Arztbrief : Hodenschmerzen

Unser Experte Götz Geiges ist niedergelassener Urologe in Berlin-Charlottenburg.

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Die Hoden sind die männlichen Keimdrüsen, das bedeutet, hier werden die Spermien produziert - und in den Nebenhoden bis zur Reifung gelagert. Die Entwicklung der Spermien in den Samenkanälchen innerhalb der Hoden dauert beim Menschen 64 Tage, anschließend reifen die Samenzellen in den Nebenhoden weitere acht bis 17 Tage. Außerdem wird in den Keimdrüsen auch der allergrößte Teil des männlichen Sexualhormons Testosteron gebildet.

Grafik: Fabian Bartel

Erklärung: Der Aufbau der Keimdrüsen macht sie anfällig für Funktionsstörungen. Im Hodensack befindet sich neben den Hodenhüllen ein dichtes Geflecht von Nerven, Muskeln, dem Samenstrang und zahlreichen Blutgefäßen. Diese sind so angeordnet, dass sie eine möglichst große Kontaktfläche zum Hoden haben, denn deren Aufgabe ist nicht nur die Nährstoffversorgung des Hodengewebes, sondern auch dessen Kühlung. Denn nur wenn die Temperatur einige Grad unterhalb der im Körper liegt, können die Samenzellen heranwachsen. Diese anatomische Anordnung der Gefäße mit ihren vielen Windungen kann einen Rückstau von Blut, also das Entstehen von Krampfadern befördern. Diese sind zwar möglicherweise für die Fruchtbarkeit ein Problem, aber eher selten mit Schmerzen verbunden.

Ebenfalls aus Gründen der Kühlung befinden sich die Hoden außerhalb des Körpers. Allerdings sind sie da nicht von Anfang an. Sie bilden sich während der Embryonalphase innerhalb des Körpers und wandern - etwa ab dem siebenten Schwangerschaftsmonat - bis zum Zeitpunkt der Geburt hinunter in den Hodensack. Bei diesem Prozess müssen die Keimdrüsen die Gefäße, den Samenstrang und Nerven durch den Leistenkanal »mitnehmen«. Auch dieser Prozess ist störanfällig. Denn nicht immer ist diese Hodenabsenkung bis zur Geburt abgeschlossen. Mediziner nennen das Hodenhochstand.

Außerdem kann die Hodenwanderung weitere Erkrankungen, zum Beispiel einen Leistenbruch, begünstigen. Denn in den Kanal, durch den der Samenstrang nach unten führt, kann auch eine Darmschlinge hineinrutschen.

Außerdem sind die Hoden sehr beweglich angeordnet, was ebenfalls Probleme bereitet. Denn das kann zu einer gefährlichen Verdrehung führen, die die Blutzufuhr unterbricht. Und schließlich befindet sich in den und um die Hoden herum ein dichtes Geflecht von Nerven, die zum einen den an den Hoden gehefteten Kremastermuskel steuern, der den Hoden zum Schutz oder bei sexueller Erregung hochzieht.

Und zum anderen übertragen die Nerven eben auch Schmerzempfindungen. »Die arterhaltende Funktion ist der wahrscheinliche Grund dafür, dass die Hoden so schmerzempfindlich sind«, sagt Götz Geiges, niedergelassener Urologe und Androloge in Berlin-Charlottenburg. Der Mann soll so motiviert sein, die Keimdrüsen vor dem Einwirken stumpfer Gewalt zu schützen, damit die Fruchtbarkeit nicht gefährdet wird.

Symptome: Hodenschmerzen können chronisch sein oder durch einen konkreten Anlass akut ausgelöst werden. Der dumpfe, krampfartige Akutschmerz kann sich bis in den Bauchraum ausbreiten und so heftig sein, dass er den Mann buchstäblich in die Knie zwingt. Kein Wunder, dass auch Folterer sich oft diese Schwachstelle zunutze machen, mit Elektroschocks zum Beispiel oder Schlägen.

Ursache: So kompliziert und störanfällig der anatomische Aufbau der Hoden ist, so vielfältig sind die Faktoren, die möglicherweise Schmerzen auslösen. Ein verdrehter Hoden - mediznisch: Torsion - löst zum Beispiel urplötzlich sehr heftige Schmerzen aus, die von Übelkeit und Erbrechen begleitet werden können. Dafür ist es unter Umständen schon ausreichend, in der Nacht falsch gelegen zu haben. Auch eine bösartige Geschwulst führt möglicherweise, aber eher selten zu Schmerzen.

Und natürlich ist auch ein Schlag auf die Keimdrüsen - durch einen Tritt, durch den Sturz auf eine Fahrradstange, durch einen Treffer mit dem Fußball - extrem schmerzhaft. Der Urologe Geiges nennt dies »Klassiker«, weil solche Unfälle Jungen oder Männer besonders häufig zum Urologen führen. Eine solche Einwirkung von Gewalt, die Mediziner Trauma nennen, kann die Hoden dauerhaft schädigen, ja sogar zu einem Riss des Gewebes führen, also einer Ruptur.

Auch Krankheitserreger, die sich über die Harnröhre oder Prostata bis in die Hoden oder Nebenhoden ausgebreitet haben, können anhaltende Schmerzen und auch eine Schwellung verursachen. Selbst aus entfernteren Körperregionen, wie etwa bei einem Leistenbruch oder Bandscheibenvorfall, können die Beschwerden in die Hoden ausstrahlen. Dies ist oft begleitet von Infektionszeichen wie Fieber, Überwärmung und Rötung.

Selbst zurückliegende Operationen, zum Beispiel eine Leistenbruch-OP oder ein Eingriff zur Sterilisation, können durch späte Nebenwirkungen für Hodenschmerzen verantwortlich sein.

Schließlich spielt neben den rein organischen Ursachen auch die Psyche gerade bei chronischen Hodenschmerzen eine große Rolle. So kann allein die Erwartung, dass es gleich schmerzhaft wird, tatsächlich Schmerzen verursachen. Auch dann, wenn ein akuter Schmerz so lange anhält, dass sich ein Schmerzgedächtnis bildet. Denn dann bleibt dieser auch, wenn die Ursache längst verschwunden ist. Dauert der Schmerz länger als drei Monate an, sprechen Mediziner von chronischen Schmerzen.

Weil die Ursachen so vielfältig sind und deren Auswirkungen zum Beispiel auf die Fruchtbarkeit unter Umständen erheblich sind, rät der Urologe Geiges, bei plötzlich auftretenden Schmerzen immer einen Facharzt aufzusuchen. »Wenn bei einem akuten Anlass die Schmerzen nicht binnen einer Viertel oder halben Stunde wieder abklingen, wenn eine Verdrehung sichtbar ist oder wenn zu den Schmerzen auch Schwellungen tastbar sind, dann sollte man auf jeden Fall schnell zum Arzt.« So genügen bei einem verdrehten oder gerissenen Hoden schon wenige unbehandelte Stunden, um den Hoden und damit die Fruchtbarkeit infolge der unterbrochenen Blutversorgung unwiederbringlich zu schädigen.

Diagnostik: Der Arzt wird zunächst mit dem Patienten ein Gespräch führen. Denn bereits aus der Art und der Intensität der Schmerzen sowie aus dem Anlass kann der Urologe auf die wahrscheinliche Ursache der Beschwerden schließen. Und er wird in den meisten Fällen auch eine Tastuntersuchung der Hoden durchführen. Eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraumes, um zum Beispiel einen Leistenbruch oder einen Harnleiterstein auszuschließen, und ein Abstrich aus der Harnröhre, um Infektionen abzuklären, gehören ebenso zum diagnostischen Instrumentarium. Möglicherweise wird der Arzt auch Urin- oder Ejakulatproben im Labor untersuchen lassen, ebenfalls um Infektionen auf die Spur zu kommen.

Therapie: Da die Ursachen von Hodenschmerzen so vielfältig sind, sind auch die Behandlungsoptionen zahlreich. Bei einer Hodentorsion muss der Arzt operieren und zwar schnell, weil die verdrehten Gefäße den Hoden nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgen. Dabei wird der Hodensack geöffnet, die verdrehte Keimdrüse richtig gestellt und an der Innenwand des Hodensacks fixiert, um eine erneute Fehlstellung zu vermeiden. Und weil eine Anfälligkeit für eine solche Torsion durch die individuelle Anatomie vorgegeben ist, wird der Arzt bei der Gelegenheit die noch nicht betroffene Keimdrüse ebenfalls fixieren. »Die Operation ist ein Routineeingriff«, sagt Geiges.

Auch bei einem Riss des Gewebes muss der Arzt zum Skalpell und zur Nadel greifen, um diese Ruptur zu vernähen. Hat die Gewalteinwirkung »nur« einen Bluterguss hinterlassen, genügt es, den Hoden zu kühlen und auf das Abschwellen zu warten.

Ist eine Entzündung im Nebenhoden nachweisbar, wird der Mediziner diese mit Antibiotika behandeln, da diese Erkrankung oft von Bakterien ausgelöst wird - im Gegensatz zu den deutlich selteneren Hodenentzündungen, hinter denen meist Viren stecken.

Schwieriger und langwieriger wird es, wenn trotz aller Untersuchungen keine organischen Ursachen der Schmerzen zu finden sind. Dann versucht der Arzt, den chronisch gewordenen Schmerz, der seine Warnfunktion verloren hat und nur noch für sich steht, direkt zu bekämpfen. Die üblichen Schmerzmedikamente zum Schlucken - wie Acetylsalicylsäure, Paracetamol, Ibuprofen und ähnliche - wirken bei dieser Art Schmerz nur unzureichend, weil sie über das Verdauungs- und Kreislaufsystem verteilt werden. Doch ähnlich wie das Gehirn sind auch die Hoden durch eine Schranke vom allgemeinen Blutkreislauf abgetrennt, um die sich entwickelnden empfindlichen Spermien vor möglichen Schadstoffen im Blut zu schützen. Ein Wirkstoff, der geschluckt wird, erreicht diese dadurch ebenfalls nicht. »Akupunktur, Biofeedback oder Entspannungstechniken wie autogenes Training können mögliche Alternativen sein«, sagt der Urologe Geiges. Möglicherweise, nach kritischer Abwägung, seien medikamentöse Therapien auch mittels Antidepressiva unter Umständen in Kombination mit speziellen Schmerzmedikamenten zu überlegen.

Wenn die Schmerzen unerträglich sind, gibt es noch eine radikale Möglichkeit: die Nervenbahnen zu durchtrennen. »Das ist ein eher seltener Eingriff«, sagt Götz Geiges, der auch urologische Operationen durchführt. Die Erfolgsquote liege auch nur bei 30 bis 60 Prozent. Bei den übrigen Patienten gebe es keine Verbesserungen - oder sogar eine Verschlechterung. Geiges empfiehlt deshalb: »In diesem Falle eine Zweitmeinung einzuholen, ist immer hilfreich.«

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