Start-up für Parteien : Die Wahlkämpfer der Zukunft

Auf der Suche nach dem Alleinstellungsmerkmal: Ein Berliner Start-up analysiert die Programme der Parteien – mathematisch.

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Die Idalab-Macher: Paul von Bünau (rechts) und Niels Reinhard.
Die Idalab-Macher: Paul von Bünau (rechts) und Niels Reinhard.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die politische Mitte sieht aus wie ein U. Linke und rechte Thesen einer Partei der Mitte stehen, wenn man sie grafisch in einem Koordinatensystem sichtbar macht, so nebeneinander, dass die linke und die rechte Seite des Profils gleich dicht sind. Das hat ein Computer herausgefunden, auf der Grundlage von Wahlprogrammen und häufig wiederholten Thesen der Parteien. Bei linken Parteien ist die linke Seite des Us stärker ausgeprägt, bei rechten Parteien die rechte. Mitten in der Mitte befinden sich die CDU, die FDP und die SPD. Der Rechner hat noch etwas ermittelt: Die AfD war in ihrer (vorläufigen) Programmatik keine extreme Partei; ihr Programm ähnelt grundsätzlich dem Profil der klassischen Volksparteien. So sehen es Informatiker und Mathematiker der Berliner Firma Idalab, die sich das Programm ausgedacht haben.

Paul von Bünau, Mathematiker, und Niels Reinhard, Betriebswirt und bei Idalab für die strategische Datenanalyse zuständig, verstehen sich als politische Menschen. Die Idee mit dem Computer-Tool zur Analyse politischer Programme kam ihnen beim Diskutieren über die AfD. Sie wollten sich die populistische Partei mit der Methode vornehmen, die sie am besten kennen: mit der mathematischen Analyse. Reinhard, 27 Jahre alt, sagt über den Ausgangspunkt der Diskussion, man habe über die AfD-Programmatik "wenig gelesen, aber schon eine Meinung". Das habe auch für die anderen Parteien zugetroffen.

Für Datenanalytiker lag der nächste Schritt ganz nah: ein "Hackathon", eine gemeinsame Soft- und Hardware-Entwicklung, um herauszufinden, welche Aussagekraft Parteiprogramme überhaupt haben – und was die AfD derzeit so anziehend für viele Leute macht. Bünau und Reinhard nutzten Datensätze des Wissenschaftszentrums. Die Daten gehören zum "Manifesto"-Projekt, für das Wissenschaftler politische Texte mit Kopf und Hand codiert, auf einem Links-Rechts-Schema eingeordnet und mit Daten über Einstellungen der Wähler verbunden haben.

Die SPD fällt auf, weil sie nicht mehr auffällt

Mindestens so interessant wie der Nachweis, wie breit die Mitte der politischen Landschaft geworden ist, sind Erkenntnisse zur SPD und zur AfD. Die SPD, das zeigt das Idalab-Tool, fällt dadurch auf, dass sie nicht mehr auffällt. Der Algorithmus erkenne bei der SPD "gar keine eindeutige Aussage", heißt es in dem Idalab-Papier. Bei der AfD hat der Rechner das genaue Gegenteil ermittelt: Sie fällt – anders als Linke, Grüne, SPD, CDU und FDP – durch "viele eigenständige Aussagen" auf.

Bei aller Neigung, sich bei anderen programmatisch zu bedienen, haben die AfD-Strategen also echte Alleinstellungsmerkmale entwickelt. Dazu gehören Forderungen wie "Schluss mit politischer Korrektheit", die Ablehnung von Minaretten oder, wenig erstaunlich, die Ablehnung eines "Flüchtlings-Solis". Die Idalab-Analytiker fassen zusammen: "Von diesen Aussagen mag man halten, was man möchte. Grundsätzlich existieren aber eigenständige Positionen – und dies ist bei anderen Parteien in unserem Modell nicht der Fall."

Bünau will die Untersuchung wiederholen, sobald das jüngst beschlossene AfD-Programm als Text zu bekommen ist. Tools wie das beschriebene, Untersuchungen großer Datenmengen und daraus abgeleitete Strategien, sind im deutschen Politikbetrieb eher selten. Paul von Bünau möchte das ändern. Denn Datenanalysen wie die zur AfD ermöglichen der Politik Schlüsse auf das, was den Leuten wichtig ist – und damit auf das, was sie zur Wahl motivieren könnte. Auch das hat die Strategen von Idalab gereizt.

Noch sei die Analyse großer Datenmengen vor allem wirtschaftlich von Bedeutung, für das Kreditscoring, also die Kreditwürdigkeit eines Kunden, und die Werbung zum Beispiel, sagt Bünau. "Wir wollen an Themen, die weich sind", sagt er, zum Beispiel die Vorhersage von Wahlergebnissen. 2012, so sagt Bünau, sei das in Zusammenarbeit mit dem Datendienstleister Init gelungen.

In den USA sind Wahlkämpfe auf der Basis von Daten normal

Amerikanische Wahlkämpfe werden seit vielen Jahren auf der Grundlage von Datenanalysen geführt. Gigantische Sammlungen mit detaillierten Daten über das Konsumverhalten und politische Vorlieben der Wähler, aber auch die Analyse sozialer Netzwerke wie Facebook, ermöglichen es den Parteistrategen vorauszusagen, wen sie wie mobilisieren müssen und können – und wen sie sicher auf ihrer Seite haben und also vernachlässigen können.

Noch gebe es in Deutschland "deutlich weniger Möglichkeiten", sagt Paul von Bünau. Das hängt mit dem Datenschutz zusammen und, so der Idalab-Manager, mit der Zurückhaltung der Deutschen, wenn man ihnen ein Produkt nahebringen wolle. In ein paar Jahren könne sich das ändern. Schon jetzt gebe es in großen Unternehmen die Methode, Mitarbeiter den Verlauf von Produktionsprozessen auf Gefühlsbasis einschätzen zu lassen. Wer weiß, scherzt Bünau, was herausgekommen wäre, wenn man 2012 die Erbauer des BER, einschließlich der Konstrukteure der Entrauchungsanlage, intern das Eröffnungsdatum hätte schätzen lassen.

Der Text erschien in der "Agenda" vom 10. Mai 2016, einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen.

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