Arztbrief : Hodenkrebs

Unser Experte Kurt Miller ist Direktor der Klinik für Urologie an der Charité.

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Hoden sind die männlichen Keimdrüsen, in denen die Samenzellen gebildet werden. Am aktivsten sind die Erbgutträger am Anfang des dritten Lebensjahrzehntes. Voll ausgereift produzieren die Hoden pro Sekunde etwa 2500 Spermien. Nach dem 33. Lebensjahr nimmt die Spermienproduktion wieder ab. Außerdem erzeugen die Hoden das Testosteron. Dieses Hormon steuert wiederum den spezifisch männlichen Stoffwechsel in der Pubertät - also Bartwuchs, Muskelverteilung und Stimmlage - und das geschlechtsspezifische Sozialverhalten. Bösartige Tumore an den Hoden sind die häufigste Krebserkrankung bei Männern zwischen dem 15. und 35. Lebensjahr. Bundesweit erkranken jährlich etwa 4800 Männer an solch einem Karzinom.

Grafik: Fabian Bartel

Symptome: Hoden sind an ihrer Oberfläche glatt, geben bei leichtem Druck nach und rutschen aus den Fingern. »Männer zwischen dem 15. und 40. Lebensjahr sollten mindestens einmal jährlich ihre Hoden gründlich abtasten, um Veränderungen früh zu erkennen«, rät Kurt Miller, Chefarzt der Klinik für Urologie an der Charité. Am besten geht das in einer entspannten Körperposition, zum Beispiel unter der Dusche oder in der Badewanne. Ertastet man harte Knoten an den Hoden oder stellt eine Schwellung fest, die auch nach Tagen nicht abklingt, sollten die Betroffenen einen Urologen aufsuchen, denn dann könnte dahinter ein Tumor stecken. Zudem kann sich der Hodensack ungewohnt schwer anfühlen. Selten mischt sich ein ziehender Schmerz darunter. In einem späteren Krankheitsstadium können Schmerzen, die bis in den Rücken ausstrahlen, auftreten oder eine schmerzende, vergrößerte Brustdrüse.

Ursachen: Mediziner haben Risikofaktoren entdeckt. Die Erkrankung kann genetisch veranlagt sein. Daher haben Männer, deren Väter oder Brüder an Hodenkrebs litten, ein zum Teil stark erhöhtes Erkrankungsrisiko. »Auch wenn der Mann im Kindesalter unter einem Hodenhochstand litt, kann die einen späteren Hodenkrebs begünstigen«, sagt Kurt Miller. Bei dieser Erkrankung sind die Hoden nicht wie bei gesunden Kindern im Laufe der Embryonalentwicklung aus der Bauchhöhle in den Hodensack gewandert. Experten vermuten, dass ein Zusammenhang zwischen einer höheren Temperatur der Hoden und der Tumorbildung besteht. Das wäre bei Hodenhochständen der Fall.

Diagnostik: Bei einem Verdacht auf Hodenkrebs befragen Urologen die Patienten zunächst nach ihrer Krankengeschichte. Anschließend tasten sie beide Hoden ab. Erhärtet sich der Anfangsverdacht, folgen weitere Untersuchungen wie Ultraschall, Magnetresonanztomografie (MRT) und Blutuntersuchungen. Um einen Befund abzusichern, müssen Ärzte in einem operativen Eingriff Hodengewebe entnehmen. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Schnellschnitt - schnell deshalb, weil ein Pathologe das entnommene Gewebe sofort unter dem Mikroskop untersucht, noch während die Operation am Hoden läuft.

Therapie: Je früher ein Hodenkrebs erkannt wird, desto besser können die Ärzte ihn therapieren. Die Heilungschancen stehen gut: Insgesamt können über 90 Prozent aller Erkrankungen geheilt werden. Dazu muss der erkrankte Hoden meist operativ entfernt werden - durch einen Schnitt in der Leistengegend.
Besitzt ein Betroffener bereits nur noch einen Hoden, führen Mediziner unter Umständen hodenerhaltende Eingriffe durch. Dann entfernen Ärzte nur das vom Tumor betroffene Areal und versuchen, den Rest der Keimdrüse zu erhalten. Allerdings müssen die Hoden dann zur Sicherheit bestrahlt werden. Dies kann die Zeugungsfähigkeit unwiederbringlich zerstören.
Viele Betroffene fürchten psychische Probleme, dass sie durch die Komplettentfernung quasi am Zentrum ihrer Männlichkeit beschnitten werden. Doch die Experten erwarten dadurch keine langfristigen emotionalen Belastungen. »Junge Männer können damit umgehen«, sagt Urologie-Chefarzt Miller. Denn der verbleibende Hoden produziere in der Regel eine ausreichende Menge an Testosteron. Dadurch sei ein normales Sexualleben möglich. In dem seltenen Fall, dass die Ärzte beide Hoden entfernen, erhalten die Betroffenen Hormonpräparate.

Für den oder die verlorenen Hoden gibt es einen Ersatz, der meist aus Silikon besteht. Allerdings kann dieser nicht immer direkt nach der Entfernung des Hodens eingesetzt werden, sodass dafür eine zweite OP notwendig wird.

Wichtig: Selbst wenn Betroffene bis kurz vor dem Eingriff noch nicht über Kinder nachgedacht haben, sollten sie eine mögliche Familienplanung nicht ausschließen. Denn wie bereits erwähnt, kann der Eingriff auch zur Unfruchtbarkeit führen. Dann empfehlen Mediziner, Spermien einzufrieren und auf einer Samenbank einzulagern. Dann werden die Keimzellen etwa zehn Jahre lang bei minus 80 Grad aufbewahrt.

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