Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung : Im Imagetief

Erst findet die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung keinen Direktor. Nun lähmen deutsch-polnische Misstöne die Arbeit. Dabei gäbe es angesichts der Flüchtlingskrise viel zu tun für die Historiker.

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Das Deutschland an der Stresemannstraße am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg wird derzeit renoviert.
Das Deutschland an der Stresemannstraße am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg wird derzeit renoviert.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Erst einmal hat wieder eine Findungskommission das Wort. Die Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sucht einen neuen Direktor – nun bereits den dritten, wenn man den zweiten nominierten und bereits verkündeten Amtsinhaber mitzählen will, der freilich einen Rückzug machte, noch ehe er seine Unterschrift unter den Vertrag gesetzt hatte.

Der Reihe nach. Die drei Namensbestandteile der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung sollen den mühsamen Weg andeuten, den es ab Winter 1944 bis zur Gegenwart zu gehen galt. Doch seit Längerem scheint eher das Personal der Stiftung auf der Flucht zu sein oder vertrieben zu werden, und die rettende Versöhnung kommt nicht in Sicht. Unlängst ist der designierte Direktor, Winfrid Halder, ins heimische Düsseldorf zurückgeeilt oder vielmehr dort geblieben, was insofern irritiert, als sein Name bereits offiziell verkündet worden war. Darauf ließ die federführende Beauftragte der Bundesregierung für Kunst und Medien (BKM), Monika Grütters (CDU), kleinlaut erklären, dass der eben noch gepriesene Halder "aus persönlichen Gründen nicht zur Verfügung" stünde.

Das ist nun schon Schnee von gestern beziehungsweise vom Vorjahr. Dass Halder auf eine Lebenszeitanstellung spekulierte, obwohl die Ausschreibung deutlich von einem Fünf-Jahres-Vertrag sprach, gehört zum Alltag von Anstellungsverhandlungen. Allerdings hat das Hickhack um Halder den unangenehmen Effekt, mögliche Interessenten für den Job abzuschrecken. Aus diesem Image-Tief muss  Grütters die Stiftung herauslotsen, und darum hat sie selbst den Vorsitz der fünfköpfigen Findungskommission übernommen, dem außerdem je ein/e Abgeordnete/r von CDU und SPD, ein katholischer Bischof, der Leiter des Hauses der Geschichte der Bundesrepublik in Bonn sowie der Vorsitzende des Bundes der Vertriebenen, der 1965 in Rumänien geborene CSU-Bundestagsabgeordnete Bernd Fabritius, angehören. Noch im Januar will die Ende 2015 konstituierte Kommission zusammenkommen, um erste Namen zu sichten. Eine Ausschreibung gibt es nicht. Eine derart sensible Position hofft Grütters durch vorsichtiges Sondieren und persönliche Ansprache besetzen zu können.

Das Personal der Stiftung selbst scheint zu flüchten

Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die Stiftung, die 2018 ihren Neubau im früheren Deutschlandhaus in Berlin eröffnen will. Gebaut wird jedenfalls fleißig, das Haus ist bereits entkernt, und nur die denkmalgeschützten Fassaden des Altbaus bleiben stehen.

Dass die Stiftung nicht längst arbeitsfähig ist, muss als verpasste Chance gesehen werden. Deutschland erlebt in ungeahnter Wucht, was Flucht und Vertreibung bedeuten. Nach den eigenen Erfahrungen der Jahre 1945ff., als um die zwölf Millionen Deutsche oder Deutschstämmige aus Mittel- und Osteuropa flüchten mussten, erlebt das Land nun die Erfahrung der von Krieg und Gewalt heimgesuchten Völker des nahen und mittleren Orients. Felix Ackermann, Dozent an der Europäischen Humanistischen Universität im heute litauischen Wilna, schrieb unlängst, das "Problem der Stiftung" sei, "dass sie als zentrale bundesdeutsche Institution den historischen Moment verschläft, das Thema Flucht und Vertreibung in der Gegenwart neu zu diskutieren". Ackermann verweist auf den Beginn der "größten Migrationswelle des neuen Jahrhunderts", der hierzulande kaum wahrgenommenen Flüchtlingsströme aus der umkämpften Ost-Ukraine teils Richtung Westen, teils nach Russland. Man kann den Faden weiterspinnen und den von dem amerikanischen Historiker Timothy Snyder geprägten Begriff der "Bloodlands" für jenes riesige Areal zwischen Polen, der Ukraine und Weißrussland, das seit Beginn des 20. Jahrhunderts von nahezu ununterbrochener Kriegsgewalt erschüttert und verwüstet wird, aufgreifen, um die Dimension der europäischen Flüchtlingsströme zu erfassen.

Dass überhaupt ein neuer Direktor berufen werden muss, liegt an dem noch größeren Streit um Gründungsdirektor Manfred Kittel. Der wurde Ende 2014 aus dem Amt vertrieben, nachdem eine von ihm zwar verantwortete, vom einflussreichen Wissenschaftlichen Beraterkreis immerhin abgesegnete Ausstellung über Vertreibungen in Europa erheblichen Unmut hervorgerufen hatte – berechtigten Unmut. Denn die von einer freischaffenden Ausstellungsfirma aus Griechenland erarbeitete Wanderausstellung unter dem Titel "Gewaltmigration erinnern" ging am zentralen Anliegen der Stiftung, die Vertreibung der Deutschen im europäischen Kontext zu zeigen, glatt vorbei.

Polnische Wissenschaftler drängen sich nicht auf

Die merkwürdige Fremdausstellung brachte ein Fass zum Überlaufen, das schon seit Längerem randvoll gefüllt war. Manfred Kittel wurde zum entscheidenden Fallstrick, dass er in der Darstellung der Vertreibung der Deutschen "den" Hauptakzent seiner Arbeit sehen wollte, wo doch das Grundsatzpapier dafür nur "einen" Hauptakzent zulässt. Der Kernsatz des Grundsatzpapiers lässt erkennen, wie da um jedes Jota gerungen wurde. Die Stiftung solle "im Geiste der Versöhnung die Erinnerung und das Gedenken an Flucht und Vertreibung im 20. Jahrhundert im Kontext des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Expansions- und Vernichtungspolitik und ihren Folgen wachhalten". Es geht, anders ausgedrückt, um die Deutungshoheit der Geschichte.

Da dem Bundestag, der die Stiftung 2008 begründete, wichtig war, durch die Mitarbeit zweier polnischer Historiker gewissermaßen den Segen des Nachbarn zu erlangen, stand die fragile Balance im Beraterkreis stets im Fokus der Politik. Der Vorgänger von Monika Grütters, Bernd Neumann – übrigens im westpreußischen Elbing geboren –, hatte große Mühe, Polen zur Mitarbeit im 15-köpfigen Beraterkreis zu bewegen, besaß aber in dem früheren Außenminister Wladyslaw Bartoszewski einen geneigten Ansprechpartner. Dass Bartoszewski in seiner Rede vor dem Deutschen Bundestag zum 50. Jahrestag des Kriegsendes 1995 sagte, "Wir beklagen das individuelle Schicksal und die Leiden von unschuldigen Deutschen, die von den Kriegsfolgen betroffen wurden und ihre Heimat verloren haben", hatte die Akzeptanz des ursprünglich vom Bund der Vertriebenen angestoßenen Vorhabens beiderseits von Oder und Neiße merklich befördert.

Grütters hat nun erst einmal Uwe Neumärker, den Direktor der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, zum kommissarischen Leiter der Vertreibungs-Stiftung bestellt. Unterdessen ist das Problem hinzugekommen, wie sich nach der Installierung der neuen, nationalpolnischen Regierung Beiratsaspiranten in Polen finden lassen. Den Vorwurf, "Verräter der nationalen Sache Polens" zu sein, mussten sich schon die zurückgetretenen Vorgänger anhören. "Man wird damit rechnen müssen, dass die polnischen Wissenschaftler nicht Schlange stehen", bemerkte dazu ein Sprecher Grütters' trocken. Bartoszewski, der jahrzehntelange Vermittler, ist im April gestorben.

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