Muslime ohne Hauptstadtbotschaften : Allahs Berliner Telefonnummer

Es gibt sie noch nicht, trotz neun Jahren Islamkonferenz. Für eine Hauptstadtvertretung fehlt den Muslimen Geld, Personal – und manchmal die Einsicht.

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Jetzt fest in Berlin: Aiman Mazyek, Chef des Zentralrats der Muslime.
Jetzt fest in Berlin: Aiman Mazyek, Chef des Zentralrats der Muslime. Thilo Rückeis

Seit fast einem Jahrzehnt diskutieren Politik und deutscher Islam miteinander. Im September 2006 schuf der damalige Innenminister Wolfgang Schäuble (CDU) mit der „Deutschen Islamkonferenz“ ein Institut geordneter Kontakte auf höchster Ebene. Nach jahrelangem öffentlichem Schlagabtausch arbeitet man neuerdings fast geräuschlos zusammen, wie beide Seiten bestätigen.

Die Hauptstadt des deutschen Islam heißt Köln

Es könnte also politisch mit dem Islam schon fast sein wie mit den christlichen Kirchen – wenn ihm nicht etwas Wesentliches fehlte: Eine Berliner Vertretung haben Deutschlands Muslime noch immer nicht. Was für die evangelische Kirche der EKD-Bevollmächtigte ist oder für die katholische der Vertreter der Deutschen Bischofskonferenz: Die deutschen Muslime haben am Sitz von Parlament und Bundesregierung noch immer keinen Botschafter oder eine Botschafterin, die als Frühwarnsystem funktionieren, auf kurzen Wegen Informationen besorgen oder auch mal ein Feuerchen rechtzeitig austreten können. Hauptstadt des deutschen Islam ist nach wie vor nicht Berlin, sondern Köln, wo die großen Verbände sitzen.

Nur Politik machen erscheint als Luxus

Inzwischen halten dies auch viele im organisierten Islam für ein Problem. „Man ist sich bewusst, dass die politische Vertretung fehlt“, sagt Engin Karahan. Der Jurist war viele Jahre Funktionär der „Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs“ (IGMG), zuletzt als ihr stellvertretender Generalsekretär. Inzwischen arbeitet er als freier Berater zu den Themen Religionsrecht und Organisation. Etwas anderes allerdings scheint es zu sein, dem Mangel abzuhelfen. Den Verbänden fehle nicht nur das Geld – eine interne Rechnung veranschlagte einmal eine Viertelmillion jährlich für eine auch nur minimal ausgestattete Berliner Vertretung – sondern auch das Personal, sagt Karahan: „Das müssen Leute sein, die in den Gemeinden verwurzelt sind und den nötigen Stallgeruch haben, die aber auch das politische Feld kennen.“ Die gebe es, aktuell jedenfalls, noch kaum. Und dann sei das auch eine Frage der Prioritäten: Angesichts knapper Kassen werde es „oft als Luxus angesehen, Leute nur für die politische Vertretung abzustellen“. Das sei vor Jahren auch beim Aufbau einer ersten Rechtsabteilung der IGMG so gewesen, sagt Karahan. In der Islamkonferenz, deren zentrales Thema das Einfädeln des Islam ins deutsche Religionsverfassungsrecht war, habe sich dann erwiesen, wie richtig die Entscheidung war. Die Expertise seines Verbands, sagte Karahan, sei dann auch den anderen zugutegekommen.

Für die Kirchen zahlt der Steuerzahler

Eine Botschaft in Berlin hätte für beide Seiten Vorteile: Nicht nur der Staat hat erklärtermaßen seine liebe Mühe mit, so die Wissenschaftler Riem Spielhaus und Martin Herzog, „der Vielfalt und Fragmentierung der islamischen Organisationslandschaft“. Auch er selbst spricht in Bund, Ländern und Kommunen mit so vielen Stimmen, dass es schwerfällt, die je zuständige herauszufinden. Spielhaus und Herzog haben dies in ihrer kürzlich erschienenen Studie „Die rechtliche Anerkennung des Islams in Deutschland“ als wichtigen Grund bezeichnet, warum die Anerkennung immer noch stockt.  

Das man in der Hauptstadt eine Botschaft brauche, sei klar, meint Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime. - und spricht ebenfalls vom Geld: "Die ständigen Vertretungen der Kirchen in den Bundesländern und in Berlin werden ja vom Steuerzahler übernommen. Wenn man also die Frage stellt, warum wir Muslime schwach vertreten sind in Berlin, dann muss man auch nach unseren Ressourcen fragen." Die Länderparlamente und der Bundestag unterstützten "die Kirchen bewusst, weil sie auf deren Sachverstand und Urteil nicht verzichten wollen", sagt Mazyek. "Beim Islam sollte der Staat auch so denken.“

Zwei Verbände haben neuerdings Spitzenleute in Berlin

Tut er, offiziell jedenfalls, aber noch nicht: "Ob und wie sich die bestehenden islamischen Verbände oder einige von ihnen zusammenschließen, um koordiniert als Ansprechpartner gegenüber Staat oder Politik aufzutreten, ist eine Frage, welche die Muslime und ihre Organisationen selbst betrifft" heißt es aus dem Bundesinnenministerium. Im übrigen bestehe ja in "im Rahmen der Deutschen Islam-Konferenz bereits ein kontinuierlicher Kontakt zu den größten Dach- und Spitzenverbänden".

Und auch bei denen bewegt sich etwas. Aiman Mazyek etwa hat letztes Jahr nach Jahren des Pendelns zwischen Köln und der Hauptstadt seinen privaten Wohnsitz nach Berlin verlegt und macht deutlich, dass dies natürlich auch mit einen politischen Hintergrund habe. Und der Chef des großen Islamrats ist seit April Burhan Kesici, ein echter Berliner. Allah ist also dabei, eine Berliner Telefonnummer zu bekommen. Oder gleich mehrere.

Der vollständige Text findet sich in der "Agenda" vom 16. Juni 2015 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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