Lagezentren im 24-Stunden-Betrieb : Wer wacht, wenn Angela Merkel schläft

Rund um die Uhr beobachten Mitarbeiter in den Lagezentren der Bundesregierung das Weltgeschehen. In Krisenfällen wie jetzt in Tunesien müssen sie auch die Chefin wecken.

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Nach dem Germanwings-Absturz im März informiert sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (Mitte links) im Krisenreaktionszentrum des Auswärtigen Amts.
Nach dem Germanwings-Absturz im März informiert sich Außenminister Frank-Walter Steinmeier (Mitte links) im Krisenreaktionszentrum...Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Es ist nur ein Satz, der am Freitagmorgen um elf Uhr auf dem Bildschirm von Erika Behrens aufpoppt – und das bedeutet selten Gutes in ihrem Job. „Ein Toter bei Anschlag in Fabrik in Frankreich“, lautet die Eilmeldung der französischen Nachrichtenagentur AFP. Behrens informiert die Deutsche Botschaft in Paris, als bereits die nächsten Meldungen mit kurzen Sätzen folgen: Tote auch bei Anschlägen in Kuwait und Tunesien.

Sind Deutsche unter den Opfern?

Eine der vielen Fragen, die Erika Behrens jetzt so schnell wie möglich klären muss. Sie ist Beamtin vom Dienst im Lagezentrum des Auswärtigen Amts. Rund um die Uhr beobachten Behrens und ihre elf Kolleginnen und Kollegen hier Nachrichtenagenturen, sie werten Berichte von deutschen Auslandsvertretungen aus, informieren deutsche Botschaften und die Fachabteilungen im Ministerium über aktuelle Ereignisse. Kommt es im Ausland zu Katastrophen wie Anschlägen, Erdbeben oder Flugzeugabstürzen, unterstützen sie das Krisenmanagement.

Gearbeitet wird im 24-Stunden-Betrieb

Nicht nur das Auswärtige Amt betreibt ein solches Lagezentrum im 24-Stunden-Betrieb. Auch das Bundeskanzleramt, das Bundespresseamt, das Innen- und das Verteidigungsministerium sind mit solchen Einheiten ausgestattet. Ihre Mitarbeiter wachen an 365 Tagen über das Weltgeschehen, auch an Weihnachten und anderen Feiertagen. Sie sollen sicherstellen, dass die Regierungsmitglieder stets auf dem aktuellsten Informationsstand sind. Kommt es nachts zum Notfall, werden die zuständigen Minister oder gar die Kanzlerin geweckt.

Seit 7.30 Uhr ist Erika Behrens am Freitagmorgen im Dienst, sie hat die Ausbildung für Konsularbeamte absolviert, vor zwei Jahren ist sie von der Deutschen Botschaft in Peking ins Lagezentrum nach Berlin gewechselt. Ihr Büro im Erdgeschoss des Auswärtigen Amts liegt in einem besonders gesicherten Bereich. Auf zwei Computerbildschirmen verfolgt sie hier Agenturen und Maileingänge, auf Fernsehbildschirmen laufen deutsche und internationale Nachrichtensender, in der Ecke steht eine kleine Pritsche zum Ausruhen für die Nachtschicht, oft genutzt wird sie nicht. Krisen halten sich nicht an Tageszeiten.

Bundeskanzleramt richtet Lagezentrum nach Schleyer-Entführung ein

Das 24/7-Lagezentrum im Auswärtigen Amt ist mit dem Umzug der Regierung von Bonn nach Berlin entstanden, im Bundeskanzleramt wurde es bereits Ende der 70er Jahre als Reaktion auf die Entführung und spätere Ermordung von Hanns Martin Schleyer eingerichtet und arbeitet ressortübergreifend mit den anderen Lagezentren zusammen. Es soll die uneingeschränkte Erreichbarkeit des Kanzleramtes und damit auch der Kanzlerin sichern. Tagsüber arbeiten hier zwei bis drei Personen, nachts übernimmt ein Mitarbeiter den Dienst.

Derweil filtern im Lagezentrum des Bundespresseamts (BPA) elf Redakteure im Wechseldienst relevante Nachrichten aus den 3000 bis 5000 Meldungen heraus, die hier innerhalb von 24 Stunden einlaufen. Wichtige Themen werden per E-Mail und SMS an Angela Merkel, Regierungssprecher Steffen Seibert, die Minister und andere ausgewählte Personen verschickt. Besonders die Kanzlerin ist dafür bekannt, die Kurznachricht mit nicht mehr als 160 Zeichen zu schätzen. Rund 40 solcher SMS werden vom Lagezentrum pro Tag etwa versendet, bei aktuellen Ereignissen wie am Freitag sind es mehr.

Krisenstab tagt wenige Schritte entfernt vom Lagezentrum

Auch Erika Behrens hat an solchen Tagen deutlich mehr als sonst zu tun. Als am Mittag die Eilmeldungen über den Anschlag in Sousse auf ihrem Bildschirm aufpoppen, kontaktiert sie sofort die Botschaft in Tunis und informiert das Büro von Außenminister Frank-Walter Steinmeier. 38 Tote hat es bei dem Anschlag gegeben. Schnell wird entschieden, einen Krisenstab unter Vorsitz des Krisenbeauftragen Walter Haßmann einzurichten, mit dabei die Länderspezialisten aus dem Auswärtigen Amt, Vertreter des Bundeskriminalamts und des Deutschen Reiseverbands. Der deutsche Botschafter in Tunis wird zugeschaltet in den Sitzungsraum, der nur wenige Schritte von Erika Behrens’ Arbeitsplatz im Lagezentrum entfernt liegt.

Rund 40 Minuten dauert die Besprechung des Krisenstabs, auch Erika Behrens nimmt daran teil. Eigentlich ist ihr Dienst längst beendet, aber einfach Feierabend machen will sie an diesem Tag nicht, bis 23 Uhr arbeitet sie noch bei der extra geschalteten Telefonhotline mit – denn auch wenn das Management von Krisen zu ihrem Alltag gehört, sind diese für Behrens nicht alltäglich geworden: „Oft benötigen wir im Lagezentrum viel psychologisches Gespür, vor allem wenn sich wie am Freitag Menschen um das Schicksal ihrer Angehörigen sorgen. Das beschäftigt mich dann auch nach Dienstschluss“, erzählt Behrens. In Erinnerung geblieben ist ihr zuletzt vor allem auch der Absturz der Germanwings-Maschine in Frankreich, als sie die Anrufe von Angehörigen der Opfer entgegennahm und bei der Vorbereitung des Krisenstabs half. In solchen Fällen kommt es darauf an, so rasch wie möglich Klarheit für die Angehörigen der Opfer zu schaffen.

"Das ist kein Beruf, den man lernen kann."

Schnell auf aktuelle Ereignisse zu reagieren, gehört auch für Sabine Kallin zum Tagesablauf. Seit 1999 arbeitet sie im Lagezentrum des Bundesinnenministeriums (BMI), gerade die Unplanbarkeit der Ereignisse schätzt sie an ihrem Job: „Ich komme morgens zur Arbeit und weiß nicht, was passiert“, sagt sie. „Und selbst wenn eine Krise eintritt, ist kein Fall gleich.“ Knapp 20 Mitarbeiter sichten hier im Drei-Schicht-System neben den Meldungen der Nachrichtenagenturen vor allem auch Meldungen von den Lagezentren der Landesinnenministerien, des Bundeskriminalamts und der Bundespolizei. Ein Großteil der Beschäftigten sind deshalb Polizeivollzugsbeamte, Kallin ist Erste Polizeihauptkommissarin und war in Berlin früher bei der Mordkommission beschäftigt. Wie bei der Aufklärung eines Mordfalls muss sie im Lagezentrum des BMI wichtige von unwichtigen Informationen zu unterscheiden wissen: „Die Arbeit im Lagezentrum ist kein Beruf, den man lernen kann. Erst durch die Erfahrung weiß man einzuschätzen, wann der Minister unmittelbar informiert werden sollte und welche Meldung lediglich in eine Abteilung weitergeleitet werden muss.“

Am Freitag ist klar: Innenminister Thomas de Maizière, die Staatssekretäre und die Sicherheitsabteilungen des BMI müssen umgehend über die Anschläge informiert werden, die Mitarbeiter in den beiden Lagezentren tauschen sich immer wieder über den aktuellen Stand aus, auch um de Maizières Reise nach Sousse am Montag vorzubereiten.

Am Montagvormittag berichten die Agenturen über die Reise, auch Erika Behrens verfolgt sie im Lagezentrum des Auswärtigen Amts. Der Anschlag in Sousse ist inzwischen drei Tage her – zur Routine wird er für Behrens trotzdem nicht. Sonja Álvarez

Dieser Text findet sich in der "Agenda" vom 30. Juni 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie auch im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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