Mario Ohoven : „Ich bin ja ein Verkäufer“

Mario Ohoven ist Deutschlands bekanntester Mittelstandslobbyist. Zu Recht? Es gibt Zweifler. Ein Portrait.

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Zwei Profis. Mario Ohoven und seine Frau, Unesco-Sonderbotschafterin Ute-Henriette, wissen um den Wert öffentlicher Aufmerksamkeit.
Zwei Profis. Mario Ohoven und seine Frau, Unesco-Sonderbotschafterin Ute-Henriette, wissen um den Wert öffentlicher...Foto: picture alliance / dpa

"Ich muss weg!“ dürfte der bekannteste Satz von Mario Ohoven sein. Bei Youtube findet man den Ausschnitt eines TV-Interviews, in dem der Präsident des Bundesverbands mittelständische Wirtschaft (BVMW) diesen Satz sagt. Mitten im Gespräch blättert Ohoven in Papieren, schaut auf die Uhr, springt auf, nimmt sich das Mikro vom Revers – und geht. Der Verbandschef hatte Fragen zu aktuellen Positionen des BVMW nicht beantworten können. Später wird Ohovens Auftritt zum „running joke“ in der Stefan- Raab-Show.

Die Peinlichkeit liegt schon einige Jahre zurück und hat die Karriere Ohovens als oberster Lobbyist des deutschen Mittelstands nicht gebremst. Im Gegenteil. Ein Höchstmaß an Bekanntheit und öffentlicher Aufmerksamkeit – und sei sie auch peinlich – ist für Mario Ohoven immer schon ein erklärtes Berufsziel gewesen. Gerade hat der BVMW sein 40-jähriges Jubiläum gefeiert und Alt-Kanzler Gerhard Schröder einen „Ehrenpreis“ verliehen.

Wie wichtig ihm die Gunst der Medien ist, demonstrierte der 69-jährige Ohoven einmal mehr kürzlich in Berlin. Der BVMW hatte zur Verleihung seines „Mittelstand Media Awards 2015“ an Gabriele Fischer, die Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „brand eins“, geladen. Immer nah bei den Mächtigen, im Schatten des Reichstags, fand sich ein erlesener Kreis von Journalisten, Bundestagsabgeordneten und Unternehmern im Kaisersaal der Deutschen Parlamentarischen Gesellschaft ein. Ohoven präsentierte sich, wie häufig, feierlich: „Dieser Preis und unser Verband haben etwas gemeinsam: das Außergewöhnliche“, sagte er. „Unique“, so der Präsident, sei die Nähe des BVMW zur Politik und zur mittelständischen Wirtschaft. Das sehe man auch im Ausland so. „Egal wohin ich komme – immer heißt es: Ah, Mister Mittelstand.“ In der Berichterstattung werde dies aber gar nicht hinreichend gewürdigt, tadelte Ohoven. Stattdessen gehe es um Volkswagen, um die großen Konzerne.

Um Anerkennung muss er nicht kämpfen

Um Anerkennung kämpfen muss Ohoven, der den BVMW seit 17 Jahren ehrenamtlich führt, nicht. Glaubt man den zahlreichen Publikationen des Verbands, stehen Ohoven und der BVMW fortwährend mit prominenten Politikern im Blitzlichtgewitter. Im Verband verweist man auf den vollen Terminkalender des Vorsitzenden. Ohoven ist zugleich Präsident des europäischen Dachverbands European Entrepreneurs.

Auch in seinem vor sechs Jahren gegründeten „Politischen Beirat“ dokumentiert der Verband, dass er parteiübergreifend vernetzt ist. In dem Beratergremium sitzen Ex-FDP-Chef Wolfgang Gerhardt, der frühere Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, Hubertus Heil von der SPD, Grünen-Chef Cem Özdemir, CDU-Parteivize Thomas Strobl sowie Dagmar Wöhrl, ehemalige Wirtschaftsstaatssekretärin von der CSU. Deren Nachfolgerin im Ministerium, Ex-Justizministerin Brigitte Zypries (SPD), überreichte in der Parlamentarischen Gesellschaft den „Media Award“ des BVMW an Gabriele Fischer. Und scherzte: „Ich schlage Mario Ohoven selten einen Wunsch ab.“ Ihr Chef, Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), schätzt Ohoven offenbar besonders. Der BVMW-Präsident sitzt in Gabriels TTIP-Beirat und ging im Frühjahr mit ihm auf Nahostreise. Ohoven spricht von seinen „starken Helfern“, die er hofiert. „Ich bin ja ein Verkäufer“, kokettiert er mit seiner Vergangenheit als Finanzvermittler und Anlageberater.

Keinen Spaß versteht der Lobbyist indes, wenn man ihm vorwirft, ein Blender zu sein, der viel weniger Mittelständler vertritt, als er behauptet. Das „Handelsblatt“ zog Anfang Oktober die Mitgliederzahl des BVMW von rund 270 000 Firmen in Zweifel – tatsächlich vertrete Ohoven internen Daten zufolge nur die Interessen von 15 000 Unternehmen. Der BVMW bezeichnete diese Zahl als falsch. Statt aber schlicht eine richtige zu nennen, beauftragte Ohoven Wirtschaftsprüfer, die sich in die Mitgliederkartei vertieften. Ergebnis: Der BVMW hatte Ende Oktober „vollauf bestätigt und testiert“ 50 654 ordentliche Mitglieder. Rechnet man die Betriebe der vom Verband initiierten „Mittelstandsallianz“ hinzu – ein bunter Strauß von 40 unterschiedlichsten Berufsverbänden –, kommen die Wirtschaftsprüfer auf „knapp 300 000 Mitglieder“. Ohoven selbst addiert „800 000 Kontakte pro Jahr“, die über die bundesweit 300 Geschäftsstellen des Verbandes zustande kämen.

Doch Zweifel bleiben

Doch Zweifel bleiben. „Wofür und für wen hat der BVMW ein Mandat?“, fragt man sich bei einem anderen Branchenverband, der ebenfalls Mittelständler vertritt. „Mario Ohoven ist eine schillernde Figur, ein bekanntes Gesicht – aber man weiß nicht wirklich, für wen er spricht.“ Angesichts der heterogenen Mitgliederschaft des BVMW, die vom Kiosk bis zum global tätigen Exportunternehmen reiche, sei unklar, „wie sich Meinungen im Verband bilden“. Dabei hat der Verband zu vielem eine Meinung. Flüchtlinge, Energiewende, Konjunktur – kaum ein Thema, zu dem sich der BVMW-Präsident nicht äußert. Angesichts der Themenfülle, so sagen Beobachter, fehlt es mitunter an der inhaltlichen Substanz: „Man stößt überall auf ihn – aber es geht selten ums Fachliche“, heißt es bei einem einflussreichen Branchenverband.

Gefragt, welche Gegenleistung Firmen für Jahresbeiträge zwischen 600 und 3000 Euro erwarten dürfen, wird die BVMW-Pressestelle ausführlich. Kongresse, Workshops, Geschäftskontakte, Informationen und praktische Unterstützung im Umgang mit Behörden. „Kurz gesagt, Mittelständler haben Probleme, wir bieten ihnen Lösungen und unmittelbaren Nutzen.“ Bei zahlreichen Entscheidungen habe der BVMW seinen Einfluss geltend gemacht – etwa bei der Gestaltung von TTIP oder der Unternehmenssteuerreform. „Die Liste unserer Erfolge ist lang.“ Mit 2000 Events im Jahr sei der BVMW der „größte Veranstalter von Unternehmertreffen in Deutschland“. Der Vorwurf, es gehe – nach dem Muster einer Vertriebsorganisation – vor allem um viele Mitglieder und dann erst um Interessenvertretung, weist der Verband zurück. „Eine vertriebliche Ausrichtung widerspricht der Satzung und dem Selbstverständnis des BVMW.“

Der Text erschien in der "Agenda" vom 15. Dezember 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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