Neuer DFB-Präsident Reinhard Grindel : Der Aufsteiger

Als Abgeordneter war Reinhard Grindel kaum bekannt. Nun ist er Deutschlands höchster Fußballrepräsentant. Wie hat er das geschafft?

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Gerne mit Pokal: Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel.
Gerne mit Pokal: Der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Reinhard Grindel.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Allein konnte Reinhard Grindel das Geschenk nicht halten. Die Marzipantorte in Form eines Fußballs war zu groß. So half ihm der Überbringer, ein Schornsteinfeger aus Ascona, und posierte gemeinsam mit dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bunds (DFB) für die Fotografen. Es war der Willkommensgruß der Schweizer Gastgeber zu Beginn des EM-Trainingslagers der Nationalmannschaft. Vom Glücksbringer, der riesigen Torte und der Gastfreundschaft war Grindel gleich angetan. "Man kann sich hier wirklich wohlfühlen", sagte er.

Hände schütteln, Grußworte verkünden, die verbindende Kraft des Fußballs hervorheben – so wird die deutsche Öffentlichkeit Grindel künftig noch oft sehen. Der 54-Jährige ist seit Mitte April der höchste Fußballrepräsentant des Landes. Wenn am Freitag die Europameisterschaft in Frankreich beginnt, wird der Niedersachse aus Rotenburg an der Wümme immer da sein, wo die Nationalmannschaft ist. Dann dürfte auf der Stadiontribüne auch die Kanzlerin neben ihm ihren Jubelhüpfer vollführen. Dabei war Grindel bis vor Kurzem ein eher unbekannter CDU-Bundestagsabgeordneter.

Er teile gerne aus, stecke aber nicht gerne ein, heißt es über Grindel

Jetzt führt er die Delegation der wichtigsten deutschen Mannschaft an. Wie ist der Mann so schnell so weit gekommen? Vor vier Jahren hielt Grindel als Vizepräsident des Niedersächsischen Fußball-Verbands noch die Gastrede anlässlich des 100- jährigen Vereinsjubiläums des SVN Düshorn oder zeichnete in Harriehausen Ehrenamtliche von Fußballklubs aus. Nun ist er Chef des größten nationalen Sportverbands der Welt. Wesentlichen Anteil an dieser Blitzkarriere hat die Affäre um die WM 2006, das angeblich gekaufte Sommermärchen. Weil sein Vorgänger Wolfgang Niersbach wichtige Informationen zurückhielt, musste der zurücktreten. Grindel, seit 2013 Schatzmeister des DFB, verstand es, das Machtvakuum zu füllen: Als das Profi-Lager noch über einen Kandidaten debattierte, preschten seine Vertrauten von den Amateuren vor und nominierten ihn.

Grindel sei ein exzellenter Netzwerker, sagt Karl Rothmund. Der Präsident des Niedersächsischen Fußball-Verbands hat ihn überhaupt erst in ein Verbandsamt geholt, 2011 als seinen Vize. "Er scheut kein Risiko und kann sich schnell in neue Bereiche einarbeiten", sagt Rothmund. Einen geschickten Strippenzieher nennt ihn Özcan Mutlu. Der grüne Bundestagsabgeordnete saß mit Grindel zuletzt im Sportausschuss des Bundestags. "Er teilt gerne aus, steckt aber nicht gerne ein. Er hat den Willen zur Macht", sagt Mutlu.

Vorzuweisen hat Grindel bereits einige Karrieren. Der gebürtige Hamburger ist studierter Jurist, arbeitete als Journalist und war Leiter der ZDF-Studios in Berlin und Brüssel. 2002 zog er für die CDU in den Bundestag ein. In seinem Wahlkreis rund um seinen Wohnort Rotenburg an der Wümme gab sich der zweifache Familienvater klassisch konservativ. In der CDU gehört er dem rechten Flügel an. Grindel kokettiert jedoch gern mit seiner Nähe zu Angela Merkel. Er duze die Kanzlerin, berichtet er, auch zu seiner Wahl zum DFB-Präsidenten habe sie ihm gratuliert – selbstverständlich per SMS. Eine Woche nach Amtsantritt weilte Grindel mit Bundestrainer Joachim Löw bei Merkel in Berlin.

Der CDU-Politiker gilt als geschickter Netzwerker

Er mag sich auch deshalb so stark auf seine Funktionärs-Karriere konzentriert haben, weil seine politische etwas ins Stocken geraten war. Seit 2013 gehörte er nicht mehr dem Innen-, sondern nur noch dem Sportausschuss an. Obwohl er gerne dessen Vorsitzender geworden wäre, reichte es nur zum Stellvertreter. Warum also nicht gleich zum DFB? 2013 wurde er auf Vorschlag des damaligen DFB-Präsidenten Theo Zwanziger Schatzmeister. Als sich nun der nächste Schritt bot, sei Grindel "aus dem Strahlen nicht mehr herausgekommen", sagt Parteifreund Wolfgang Bosbach, der mit Grindel lange im Innenausschuss saß. Die Krönung seiner Karriere. "Auch wenn wir uns privat getroffen haben, ging es sehr oft um Fußball", sagt Bosbach.

Grindel ist ein guter Redner. Gerade auf großen Podien klingt er sehr überzeugend, ohne sich dabei zu sehr auf eine Meinung festzulegen. Zudem beherrscht er es perfekt, die Leute für sich einzunehmen. Bei der Veranstaltung zur Übergabe des DFB-Pokals an die Stadt Berlin kurz vor dem Finale, zu der im Roten Rathaus auch viele Amateurvertreter geladen waren, schritt er zielsicher von Gesprächspartner zu Gesprächspartner. Eine lockere Anmerkung hier, eine kleine Anekdote da. Sein Lachen war deutlich zu hören. Da Grindel mit seiner Größe von 1,92 Meter kaum zu übersehen ist, zog er die Leute förmlich an. Ähnlich Mitte Mai beim Fifa-Kongress in Mexiko-City: Obwohl er erst zum zweiten Mal an einer großen Fifa-Sitzung teilnahm, schien er die anderen Delegierten gut zu kennen.

Überhaupt hatte sich Grindel beim DFB geschickt in Stellung gebracht. Als Schatzmeister hatte er Einblick in den entscheidenden Bereich: die Finanzen. Durch seine Arbeit im Präsidium wusste er, auf wen er sich nun verlassen kann. Seine engsten Vertrauten beim DFB sind Ralf Köttker und Friedrich Curtius. Beide wurden prompt befördert, der bisherige Präsidialbüro-Leiter Curtius ist nun Generalsekretär, der ehemalige Mediendirektor Köttker dessen Stellvertreter. Grindels Schachzüge nötigen auch der politischen Konkurrenz Respekt ab. Ein SPD-Politiker, der ihn gut kennt, sagt: "Er hat seit seiner Nominierung zum DFB-Präsidenten einfach keinen Fehler gemacht. Er hat auf seine Chance gewartet und sie genutzt."

Sein Bundestagsmandat wollte er zunächst behalten

Ganz aus der Politik zu scheiden, fiel ihm aber schwer. Sein Bundestagsmandat, das er gerade niedergelegt hat, wollte er eigentlich bis zum Ende der Legislaturperiode behalten, heißt es aus CDU-Kreisen. Dass er sich nun voll auf den DFB konzentriert, stellt Grindel als Beweis dafür dar, wie entschlossen er den neuen Posten angehen will. Das Gehalt spiele nur eine untergeordnete Rolle, sagt er. Grindel bekommt vom DFB eine Aufwandsentschädigung von 7200 Euro, darüber hinaus werden ihm vom Verband weitere 7200 Euro gezahlt, es ist der Ausgleich zum Gehalt als leitender ZDF-Redakteur. Der Sender hat ihn für sein Bundestagsmandat freigestellt.

Den Duktus eines Verbandschefs hat Grindel schon verinnerlicht. Wann immer er auftritt, gibt er sich sehr staatstragend. Als Abgeordneter war er seine Rivalen noch scharf angegangen. Er trat als Hardliner auf, etwa beim Thema Integration. "In Bundestagsdebatten ist er mit Rechtsaußen-Positionen aufgefallen", sagt der Grünen-Abgeordnete Mutlu. Grindel sah eher die Probleme der Zuwanderung. Positiv überrascht ist Mutlu nun, wie Grindel in neuer Funktion schnell deutliche Worte gegen Gaulands Nachbar-Äußerung fand.

Eine sportpolitische Offensive des DFB, wie sie einst Zwanziger etwa für mehr Gleichberechtigung vorantrieb, ist unter Grindel nicht zu erwarten. Gesellschaftspolitische Themen werden eine größere Rolle spielen als bei Vorgänger Niersbach. Doch Grindels größtes Ziel ist ein anderes: Er will die EM 2024 nach Deutschland holen. Und als Lehre aus der Sommermärchen-Affäre will er mehr Kontrolle und Transparenz beim DFB etablieren. Daran wird er kräftig arbeiten müssen – nach der EM.

Der Text erschien in der "Agenda" vom 7. Juni 2016, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

In einer früheren Version des Artikels stand: "Grindel bekommt vom DFB eine Aufwandsentschädigung von 7200 Euro, weitere 7200 Euro zahlt ihm das ZDF, es ist der Ausgleich zum Gehalt als leitender Redakteur, auf das er Anspruch hat, weil der Sender ihn für sein Bundestagsmandat freigestellt hat." Das ist falsch. Das ZDF zahlt Grindel keine Bezüge. Vielmehr zahlt ihm der Verband die weiteren 7200 Euro als Ausgleich zum Gehalt eines leitenden ZDF-Redakteurs.

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