Arztbrief : Harnblasenkrebs

Unser Experte Mario Zacharias ist Chefarzt der Klinik für Urologie im Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum in Berlin-Schöneberg. Die Klinik ist das von den niedergelassenen Urologen Berlins für die stationäre Behandlung eines Prostatakrebses am häufigsten empfohlene Krankenhaus (Ärzteumfrage 2015 von Tagesspiegel und Gesundheitsstadt Berlin).

Gwendolin Gurr

ERKLÄRUNG Die Harnblase ist ein mit Muskulatur ausgekleidetes Organ, in dem sich der Urin sammelt und bis zur Entleerung gespeichert wird. Der Urin wird von den Nieren produziert, die den Körper entgiften. Abfallprodukte wie etwa Ammoniak aus dem Stoffwechsel oder Spurenreste von Medikamenten sind im Urin enthalten. Ein Tumor kann in der Schleimhaut entstehen, die die Harnblase auskleidet. Harnblasenkrebs kann nicht nur das Wasserlassen erheblich beeinträchtigen - die Erkrankung kann im schlimmsten Fall auch tödlich verlaufen.

In Deutschland erkranken derzeit jährlich rund 28 000 Menschen an Harnblasenkrebs. Experten beobachten jedoch seit einiger Zeit, dass die Anzahl der Krankheitsfälle stetig zunimmt. Vor allem Männer sind von diesem Krebs betroffen. So schätzt Mario Zacharias, Chefarzt der Klinik für Urologie am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum, dass bis zu 80 Prozent der Patienten männlich sind. Jährlich sterben hierzulande rund 7000 Menschen an der Krankheit. Für rund die Hälfte der Fälle wird Ta-bakkonsum verantwortlich gemacht.

Die Nieren filtern das Blut und produzieren den Urin, mit dem Abfallprodukte aus dem Körper ausgeschieden werden. Der Urin sammelt sich in der Harnblase (1), bevor sich diese über die Harnröhre (2) entleert. Zwei Schließmuskel (3) verhindern, dass dies unkontrolliert geschieht. Unterhalb der Harnblase liegt bei Männern die Prostata (4), die auch einen Teil der Harnröhre umschließt. Die Harnblase ist mit einer Schleimhaut ausgekleidet, Urothel (5) genannt. Rund 90 Prozent der Harnblasenkarzinome entstehen hier.
Die Nieren filtern das Blut und produzieren den Urin, mit dem Abfallprodukte aus dem Körper ausgeschieden werden. Der Urin sammelt...Grafik: Fabian Bartel

SYMPTOME Schmerzen, etwa im Bauchraum oder in den Knochen, treten bei Blasenkrebs erst im fortgeschrittenen Stadium auf. „Blut im Urin ist das erste charakteristische Symptom des Harnblasenkrebs“, sagt Zacharias. Auch häufiger Harndrang und Schmerzen beim Wasserlassen könnten auf ein Karzinom hindeuten. Als Warnsignal bei älteren Menschen gilt eine chronische Harnblasenentzündung.

URSACHEN Für 25 bis 50 Prozent aller Krankheitsfälle wird Tabakkonsum verantwortlich gemacht. Die Giftstoffe sammeln sich in der Blase und wirken langfristig auf sie ein. „Auch Schmerzmittelmissbrauch und chronische Entzündungen der Harnblase können den Tumor hervorrufen“, sagt Zacharias. „Andere Auslöser können bestimmte Chemikalien sein, mit denen der Patient zum Beispiel an seinem Arbeitsplatz häufig in Kontakt ist.“ So gelten zum Beispiel aromatische Armine - organische Stickstoffverbindungen - als krebserregend und werden mit der Entstehung von Harnblasenkrebs in Verbindung gebracht. Bei einem Arbeiter in der Textil-, Farb- oder Chemieindustrie, der langjährig im Kontakt mit einer oder mehreren schädlichen Substanzen war, gilt ein Harnblasenkarzinom daher als Berufserkrankung. Allerdings entsteht der Krebs meist über einen längeren Zeitraum. Ein geschwächtes Immunsystem kann Harnblasenkrebs ebenfalls begünstigen. Auch Menschen, die dauerhaft einen Harnkatheter tragen müssen, haben ein höheres Risiko, an einer bösartigen Geschwulst in der Blase zu erkranken. Harnblasenkrebs kann auch genetisch bedingt auftreten.

DIAGNOSE Um den Tumor zu diagnostizieren, nimmt der Arzt zunächst eine Urinprobe und testet sie auf enthaltenes Blut. Mithilfe einer Ultraschalluntersuchung wird die Blase nach Gerinnseln und Geschwulsten durchsucht. Bei einer Blasenspiegelung über die Harnröhre werden der Blasenschleimhaut Gewebeproben entnommen. „Kann ein Tumor identifiziert werden, wird er mit einer elektronischen Schlinge, die über einen Schlauch durch die Harnröhre eingeführt wird, abgetragen, sozusagen abgehobelt“, sagt Zacharias. Der Histopathologe untersucht die Probe anschließend im Labor und bestimmt, wie tief und schädlich der Tumor ist. Diese Methode des Abhobelns ist sowohl diagnostisch als auch bereits therapeutisch. Denn der Tumor kann in einigen Fällen bereits vollständig abgetragen werden.

THERAPIE Bei rund 80 Prozent der Patienten hat der Tumor zum Zeitpunkt der Diagnose noch nicht von der Schleimhaut, die die Blase auskleidet, auf die darunter liegende Blasenmuskulatur übergegriffen. „Ist der Tumor oberflächlich, lässt er sich abtragen und durch die Harnröhre entfernen“, sagt Chefarzt Zacharias. Der dazu nötige Krankenhausaufenthalt dauert in der Regel zwischen zwei und drei Tagen. Befürchtet der Arzt, dass der Tumor nach dem Eingriff zurückkehrt, empfiehlt er eine anschließende lokale Chemotherapie. Hatte ein Patient bereits mehrfach Harnblasenkrebs, kann eine Immuntherapie verhindern, dass neue Tumore wachsen. Bis zu drei Jahre lang werden Medikamente in die Blase gespritzt, um das Abwehrsystem zu stärken.

In etwa zehn Prozent der Fälle reicht das nicht. „Hat der Tumor bereits die Muskulatur unter der Schleimhaut befallen, muss die Harnblase vollständig oder teilweise entfernt werden“, sagt der Experte für Harnblasenkrebs. Für Patienten mit diesem sogenannten muskelinvasiven Karzinom muss dann anschließend eine neue Blase geformt werden. „Die Art und Weise der neuen Blase sollte individuell auf den Patienten zugeschnitten sein“, sagt Zacharias. Oft verwenden Chirurgen dafür ein Stück des Darmes, das umgeformt und an die Harnröhre angeschlossen wird. Zusätzlich werden die umliegenden Lymphknoten entfernt, über die sich der Krebs weiter ausbreiten könnte.

Neben Harnblase und Lymphknoten müssen auch umliegende Organe entnommen werden. Bei Männern muss der Operateur zusätzlich Prostata und Samenblasen herausnehmen, bei Frauen die Gebärmutter, beide Eierstöcke und Eileiter sowie einen Teil der Scheidenwand. Sowohl bei Männern als auch bei Frauen führt dieser Eingriff daher zur Unfruchtbarkeit.

Ist auch bereits die Harnröhre betroffen, muss diese ebenfalls entfernt werden. Dann ist es möglich, einen künstlichen Harnausgang direkt über den Bauchnabel zu legen. Mit einem solchen Ausgang müsse der Patient jedoch erst lernen zu leben, sagt Zacharias. Eine mögliche Alternative sei die Ableitung des Urins über den Darm. Zacharias empfiehlt Patienten deshalb, gemeinsam mit den niedergelassenen Urologen und Angehörigen zu entscheiden, welche Lösung in ihrem individuellen Fall die beste ist.

Wenn sich bereits Metastasen, also Tochtergeschwulste, in Lunge, Leber oder den Knochen gebildet haben, ist der Krebs nicht mehr heilbar. Dann ginge es bei der Behandlung vor allem darum, die Krankheit zu bekämpfen, ihre Entwicklung zu verzögern und so den Betroffenen eine möglichst lange Überlebenszeit verschaffen, sagt Chefarzt Zacharias.

Ist der Krebs erfolgreich entfernt, ist damit aber die Gefahr nicht endgültig gebannt. „Harnblasenkrebs neigt dazu, zurückzukehren“, sagt der Experte. „Um einen neuen Tumor rechtzeitig zu erkennen, sind regelmäßige Kontrolluntersuchungen nötig.“Dabei werden regelmäßig Blasenspiegelungen durchgeführt. Wie häufig nachkontrolliert werden sollte, hängt von der Ausbreitung des Tumors und der Art der Behandlung ab. Zudem kann nach einer Blasenentfernung ein Aufenthalt in einer auf Blasenkrebs spezialisierten Nachsorgeklinik hilfreich sein.

Um der Krankheit vorzubeugen, gebe es keine festen Regeln. In jedem Fall mindere man das Risiko, wenn man das Rauchen einstelle. Außerdem empfiehlt der Urologe, viel zu trinken und den Urin nicht zu lange in der Blase stehen zu lassen. „Ab und zu Cranberrysaft trinken kann helfen, die Blase zu reinigen“, rät der Arzt. Verhindern könne dies die Entwicklung von Harnblasenkrebs aber nicht.

Bisher leiden im Vergleich zu anderen Krebserkrankungen eher wenige Menschen an Harnblasenkrebs. Deshalb habe sich noch keine Vorsorgemethode wie etwa bei anderen Krebserkrankungen durchgesetzt. Eine Blasenspiegelung sei erstens sehr unangenehm für den Patienten und zweitens zu aufwendig, um sie bei allen Menschen in regelmäßigen Abständen präventiv durchzuführen, so Zacharias.

Die Redaktion des Magazins "Tagesspiegel Kliniken Berlin 2016" hat die Berliner Kliniken, die diese Erkrankung behandeln, verglichen. Dazu wurden die Behandlungszahlen, die Krankenhausempfehlungen der ambulanten Ärzte und die Patientenzufriedenheit in übersichtlichen Tabellen zusammengestellt, um den Patienten die Klinikwahl zu erleichtern. Das Magazin kostet 12,80 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel Shop.

Klick ins Heft

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben