Plagiate bei Politikern : Wer sind die Plagiatssucher?

Wenn sie aktiv werden, müssen Politiker zittern: „VroniPlag Wiki“ prüft auch Doktorarbeiten von Abgeordneten und Ministern. Wer steckt hinter der Plattform?

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Im Schatten. Auf "VroniPlag Wiki" sind 153 Dissertationen mit Plagiaten dokumentiert. 16 davon stammen von Politikern.
Im Schatten. Auf "VroniPlag Wiki" sind 153 Dissertationen mit Plagiaten dokumentiert. 16 davon stammen von Politikern.Foto: picture alliance / dpa

Politiker und ihre Plagiate: Das ist seit dem Fall Guttenberg eine Fortsetzungsgeschichte mit immer neuen Kapiteln. Der Ex-Verteidigungsminister und die ehemalige Wissenschaftsministerin Annette Schavan sind die prominentesten, die erst ihren Doktortitel und darüber auch ihr Amt verloren haben. Seit Kurzem steht nun Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Verdacht, bei ihrer medizinischen Doktorarbeit getäuscht zu haben.

Öffentlich macht den Fall Leyen die Internet-Plattform „VroniPlag Wiki“ – die schon Plagiate in den Arbeiten der FDP-Politiker Silvana Koch-Mehrin, Jorgo Chatzimarkakis und Margarita Mathiopoulos – allen wurden die Titel entzogen – dokumentierte und aus deren Mitte auch derjenige stammt, der die Plagiate Schavans als Erster publizierte. Die Aktivisten von „VroniPlag Wiki“ sind die bekanntesten unter den Plagiatssuchern. Sie bleiben aber geheimnisumwittert.

Denn welche Personen hinter der Plattform stecken, ist weit weniger klar als die Fälle, die sie aufspüren. Schon der Name des Portals lässt keinen Rückschluss auf die Mitwirkenden zu. Er wurde durch die erste dokumentierte Arbeit inspiriert. Das war im Jahr 2011 die der Stoiber-Tochter Veronica (Vroni) Saß, kurz nach dem Titelentzug von Karl-Theodor zu Guttenberg. Die zu den Prüfungen beitragen, machen das wie in vielen sozialen Netzwerken mit Usernamen, etwa „Klgn“, „Hindemith“, „Agrippina1“ oder „WiseWoman“.

Nur wenige sind mit Klarnamen bekannt

Nur von wenigen kennt man tatsächlich den Klarnamen. „WiseWoman“ etwa ist die Medieninformatik-Professorin Debora Weber-Wulff von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin, weitere Mitwirkende sind der Jura-Professor Gerhard Dannemann (Humboldt-Universität) und zwei Juristen aus Frankfurt am Main. Warum man größtenteils anonym bleibt? „Die Dokumentationen sollen für sich sprechen“, sagt Weber-Wulff. Sinn und Zweck eines Wikis sei ja nun mal, dass sich prinzipiell jeder beteiligen kann.

In der Praxis tragen derzeit zehn bis zwanzig Personen regelmäßig zu „VroniPlag Wiki“ bei. Diese arbeiten „ehrenamtlich und freiwillig“, wie Weber-Wulff sagt. Sie sichten Arbeiten, gleichen händisch Original und Quellen ab. Berühmt sind die „Strichcodes“, mit denen visualisiert wird, welche Teile einer Arbeit plagiiert sind. Die Dokumentationen sind umfangreich und akribisch. Das erkennt man sogar in Einrichtungen an, an denen Plagiate aufgespürt werden. „Zu hundert Prozent bestätigt“ hätten sie sich bisher, sagt Volker Bähr, Leiter der Geschäftsstelle Gute Wissenschaftliche Praxis der Charité, von der 34 Arbeiten beanstandet sind. Bähr hält die Arbeit der Plagiatssucher für legitim: „Wir dürfen den Boten nicht dafür strafen, dass er eine schlechte Nachricht überbringt.“ Auch Matthias Jaroch, Sprecher des Hochschulverbandes, sagt, dass die Plagiatssuche "natürlich legitim" sei: "Wissenschaftliches Arbeiten ist öffentlich. Die Überprüfbarkeit ist ja Kern der Wissenschaft." Er wünsche sich aber, die Vorwürfe würden "mit offenem Visier" gemacht.

Ist die Suche politisch motiviert?

Vor allem aus Union und FDP kommt der Vorwurf, die Plagiatssucher seien politisch motiviert. Auch Leyen insinuierte dies. Weber-Wulff ärgert das zutiefst: „Das stimmt einfach nicht.“ Es gehe um saubere Wissenschaft und nicht um Politiker. Überhaupt seien Arbeiten von Politikern viel seltener vertreten, als in der Öffentlichkeit suggeriert werde. Tatsächlich stammen von den auf „VroniPlag Wiki“ dokumentierten 153 Arbeiten nur 16 von Politikern, darunter weitgehend unbekannte Bürgermeister und Bezirksverordnete. Übrigens auch von der SPD und den Grünen. Allein 38 Arbeiten dagegen schrieben aktive Wissenschaftler, viele davon Professoren. „Das ist viel bedenklicher“, sagt Weber-Wulff.

Wie stößt „VroniPlag Wiki“ auf verdächtige Arbeiten? An die Plattform kann sich jeder wenden, auf der Seite finden sich entsprechende E-Mail-Adressen und Chat-Funktionen. Oft sind es Doktoranden, die bei Recherchen zu ihrer Arbeit zufällig auf merkwürdige Stellen anderswo stoßen. Bis zur Publikation eines Falles kann es Monate dauern; mindestens zwei Personen müssen eine Dokumentation nachvollziehen. Öffentlich werden nur die gemacht, die „substanziell“ sind, wie Weber-Wulff sagt. Manchmal diskutieren die Macher lange darüber.

Was motiviert "Robert Schmidt"?

Ein solcher Streitfall war unter den „VroniPlag Wiki“-Leuten zunächst auch die Promotion Annette Schavans (später, als noch mehr Verstöße offenbar wurden, änderte sich das). Derjenige, der die Dokumentation erarbeitet hatte, entschied sich daher, diese separat auf „Schavanplag“ zu veröffentlichen.

Bekannt geworden ist der Entdecker von Schavans Plagiaten unter dem Pseudonym „Robert Schmidt“ – bis heute ist seine wahre Identität ungeklärt. Später machte er vermeintliche Plagiate in der Dissertation von Bundestagspräsident Norbert Lammert publik. Dessen Uni in Bochum hielt die Vorwürfe aber nicht für gravierend genug, um ihm den Titel zu entziehen.

„Robert Schmidt“ gibt an, auch Leyens Arbeit aufgearbeitet zu haben. Mit Medien kommuniziert er selten, und wenn, dann per Fax oder per Mail. Dem Tagesspiegel hat er auf Anfrage nun geschrieben, er habe „bestimmt 300 Stunden“ mit Leyens Arbeit verbracht. Was ihn dazu veranlasste? Er habe vor längerer Zeit Dissertationen von Kabinettsmitgliedern eingescannt, schreibt „Schmidt“. Bei den meisten fand er keine gravierenden Verstöße. Leyens Arbeit sei die letzte gewesen: „Ich hätte sie auch löschen können, aber da ich mich noch nie mit einer medizinischen Arbeit befasst hatte, wollte ich einfach mal sehen, ob ich etwas finde.“

Was motiviert ihn? „Lust an der Detektivarbeit“, antwortet „Schmidt“. Und es gehe ihm darum, dass sich möglichst wenige Leute mit einem nicht redlich erworbenen akademischen Grad schmücken. Er bevorzuge Arbeiten von Prominenten, das gibt er zu. Nicht aber, weil er missliebige Personen quasi „erledigen“ will. Den Begriff „Plagiatsjäger“ lehnt er daher ab. Vielmehr sei der Vorteil bei Prominenten, dass Hochschulen sich „in irgendeiner Art öffentlich äußern müssen“. Die Qualitätssicherung der Unis müsse sich dringend ändern.

Manche handeln aus Geschäftsgründen

„VroniPlag Wiki“ handelt allem Anschein nach aus wissenschaftlichen Gründen. Für andere ist die Plagiatssuche auch ein Geschäft. Wie für den Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz. Der hat eine Plagiatssoftware entwickelt, die er Unis und dem Wissenschaftsministerium gegen Geld angeboten hat. Kamenz erregte später im „Focus“ mit Plagiatsvorwürfen gegen Außenminister Frank-Walter Steinmeier Aufsehen. Wieder anders war es bei dem ehemaligen niedersächsischen Kultusminister Bernd Althusmann, zu dessen Dissertation „Die Zeit“ Recherchen anstrengte. Steinmeier und Althusmann konnten ihre Titel behalten.

Aber wie steht es um das Öffentlichmachen der Anschuldigungen? Volker Bähr von der Charité wünscht sich, dass „VroniPlag Wiki“ Unis erst vertraulich informiert – um „möglicherweise ungerechtfertigte Beschädigungen des Rufes gering zu halten“. Erst wenn eine Uni ein Jahr lang nicht reagiere, sollte die Plattform den Vorgang öffentlich machen.

„Robert Schmidt“ hingegen findet es „fair“, die Beschuldigten nach sorgfältiger Prüfung zu nennen: „Sie haben bislang ja auch davon profitiert, Herr oder Frau Doktor zu sein.“

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