Arztbrief : Von Zecken übertragene Krankheiten

Borreliose und Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)

Gwendolin Gurr

Borreliose
Erklärung
Die Borreliose ist die häufigste von Zecken übertragene Krankheit. Beim Blutsaugen kann das Spinnentier den Erreger – Bakterien aus der Gruppe der Borrelien – an ihren Wirt weitergeben. „Nur in einem Bruchteil der Fälle, in denen eine Zecke zusticht, kommt es auch zur Infektion beim Menschen«, sagt Hendrik Wilking, Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut.

Grafik: René Reinheckel

Symptome
Eine Borreliose kann sich in verschiedenen Ausprägungen zeigen. »Hat die Zecke die Erreger an ihren Wirt übertragen, zeigt sich nach Tagen bis Wochen zunächst ein ringförmiger Ausschlag an der Stichstelle«, sagt der Experte für Zoonosen, also für vom Tier auf den Menschen weitergegebene Erkrankungen. Da der Ausschlag mit der Zeit wächst und sich innen aufhellt, wird er auch Wanderröte genannt. In 95 Prozent der Fälle bleibt es bei dem ringförmigen Ausschlag, sagt Wilking. Häufig leiden Patienten außerdem an grippeähnlichen Symptomen wie Abgeschlagenheit, Nachtschweiß, Fieber oder unspezifischen Gelenk- und Muskelschmerzen. Bleibt es nicht bei der Wanderröte und grippeähnlichen Symptomen, verteilt sich das Bakterium Borrelia burgdorferi in einem Zeitraum von ein bis sechs Monaten über das Blut im Körper. Mitunter befällt die Infektion das Hirn. »Es kommt zu einer sogenannten Neuroborreliose mit Hirnhautentzündung und oft auch Nervenlähmungen im Gesichtsbereich. Auch Gehirn und Rückenmark können entzündet sein.« Für das zweite Stadium typische Symptome sind brennende Nervenschmerzen, Lähmungen oder Gefühlsverlust in bestimmten Hautbereichen. In seltenen Fällen können sich auch nach Monaten bis Jahren noch Symptome einer Borreliose zeigen. Davon betroffen sind vor allem die Gelenke, die Haut und das Nervensystem. Am häufigsten entzünden sich später Gelenke, zum Beispiel das Kniegelenk. Schmerzschübe sowie eine Schwellung oder Rötung des Gelenks sind Anzeichen dafür. Aus einer Borreliose kann sich in seltenen Fällen ein chronisches Leiden entwickeln. Arthritis oder Lähmungserscheinungen bleiben bestehen.

Ursachen
Mit Borreliose können sich Menschen über Zeckenstiche infizieren. In Deutschland überträgt vor allem der Gemeine Holzbock, eine Zeckenart, die Krankheit. Zwischen fünf und mehr als 35 Prozent dieser Zecken tragen den Erreger in sich. Im hohen Gras, in Büschen, Hecken und in Wäldern ist das Risiko, von einer infizierten Zecke gestochen zu werden, besonders groß. »Menschen können jedoch genauso in einem Park mitten in der Stadt von einer Zecke gestochen und mit Borreliose infi ziert werden«, sagt Wilking. Die Blutsauger sind vor allem im Frühling und Sommer aktiv. In diesen Jahreszeiten erkranken besonders viele Menschen. Eine gewisse Infektionsgefahr besteht aber auch im Herbst und selbst im Winter. Die kleinen Spinnentiere nehmen die Bakterien beim Blutsaugen vom infizierten Wirt auf und geben sie an ihr nächstes Opfer weiter. Saugt eine Zecke an einem betroffenen Nagetier Blut und sticht später einen Menschen, kann dieser mit den Borrelien infiziert werden. »Die Bakterien befinden sich zunächst im Mitteldarm der Zecke. Deshalb dauert es ungefähr zwölf Stunden, bis die Borrelien über den Speichel der Zecke in das Blut des Menschen gelangen«, sagt Experte Wilking. »Je schneller die Zecke entfernt wird, desto niedriger ist das Risiko, an Borreliose zu erkranken. « Menschen können die Bakterien übrigens nicht weiterübertragen.

Diagnose
In 95 Prozent der Borrelioseerkrankungen zeigt sich die Wanderröte an der Einstichstelle. Identifiziert der Arzt den Hautausschlag als Wanderröte, verschreibt er dem Patienten Antibiotika. Zeigen sich Symptome einer Neuroborreliose, kann eine Untersuchung der Hirn- und Rückenmarkflüssigkeit Auskunft geben, ob es sich um eine Borrelioseinfektion handelt, sagt Wilking. Häufig wird auch das Blut des Betroffenen untersucht. »Im Blut ist eine akute Borrelieninfektion allerdings schwer nachweisbar«, sagt der Infektionsepidemiologe. »Denn der Nachweis erfolgt über die Antikörper gegen Borrelien, und diese haben ein Viertel der Menschen im Laufe ihres Lebens aufgrund einer früher durchgemachten Borreliose bereits gebildet.«

Therapie
Wenn das Bakterium sich noch nicht über den Körper ausgebreitet hat, ist Borreliose gut behandelbar und kann ohne Schäden überstanden werden. »In den meisten Fällen können Betroff ene mit einer Antibiotikatherapie geheilt werden«, sagt Wilking. Diese dauert ungefähr drei Wochen. »Schäden im Nervengewebe können aber vom Körper manchmal nur langsam repariert werden«, sagt Wilking. »Betroffene leiden in diesem Fall länger unter Schmerzen.« Auch nach einem langen Krankheitsverlauf ist noch eine Heilung der Borreliose möglich. Sie kann in seltenen Fällen aber auch dauerhaft e Schäden, zum Beispiel Gelenkprobleme, hinterlassen.

Prävention
»Gegen Borreliose ist in Deutschland kein Impfpräparat zugelassen«, sagt Wilking. Derzeit werde in Europa an einem Wirkstoff geforscht. Dass es in Deutschland in den nächsten Jahren einen Impfstoff geben wird, hält der Infektionsepidemiologe deshalb für möglich. Das hänge aber davon ab, ob sich die Herstellung und Vermarktung für die Anbieter rechnet, und das wisse man noch nicht. Um einer Borrelioseinfektion vorzubeugen, hilft also zunächst nur der Schutz vor Zecken: bedeckte Beine, Schutzmittel und vor allem gründliches Absuchen nach dem Aufenthalt im Freien. Falls es dennoch zu einem Zeckenstich kommt, sollte der Blutsauger schnellstmöglich entfernt werden. »Auf keinen Fall soll man eine Nacht warten oder erst einen Arzttermin vereinbaren«, sagt Wilking. Je länger die Zecke Blut ungestört saugen kann, desto höher ist das Infektionsrisiko.

Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME)
Erklärung
Zecken können nicht nur Bakterien übertragen. Auch die Frühsommer-Meningoenzephalitis (FSME) wird von den Parasiten an den Menschen weitergegeben – eine Virusinfektion, die in Deutschland vorwiegend in den südlichen Bundesländern auftritt. Häufig bemerken Betroffene die Infektion nicht. In einigen Fällen können grippeähnliche Symptome und hohes Fieber sowie Hirn- und Hirnhautentzündungen die Folgen sein. Bei Kindern ist die Prognose günstiger als bei Erwachsenen. Wer sich schützen will, kann sich impfen lassen.

Symptome
»Hat sich ein Mensch über eine Zecke mit FSME-Viren infiziert, treten erste Symptome nach rund zehn Tagen auf«, sagt Wiebke Hellenbrand, Infektionsepidemiologin am Robert Koch-Institut. Ein hoher Anteil der Infektionen – schätzungsweise 70 bis 95 Prozent verläuft jedoch asymptomatisch, also ohne typische Beschwerden zu verursachen. In der ersten Krankheitsphase zeigen sich grippeähnliche Symptome wie Fieber, Muskelschmerzen oder Durchfall. »In der zweiten Phase, wenn auch das zentrale Nervensystem entzündet ist, leiden Betroffene an Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, Schlaflosigkeit und Erbrechen «, sagt die Expertin. Diese Beschwerden treten etwa eine Woche nach der ersten Krankheitsphase auf und deuten auf eine Hirnhautentzündung, die sogenannte Meningitis, hin. Ist auch das Gehirn entzündet (Enzephalitis), erleiden Patienten Bewusstseinsstörungen mit extremer Müdigkeit bis hin zum Koma oder Fieberträumen. Meist tritt die Gehirnentzündung gemeinsam mit der Hirnhautentzündung auf. »Lähmungen, Krampfanfälle oder Sprachstörungen sind typische Symptome für die sogenannte Meningoenzephalitis«, sagt die Expertin. Einige Erkrankte erleiden auch eine Entzündung des Rückenmarkgewebes. Lähmungen der Arme, Beine und des Schulterbereiches sowie Atemlähmungen sind typische Symptome. Laut Robert Koch-Institut kommt es bei einer FSME-Infektion am häufigsten zur Entzündung der Hirnhaut (in etwa 50 Prozent der Fälle), gefolgt von der Gehirnentzündung (etwa 40 Prozent der Fälle) und der Rückenmarksentzündung (zehn Prozent der Fälle). »Hohes Fieber über 38,5 Grad tritt bei der Frühsommer-Meningoenzephalitis so gut wie immer auf«, sagt Hellenbrand.

Ursachen
Das FSME-Virus wird von infizierten Zecken beim Blutsaugen übertragen. FSME ist in Deutschland hauptsächlich im Süden – in Bayern, Baden-Württemberg, im Süden Hessens sowie in Teilen von Thüringen Rheinland-Pfalz und Sachsen – verbreitet. In diesen sogenannten Risikogebieten treten mehr Krankheitsfälle auf als in anderen Gebieten. Auch bei der FSME gilt: Wer sich in Risikogebieten aufhält – im hohen Gras, Unterholz oder Gebüsch –, ist besonders gefährdet, von einer Zecke gestochen zu werden und sich anzustecken. Hat eine FSME-infizierte Zecke einen Menschen befallen, kann sie die Viren sehr schnell übertragen. »Anders als die Borrelien sitzen die FSME-Viren nicht im Darm der Zecke, sondern bereits in den Speicheldrüsen«, sagt Hellenbrand. Stechen die winzigen Blutsauger zu, können sie den Erreger mit ihrem Speichel sofort weitergeben. Deshalb ist es in Risikogebieten besonders wichtig, Zecken schnellstmöglich zu entfernen.

Diagnose
Da die Symptome der FSME häufig grippeähnlich sind, müsste sich der Arzt vor allem nach Zeckenstichen und Aufenthalten in Risikogebieten in der Vergangenheit erkundigen, um die Diagnose FSME zu stellen. Der Arzt untersucht den Körper des Patienten nach neurologischen Auffälligkeiten. »Bei Verdacht ist eine Untersuchung des Gehirnwassers oder des Blutes notwendig, um Antikörper gegen den FSME-Erreger nachweisen zu können«, sagt Hellenbrand. Das Gehirnwasser für die Probe entnimmt der Arzt mit einer Spritze aus dem Rückenmarkskanal des Patienten.

Therapie
Für die Virusinfektion mit FSME gibt es keine heilende Therapie, sagt Expertin Hellenbrand. »FSME kann man nur unterstützend behandeln. Die Symptome können medikamentös zum Beispiel durch Schmerzmedikamente gelindert werden.“ Betroffenen wird häufig Bettruhe empfohlen. Bei schweren Atemwegslähmungen kann ein Aufenthalt auf der Intensivstation notwendig sein, sagt Hellenbrand. Die Prognose bei FSME sei insgesamt aber günstig. »Die Krankheit heilt bei Kindern fast immer komplett aus, Erwachsene tragen in 40 Prozent der Fälle langanhaltende Schäden davon.«

Prävention
Anders als bei der Borreliose können Menschen sich gegen das FSME-Virus impfen lassen. Ob sich eine solche Impfung lohnt, sollte jeder individuell entscheiden, sagt die Expertin vom Robert Koch-Institut. Für Menschen, die im Risikogebiet leben und oft in freier Natur unterwegs sind, wird die Impfung empfohlen. Bei Reisen in Risikogebiete solle jeder für sich selbst Risiko und Nutzen abwägen. Bereits ab dem zweiten Lebensjahr können Kinder gegen das Virus geimpft werden. »Um gegen das Virus immun zu werden, sind insgesamt drei Impfungen nötig.« Zwischen der ersten und zweiten Impfung liegen vier Wochen. »Die dritte Impfung erfolgt entweder nach fünf bis neun oder neun bis zwölf Wochen, je nach Hersteller des Präparats«, sagt die Expertin. Die Impfung sollte nach drei Jahren aufgefrischt werden. Die Nebenwirkungen der Impfung sind ähnlich wie die anderer Impfungen – wie Fieber, Unwohlsein, Muskelschmerzen – aber nicht gefährlich, sagt Hellenbrand. Wer unter einer Eiweißallergie leidet, sollte während der Impfung speziell überwacht werden. In sehr seltenen Fällen vertragen Betroffene den Impfstoff nicht. Wer kurzfristig geschützt sein möchte, kann eine Schnellimmunisierung wählen. Durch diese Impfung kann eine Immunität bereits nach drei bis vier Wochen ausgebildet werden.

Unser Experte Hendrik Wilking ist Infektionsepidemiologe am Robert-Koch-Institut in Berlin.
Unser Expertin Wiebke Hellenbrand ist Infektionsepidemiologinam Robert-Koch-Institut.

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