Urwahl der Grünen-Spitzenkandidaten : Jetzt – oder nie mehr

Am Mittwoch steht fest, ob Cem Özdemir Spitzenkandidat der Grünen wird. Andernfalls wird er wohl als Parteichef abdanken.

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Grünen-Parteichef Özdemir: "Ich weiß, wie man hart verhandelt"
Grünen-Parteichef Özdemir: "Ich weiß, wie man hart verhandelt"Foto: Getty Images/Carsten Koall

Er kann scheitern, und das weiß er auch. Manchmal lässt Cem Özdemir diesen Gedanken zu. So wie an diesem Nachmittag im Herbst. Der Parteichef sitzt in seinem Büro in der Bundesgeschäftsstelle der Grünen, er hat sich Zeit für ein Gespräch über seine Bewerbung als Spitzenkandidat genommen.

Herr Özdemir, was würden Sie machen, wenn es nicht klappt?

Er muss nicht lange nachdenken, der Gedanke scheint ihm keinen Schrecken einzujagen. „Es war mir immer wichtig, dass ich meine Brötchen auch außerhalb der Politik verdienen kann. Ich mache das hier mit Leidenschaft, aber es gibt auch anderes“, sagt er.

Natürlich will er die Urwahl gewinnen. Und er glaubt auch fest daran, dass er sich gegen seine Konkurrenten durchsetzen kann. Aber der 51-Jährige weiß auch, wie sich Niederlagen anfühlen. 2002 endete seine politische Karriere schon einmal, wegen eines umstrittenen Privatkredits und weil er dienstlich erworbene Bonusmeilen für Privatflüge genutzt hatte. Damals verzichtete er auf den erneuten Einzug in den Bundestag. Er zog sich eine Zeit lang aus der Öffentlichkeit zurück, ging in die USA. Über das Europaparlament gelang ihm später das Comeback in die Bundespolitik.

Özdemir will es sich selbst und seiner Partei noch einmal beweisen

Nun will er es sich selbst und seiner Partei noch einmal beweisen. Ob sein Plan aufgegangen ist, wird sich an diesem Mittwoch entscheiden. Morgens um kurz vor zehn wird Özdemir einen Anruf von Bundesgeschäftsführer Michael Kellner erhalten, dem Herrn über das Urwahlverfahren. Kellner wird ihm und seinen beiden Mitbewerbern mitteilen, wer bei den 60 000 Grünen-Mitgliedern das Rennen gemacht hat. Dann wird feststehen, ob Özdemir Spitzenkandidat wird oder ob er von einem seiner Kontrahenten abgehängt wurde. Ob er den ersten Zugriff auf ein Ministeramt hätte, sollten die Grünen ab Herbst 2017 mitregieren. Oder ob er nach neun Jahren als Parteichef nach der Bundestagswahl vermutlich abdanken wird.

Cem Özdemir ist einer der drei Männer, die bei den Grünen um einen Platz im Spitzenduo kämpfen. Seine Konkurrenten sind Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter und der schleswig-holsteinische Vize-Ministerpräsident Robert Habeck. Özdemir ist der Bekannteste von den dreien. In den Politikerrankings landet er inzwischen auf den vorderen Plätzen. Aber das heißt noch lange nicht, dass die Grünen-Basis ihn deswegen auch gewählt hat.

Lange wurde Özdemir in der Partei nicht richtig ernst genommen. Als vor der letzten Bundestagswahl die Urwahl näher rückte, standen selbst seine Flügelleute, die Realos, nicht wirklich hinter ihm. Der Parteilinke und damalige Fraktionschef Jürgen Trittin war die unangefochtene Nummer eins. Weil er sich gegen ihn damals keine Chancen ausrechnete, trat Özdemir gar nicht erst an.

Dieses Mal ging er als Favorit in die Urwahl. Vieles spricht für Özdemir. 2016 war sein Jahr. Seine persönliche Geschichte passt perfekt in die Zeit: Als Kind türkischer Gastarbeiter, aufgewachsen im schwäbischen Bad Urach, kann Özdemir glaubwürdig darüber reden, wie Integration funktioniert. Er ist regelmäßiger Gast in den Talkshows, als Experte für Außenpolitik oder für die Türkei. Beim Wirtschaftsempfang kann er genauso punkten wie beim Hanfverband.

Özdemir war es auch, der die Armenien-Resolution im Bundestag angestoßen hat, in der erstmals der Völkermord beim Namen genannt wurde. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan beschimpfte ihn daraufhin als Türken, dessen Blut „verdorben“ sei. Dass Özdemir sich so hartnäckig mit Erdogan anlegt, hat nicht nur sein Ansehen bei den Grünen gestärkt, sondern in der Gesellschaft insgesamt. Seitdem sind aber auch die Drohungen gegen ihn wieder massiver geworden. Özdemir erhält seit Monaten Personenschutz vom Bundeskriminalamt. Wenn er zu öffentlichen Auftritten fährt, warten dort die schwarz gekleideten Herren mit dem Knopf im Ohr auf ihn. Morddrohungen kennt er schon von früher, aber damals war er noch Junggeselle, heute hat er Frau und zwei Kinder. In Kreuzberg, wo er mit seiner Familie lebt, wird er jetzt öfter auf der Straße angepöbelt.

In die Türkei ist er schon länger nicht mehr gereist. Und mit Verwandten, die dort leben, redet er am Telefon nicht über Politik, sondern über Belanglosigkeiten – aus Sorge, dass sie in der aktuellen Hexenjagd-Stimmung unter Druck geraten könnten. Der Preis, den auch seine Eltern für das politische Engagement ihres Sohnes zahlen mussten, war hoch. Als Özdemir 1994 als erster türkischstämmiger Abgeordneter in den Bundestag kam, flogen ihm die Sympathien aus der türkischen Community zu. Doch das änderte sich, als er sich kritisch zur Kurdenpolitik äußerte oder zum Umgang mit religiösen Minderheiten. Die „Hürriyet“ nahm Özdemir damals unter Beschuss. Also die Zeitung, welche die Kollegen seines Vaters in der Fabrik lasen. „Meine Eltern haben durchaus Freunde und Bekannte verloren“, erzählt Özdemir.

Das Verhältnis zwischen Özdemir und seiner Partei war nie ganz einfach. In den 90er Jahren gehörte er als junger Bundestagsabgeordneter zur Pizza Connection, einem Treff von CDU- und Grünen-Politikern. Seitdem stand er unter Verdacht, für eine Regierung mit den Schwarzen grüne Ideale aufzugeben. Bis heute ist dieses Misstrauen bei einem Teil seiner Parteifreunde vorhanden.

"Ich weiß, wie man hart verhandelt"

Özdemir kennt dieses Misstrauen. Darauf angesprochen zuckt er mit den Schultern. „Ich weiß, wie man hart verhandelt“, sagt er. Das habe er in der Armenier-Frage gezeigt. Mehrfach standen bei dem heiklen Thema die Verhandlungen kurz vor dem Scheitern. Doch am Ende stand eine Resolution, der alle Fraktionen im Bundestag zustimmten, von der Union bis zur Linkspartei. Özdemir ist sich sicher, dass er Koalitionsverhandlungen genauso hartnäckig führen könnte.

Die Ironie ist ja, dass Özdemir persönlich fast schon dem Klischee des Vorzeige-Grünen entspricht. Als Jugendlicher wurde er zum Vegetarier. Er verweigerte den Kriegsdienst. Und in der Bundesgeschäftsstelle hat er dafür gesorgt, dass es als Betriebssport Yoga gibt.

Doch in den letzten Jahren hat sich auch etwas verändert zwischen Özdemir und seiner Partei. Seit sein Rivale Jürgen Trittin sich in die zweite Reihe zurückzog, wirkt Özdemir wie befreit. Anfangs regten sich Parteifreunde noch auf, als Özdemir provozierte, die islamistische Terrormiliz IS könne man nicht „mit der Yogamatte“ unterm Arm besiegen. Mittlerweile erhält er mehr Akzeptanz dafür, dass er sich – abweichend von der mehrheitlichen Parteilinie – für Waffenlieferungen an die Kurden im Nordirak einsetzte. Wohl auch, weil er bereit ist, für seine Position zu kämpfen.

Die Parteitagsdelegierten lieben ihn außerdem für mitreißende Auftritte. So wie neulich in Münster, als er die Einladung von Daimler-Chef Dieter Zetsche mit Herzblut verteidigte. Während sein Landesverband ihm früher einen sicheren Listenplatz für den Bundestag verweigerte, erhielt er bei seiner Wiederwahl als Parteichef vor gut einem Jahr mit 78 Prozent ein respektables Ergebnis.

Özdemir hat es sich zum Projekt gemacht, den Eindruck von den Grünen zu korrigieren, der bei der letzten Bundestagswahl hängen geblieben ist. In der Steuerpolitik ist die Partei deutlich zurückhaltender geworden, auch wenn er die symbolträchtige Forderung nach einer Vermögensteuer nicht verhindern konnte. Özdemir hat in den vergangenen Jahren intensive Kontakte zur Wirtschaft geknüpft und einen eigenen Beraterkreis eingerichtet. Auf Parteitagen hält er Reden, die sich nicht nur an die eigenen Mitglieder richten. Etwa, wenn er einen modernen Islam einfordert. „Wenn man mehr als 8,4 Prozent erreichen will, muss man die gesamte Gesellschaft adressieren. Und das tut man aus meiner Sicht, indem man seine Werte und Ziele klar zum Ausdruck bringt und sich bei den Wegen dahin auch mal kompromissbereit zeigt“, sagt Özdemir. Ob die Partei ihn machen lässt, wird er am Mittwoch erfahren

Der Text erschien in der "Agenda" vom 17. Januar 2017 - einer Publikation des Tagesspiegels, die jeden Dienstag erscheint. Die aktuelle Ausgabe können Sie im E-Paper des Tagesspiegels lesen..

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