PR der Bundesregierung : Youtube-Star für drei Minuten

Die Bundesregierung stellt auf einem Youtube-Kanal ihre Minister vor – der Zugriff auf die Eigen-PR ist aber bescheiden. Ein Beitrag aus der neuen Tagesspiegel-Publikation "Agenda", die am Dienstag wieder erscheint.

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Die Bundesregierung und ihre Eigen-PR. Foto: Screenshot Tsp
Die Bundesregierung und ihre Eigen-PR.Foto: Screenshot Tsp

Manuela Schwesig, 39 Jahre alt, geboren in Frankfurt/Oder, fährt lieber an die Ostsee als an die Spree, möchte die Welt ein Stück besser machen, mag Rock und Klassik sowie Familienrituale, als da sind gemeinsames Frühstück und Abendbrot, danach mit dem Mann auf dem Sofa plaudern. Das erfährt man durch den Youtube-Kanal der Bundesregierung, auf dem sich seit wenigen Tagen, nach und nach, alle Minister in kurzen Videoclips vorstellen.

Drei Minuten sinniert die Ministerin über moderne Familienpolitik, Frauenförderung, richtig gute Feierabende und ihre Verbundenheit mit der Heimat Schwerin. Wer aber will wissen, dass Außenminister Frank-Walter Steinmeier, 58, geboren in Detmold, Fan der Rolling Stones und von Schalke 04 ist oder früher in der Studenten-WG außer Kochen gelernt hat, dass es „gemeinsam besser geht als alleine“?

Im Youtube-Kanal der Bundesregierung „sprechen die Bundeskanzlerin und die Mitglieder ihres Kabinetts über ihre politischen Ziele für die begonnene Legislaturperiode und beantworten persönliche Fragen zu Person und Amt“, erklärt das zuständige Bundespresseamt das Format. Die Antworten sollten deutlich machen: Politiker sei kein Beruf wie jeder andere. „Zugleich rufen sie in Erinnerung, dass auch Spitzenpolitiker Menschen mit regionalen Wurzeln, Familien und Hobbys sind.“ Das kann man transparent finden. Oder aber auch als Schaulaufen abtun, als vom Steuerzahler bezahlte Eigen-PR.

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"Agenda" - Das neue Journal für Politik
"Agenda" - Das neue Journal für Politik

„Das ist politische PR, unter Umgehung der journalistischen Gatekeeper“, sagt Joachim Trebbe, Experte für Medienanalyse und politische Kommunikation an der Freien Universität Berlin. Es ist allerdings auch: ein must-have, wie es auf Neudeutsch heißt. Bestimmte Zielgruppen gucken nur Youtube, nicht mehr lineares Fernsehen, geschweige denn „Bericht aus Berlin“. Woher sollen die Hermann Gröhe kennen, unseren Gesundheitsminister? Und da im Netz, anders als im Fernsehen, die Moderatoren fehlen, müssten sich die politischen Akteure auf diese Art und Weise bekannter machen. Auf Klick sozusagen.

Der Kanal kostet 305.000 Euro - aber die Klickzahlen sind bescheiden

Jedes Video des Formats „Das Kabinett stellt sich vor“ kostet circa 1600 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer, sagt ein Regierungssprecher. Die Serie besteht aus insgesamt 16 Videos, die von der Rahmenvertragsagentur des Bundespresseamtes produziert werden, das heißt mit Kamera und Schnitt. Die Youtube-Beiträge der Bundesregierung wenden sich an die gesamte Öffentlichkeit, stellen im Besonderen aber eine Möglichkeit dar, Nutzer der sozialen Netzwerke anzusprechen, heißt es lapidar beim Presseamt. Alle Kabinettsmitglieder hätten sich an der neuen Format-Idee „interessiert“ gezeigt. Und als Regierungssprecher Steffen Seibert vergangenen Donnerstag seinen Jahreshaushalt vor den dafür verantwortlichen Mitgliedern des Haushaltsausschusses im Bundestag verteidigte, da lobte er die neue Präsenz seiner Regierung in den höchsten Tönen: „Das wird in der Bevölkerung sehr gut angenommen.“

Davon allerdings waren dann die Haushälter noch nicht so ganz überzeugt – und verlangten prompt von Seibert, er solle doch mal konkret aufzeigen, was der ganze Youtube-Spaß kostet und wer sich das ansieht. Schließlich geben Steffen Seibert und seine Leute seit 2012 für Öffentlichkeitsarbeit jährlich 17 Millionen Euro aus. Für den Youtube-Channel sind 2013 rund 305.000 Euro aufgewendet worden. Für die Betreuung des neuen Kanals steht im Bundespresseamt eine Arbeitsgruppe von fünf Mitarbeitern bereit.

Minister-Spitzenreiter ist Frank-Walter Steinmeier mit rund 2400 Aufrufen

Den Anfang machte 2011 Angela Merkel. Das Zauberwort: Interaktivität. Nutzer konnten Fragen schriftlich oder als Video einreichen. Per Klick wurden die zehn beliebtesten Fragen bestimmt, die dann von Merkel in einem 20-minütigen Interview beantwortet werden. Laut Bundespresseamt hat der gesamte Youtube-Kanal der Bundesregierung bis heute fast 1,9 Millionen Aufrufe und mehr als 10.000 Abonnenten. Die Klickzahlen bei der Kabinettvorstellung sind allerdings noch überschaubar. Normalerweise, sagt Medienexperte Trebbe, generiere man mit solchen Online-Präsenzen größere Reichweiten. Die Kanzlerin schafft das manchmal mit ihren Videobotschaften. Minister-Spitzenreiter Steinmeier kommt beim Youtube-Kanal auf 2404 Abrufe (Stand: 7. April), Finanzminister Schäuble auf 1232, Justizminister Heiko Maas auf 1143, Gesundheitsminister Hermann Gröhe schafft es gerade mal auf 832. Ein Armin Rohde, Schauspieler, sammelt bei Twitter 23.000 Follower ein.

Die Bewertungen und Kommentare der User unter den Politiker-Clips sind überwiegend kritisch. Die Porträtierten seien „Technokraten, die sich als Menschen ausgeben“. Oder: „Ich würde mir wünschen, mit erfolgreichen Ergebnissen seiner (Steinmeiers) Arbeit würde PR betrieben werden. Das wäre bisher ein sehr kurzer Film.“ Oder gar, bei Hermann Gröhe: „Soll das ein Aprilscherz sein?“ Manche sagen auch: „Nette Idee.“

Zu Heiko Maas fällt einem User auf: „Die Krawatte sitzt schief!“: Ein anderer moniert: „Ich finde die Themen, die Herr Maas anspricht echt supi, sollte jetzt halt alles nur mal so durchgesetzt werden. Und hat der Kerl nicht auch irgendwas mit Verbraucherschutz zu tun? Dann sollte er mich mal vor der Zeitumstellung schützen! oder wessen Job ist das?“ Manuela Schwesig liegt bislang bei 1246 Abrufen. Die wissen jetzt, dass die Familienministerin kein früher Vogel, sondern eine Nachteule ist.

Der Text erscheint am Dienstag in "Agenda" - einer neuer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag in Sitzungswochen erscheint. "Agenda" bietet politischen Hintergrund aus dem Innenleben der Macht. Die aktuelle Ausgabe können Sie bereits am Montagabend im ePaper des Tagesspiegels lesen. Darin finden Sie Geschichten zum Einfluss von Anwaltskanzleien auf das Schreiben von Gesetzen, zur Frage, warum Hebammen eine einflussreiche Lobbygruppe sind und was es mit der Papierkneipe im Bundestag auf sich hat. Mehr Hintergründe zu Agenda finden Sie hier in einem Video.

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