenen rheinischer Trost gespendet.

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