Pressesprecher für die Regierung : Sprecher und Schweiger

Michael Schroeren diente den Umweltministern Jürgen Trittin, Sigmar Gabriel und Barbara Hendricks. Kaum zu glauben: Bald ist er weg.

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Schon immer da. Michael Schroeren sprach und spricht für drei Minister.
Schon immer da. Michael Schroeren sprach und spricht für drei Minister.Foto: Thomas Koehler/BMUB

Michael Schroeren ist die Ruhe selbst. Er sitzt in einem Restaurant nicht weit von seinem Arbeitsplatz am Potsdamer Platz und grinst, als er sich an seinen Einstieg ins Umweltministerium erinnert. „Als Jürgen Trittin und ich da ankamen, noch in Bonn, gehörte ein Computer noch nicht in allen Büros zur Standardausstattung“, berichtet er. Der bisher einzige Umweltminister der Grünen begann 1998 mit einer technischen Revolution im Ministerium, die aus dem Haus inzwischen eine Art Multimedia-Unternehmen in eigener Sache gemacht hat. Inzwischen bespielt das Haus mit Twitter und Facebook soziale Netzwerke und produziert Video-Statements, die es Journalisten zur Verfügung stellt.

Wenn er zum Ende der Legislaturperiode seinen Arbeitsplatz verlassen wird, wird er 15 Jahre als Sprecher dreier Umweltminister gedient haben. Das ist rekordverdächtig. Warum ihm das gelungen ist, hat Schroeren in seiner Abschiedsrede als Pressesprecher der grünen Bundestagsfraktion 2013 selbst erklärt. Vier Jahre lang hatte er sich im Umweltministerium beurlauben lassen, um für die grüne Fraktion zu sprechen. In seiner kleinen Berufsberatung für seinen Nachfolger Andreas Kappler sagte Schroeren: „Ein guter Pressesprecher muss sprechen können.“ Aha. „Er muss aber auch schweigen können.“ Darin ist er unübertroffen. Wer von ihm etwas wissen möchte, was er nicht sagen will, wird am Telefon freundlich und geduldig so lange eingelullt, bis er vergessen hat, was er eigentlich wollte. Oder informiert, dass er „ganz ehrlich“ dazu gerade nichts sagen könne oder wolle.

Michael Schroeren ist ein Sprecher – und ein Schweiger. Er könne das, „wenn ich umfassend informiert bin“. Pressesprecher, die immer nur so viel Information bekämen, wie sie „verkünden“ sollen, könnten Informationen nicht einordnen, und seien deshalb immer in Gefahr, einen „Schabowski-Moment“ zu erleben. Ihre Worte hätten Folgen, „unverzüglich“. Wer nicht genug wisse, könne im entscheidenden Moment nicht schweigen, sagte er. Dieser gute Rat war weniger an seinen Nachfolger als an die damals neue Fraktionsführung der Grünen, Katrin Göring- Eckardt und Anton Hofreiter, gerichtet.

"Die kämpfen bis zum Umfallen"

Als Schroeren im Umweltministerium anfing, war Jürgen Trittin nicht der einzige grüne Umweltminister in Europa. Damals bestand die Europäische Union noch aus 15 Mitgliedstaaten. Schroeren erzählt von seinem ersten Weltklimagipfel 2001 in Bonn. Der belgische Umweltminister Olivier Deleuze, ein Grüner, hatte den EU-Vorsitz. Jeden Abend hätten die Minister sich getroffen und ausgetauscht, was ihnen aufgefallen war. Gegen 23 Uhr habe er, Schroeren, sich mal hinlegen wollen. Als er gegen drei Uhr morgens in den Versammlungsraum zurückgekehrt sei, hätten die Minister auf dem Boden und in Sesseln geschlafen. Da habe er gedacht: „Die kämpfen ja wirklich bis zum Umfallen.“

Nachdem Rot-Grün die Wahl 2005 verloren hatte, beantragte Schroeren eine Versetzung. Dazu kam es nicht. „Zu meiner positiven Überraschung fragte mich Sigmar Gabriel, ob ich bleiben würde“, erzählt er und zieht die Brauen hoch. Er sieht immer noch verblüfft aus. Da Gabriel in Sachen Atom Trittins Politik fortgesetzt habe, „musste ich mich nicht verbiegen“. Sonst, sagt er, „hätte ich das nicht gemacht“. Das seien sehr lehrreiche Jahre gewesen, berichtet Schroeren. Umweltpolitik hatte in der ersten Regierung Merkel „einen hohen Stellenwert“. Das Ministerium habe in Gabriels Zeit „enorm an Bedeutung und Durchsetzungsvermögen zugelegt“, berichtet er.

Als Schwarz-Gelb an die Macht kam, ließ sich Schroeren beurlauben. Die Grünen waren ihm nicht fremd, schließlich sprach er wieder für Jürgen Trittin und Renate Künast, die die Fraktion führten. Außerdem hatte Schroeren von 1983 bis 1989 in den turbulenten Anfangsjahren der Grünen als Partei-Pressesprecher gearbeitet, bevor er zum Umweltverband Nabu ging, „wo ich mich wohlfühlte und nicht unbedingt wegwollte“.

Vom Zwang zur Vermarktung

Als er 2013 ins Ministerium zurückkehrte, war er 64 Jahre alt und rechnete damit, mit „irgendwas“ beschäftigt zu werden. Als ihn dann seine heutige Chefin Barbara Hendricks (SPD) fragte, ob er ihr Sprecher werden wolle, war er wieder verblüfft. Bis zum Ende der Legislaturperiode wird Schroeren tun, was er für zwei Minister vorher getan hat: Er spricht, er schweigt – und ist loyal. Kein Wichtigtuer, eher ein Handwerker. Das ist ihm wichtig.

Schroeren kennt noch die gemütliche Zeit in Bonn, als es einen ungeschriebenen Vertrag zwischen Politik und Presse gab. Über private Dinge wurde nicht berichtet. Der Umgang zwischen Sprechern und Presse war vertrauensvoll. „Unter 3“, also eine Hintergrundinformation, die nicht verwendet werden darf, war damals noch ein eisernes Gesetz. Mit der „verstärkten Konkurrenz“ in Berlin und der zunehmend schwierigen wirtschaftlichen Lage der Medienhäuser habe sich der Ton verändert, stellt Schroeren fest. Interviews litten zunehmend unter dem Zwang zur Vermarktung, bedauert er. „Die Vorabmeldung bestimmt das Interview“, sagt er. Einige Male habe er „Vorabmeldungen killen“ müssen, weil diese nach dem Motto „Sag’ mir im Interview, was du willst, ich schreibe in der Vorabmeldung, was ich gerne gehört hätte“ verfasst gewesen seien.

Die Praxis, Interviews zur Autorisierung noch einmal an die Urheber zurückzugeben, führt auf beiden Seiten zu Frust. Denn wer ein Interview zurückbekommt, das auf ein lebendiges Gespräch zurückgeht, und nach der Autorisierung nur noch inhaltsfreies, gestanztes Beamtendeutsch enthält, ist auch nicht glücklich.

Schroeren hat festgestellt, dass der Ton rauer geworden ist und es in Zeiten der Dauerpräsenz sozialer Medien auch kaum noch möglich ist, etwas lange geheim zu halten. Er freut sich schon auf seine Enkeltochter, die dann zwei Jahre alt sein wird, und für die er dann „endlich genug Zeit haben“ wird.

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